Air noch einmal auf „Moon Safari“: So schön kann Easy Listening sein
Mit „Moon Safari“ lieferten die Franzosen Ende der 90er ein Jahrhundertalbum, entsprechend erwartungsvoll war die Stimmung am Freitagabend im Stadtpark. Bühnentechnisch wie ein Schuhkarton from outer Space, musikalisch von verhuschter Magie – ein Abend fürs Easy-Listening-Erinnerungsalbum.
Als am Ende des Air-Konzertes „Electronic Performers“ erklingt, mit diesen Roboterstimmen, die von fern an Kraftwerk erinnern, dann ist das klanglich der perfekte Schlusspunkt, als Credo taugt es jedoch nur bedingt. So elektronisch, so digital verwurzelt ihr Sound auch sein mag, am Ende des Tages sind Air, sind Nicolas Godin und Jean-Benoît „JB“ Dunckel Menschen aus Fleisch und Blut. Dementsprechend ist ihre Musik ein flirrender Mix aus Easy Listening, Synthie-Pop, einer Prise Prog und ganz, ganz viel Liebe.
Im Januar 1998 erschienen, laufen die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum des ikonischen „Moon Safari“-Albums nun schon deutlich über den Geburtstag hinaus und wenn man so in die Gesichter des Publikums schaut – der Hamburger Stadtpark naturellement ausverkauft –, dann darf das gern noch eine Weile so weiter gehen.
Air im Stadtpark: French-Pop-Sprechstunde
Pünktlich um 20 Uhr beginnt die Show, das Bühnenbild der Franzosen eine Art nach vorn geöffneter Karton, ein Showroom, weiß umrandet, der perfekte Rahmen für das Duo, komplettiert von Schlagzeuger Louis Delorme. Der Start gerät fast ein wenig profan. Die Aura von Air, dieses ungewöhnliche Bühnensetting – und dann stöpseln wie bei jeder anderen Show auch, für alle sichtbar, ein paar Roadies Kabel und Verstärker ein und an? Mais oui, warum auch nicht.
Als die Basslinie des „Moon Safari“-Openers „La Femme d’Argent“ erklingt, verschwimmen die Grenzen zur Realität ohnehin. Als eines der hypnotischsten, magischsten, einnehmendsten Popwerke dies- und jenseits der Jahrtausendgrenze tut das Stück auch live seine Wirkung – ein Sog von einem Song, dabei mit Verve und zugänglicher Eleganz dargeboten, für viele Zuschauer*innen wohl ein verfrühter Höhepunkt. Doch Air beweisen im Verlauf des Konzerts, dass sie mehr davon im Köcher haben. Ganz in weiß sind die Musiker gekleidet, ein fast klinischer Look – die Herren Musikdoktoren laden zur French-Pop-Sprechstunde.
Air gehen noch einmal auf „Moon Safari“
Bei „Sexy Boy“ gibt es im Bühnenkasten einen Kometenhagel, zu „Kelly Watch The Stars“ wird das Computerspiel „Pong“ gezeigt, ein prähistorisches Game-Gegenstück zum legendären Tischtennis-Video, das den Song einst im Musikfernsehen – erinnert sich jemand? – begleitete.
Die Setlist im ersten Teil des Konzerts entspricht der Tracklist von „Moon Safari“. Bei „Talisman“ steigt Nebel auf, „Make It Easy“ plätschert ein wenig dahin, bunte Sterne erscheinen auf der Rückwand der Bühne, man denkt an Weihnachten und Fondant-Naschkram, an Naturfilme über Blumenwiesen und Schmetterlinge. Alles klingt jetzt easy, dann wieder dezent elektronisch, wie Captain Future im Vorruhestand. Und genau dann, wenn es etwas zu leichtgewichtig wird, ein wenig zu zuckrig, dann holt Drummer Louis Delorme die Band mit seinen vehementen Rolls und punktgenauen Beats auf den Boden der Tatsachen.
Air in Hamburg: Merveilleux, Messieurs!
Nach einer kurzen Pause steigen Air im zweiten Teil des Konzertes aus dem Nebel zurück auf die Bühne. „Merci beaucoup“, sagen Godin und Dunckel und wirken dabei wie aus der Zeit gefallene Austauschschüler, ein wenig schüchtern, auf beiläufige Art charmant, fast verwundert darüber, wie ihnen überhaupt all diese Pop-Preziosen eingefallen sind. Mit „Venus“ und „Cherry Blossom Girl“ gibt es zwei Stücke von „Talkie Walkie“, dem Album aus dem Jahr 2004, fast ebenso grandios wie „Moon Safari“. Gleiches gilt für „Highschool Lover“ vom exorbitanten „Virgin Suicides“-Soundtrack.
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Bei „Dirty Trip“ holt Delorme noch einmal alles aus dem Drumkit, „Don’t Be Light“ prangt passend zum Song in großen Lettern auf der Bühnen-Rückwand, mit dem federleichten „Alone in Kyoto“ und, siehe oben, „Electronic Performers“, endet dieser Abend im Hamburger Stadtpark. Easy Listening, das mag ein etwas profaner Begriff sein, aber das war es und damit nichts weniger als eine Krone der Pop-Schöpfung. Einnehmend, hochmelodisch und bei aller Komplexität ganz, ganz leicht, kurz gesagt: Merveilleux, Messieurs!