Interpol in Hamburg: Wenn im Barocksaal die Wände wackeln

Interpol mit Sänger Paul Banks (46) in der Hamburger Laeiszhalle.
Interpol mit Sänger Paul Banks (46) in der Hamburger Laeiszhalle.

Es gibt diese Stelle in „Pioneer To The Falls“, an der Paul Banks am Montagabend ganz allein singt. Nur er und seine mäkelig-schnurrende Stimme, und der ganze Wall of Sound, der ihn die ganze Zeit umgeben hatte, ist kurz weg. Und da es ist so still in der rappelvollen Laeiszhalle, dass man wirklich, wirklich eine Stecknadel fallen hören könnte. Und dann mäkelt er „I felt you so much today“ und die Musik brandet wieder auf wie eine Flutwelle.

Der Sinn für Ästhetik, der strömt den New Yorker Post-Punk-Indie-Rockern Interpol seit jeher aus jeder Pore. Man kennt sie stets gut gekleidet und immer um Contenance bemüht. Der edle Konzertsaal am Johannes-Brahms-Platz ist von daher ein passender Ort für diese 20-Jahre-„Antics“-Tour, die das famose zweite Album der Band feiern soll.

„Antics“ brachte vieles auf den Punkt, was Interpol ausmacht. Dieses seltsame Paradoxon, dass ihre Songs mit den stoischen Grooves und den mäandernden Gitarren immer irgendwie unterkühlt wirken. Manchmal fast klinisch. Und gleichzeitig taugen sie dazu, sich in sie zu hüllen, wie in eine Decke. Das kriegt sonst keiner so hin.

Interpol: Es dauert einen Song, dann stehen alle

Und die erste Hälfte des Abends ist eben dem gewidmet. Die zehn Songs des Albums am Stück. Im bestuhlten Saal mit Stuck und gestaffelten Oberrängen dauert es genau einen Song, also bis „Evil“, dann stehen alle.

Und während da im Hintergrund die Nebelmaschinen auf Volldampf laufen und den riesigen Raum einräuchern, strahlt die Bühne in den spektakulären Spotlight-Choreographien mal feurig rot, mal blitzend blau. Die Musiker, nur Schattenrisse gegen das vernebelte Licht. Und so nebelig der Raum, so glasklar sind Gitarre, Schlagzeug und Bass zu hören. Und wenn dann die zickig-singenden Gitarren-Mantren sich aufstapeln auf den Beats des Aushilfsdrummers, der zurzeit den verletzten Sam Fogarino ersetzt, und ein Rädchen ins andere greift, dann ist das wirklich ganz groß.

Hamburg: Interpol live in der Laeiszhalle

Aber dass alles zerbrechlich ist – das Leben, die Liebe, pulverbeschmierte Spiegel und eben auch der perfekte Moment – das ist ja von vornherein immer mit angelegt, in der Interpol-Idee. Wie die Stimme von Paul Banks manchmal bricht, wie die Gitarren-Türme manchmal kurz rhythmisch aus dem Ruder laufen, wie der Sound in den besonders und fast ohrenbetäubend lauten Momenten plötzlich klingt, wie aus dem U-Bahn-Tunnel und aus „glasklar“ plötzlich „abgesoffen“ wird, das ist dann eben auch Teil des Abends, aber nicht so schlimm.

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Bei den Ansagen wirkt die Stimme von Paul Banks, diesem spröden Kerl, einst langjähriger Partner von Top-Model Helena Christensen und nebenbei mit einer überraschenden Leidenschaft für HipHop ausgestattet, wie die eines zugeschalteten Telefon-Jokers. „Findest du auch, dass der klingt wie aus der Dose?“, raunt mir jemand zu. Schon, aber ich glaub, das soll so. Nur verstehen tut man ihn so leider nicht.

Aber das macht ja nix, denn das hier erklärt sich ja alles von selbst. Nach kurzer Pause gibt es ein Potpourri weiteren Materials. „The Rover“ versinkt im Sound-Schlamassel. „Pace Is The Trick“, „My Desire“, „Obstacle 1“. Und das wieder sehr majestätisch und gewaltig heranbrandende „Lights“. Und wie die Menge dann nach 90 Minuten zufrieden aus dem opulenten Gebäude strömt, ist klar: Es war eine standesgemäße Feier eines herausragenden Albums.

Es gibt diese Stelle in „Pioneer To The Falls“, an der Paul Banks am Montagabend ganz allein singt. Nur er und seine mäkelig-schnurrende Stimme, und der ganze Wall of Sound, der ihn die ganze Zeit umgeben hatte, ist kurz weg. Und da es ist so still in der rappelvollen Laeiszhalle, dass man wirklich, wirklich eine Stecknadel fallen hören könnte. Und dann mäkelt er „I felt you so much today“ und die Musik brandet wieder auf wie eine Flutwelle.