„Wovon sollen wir träumen“ – besonderer Hamburger Kriegsfilm kommt ins Kino
Taschentücher einpacken! In knapp einer Woche läuft ein Hamburger Film in den Kinos an, der das Thema Krieg auf beeindruckende und ungewöhnliche Weise zeigt. Keine Waffen, keine Explosionen, aber eine emotional tief einschlagende Bombe. „Wovon sollen wir träumen“ zeigt die Geschichte von drei Frauen über vererbte Traumata, häusliche Gewalt und Asylpolitik. Und dabei wäre der Film trotz der thematischen Relevanz fast nicht in die Kinos gekommen.
Es ist eine rassistische Beleidigung, die drei Frauen in „Wovon sollen wir träumen“ (FSK 12) zusammenbringt. Vor einer Lebensmittelausgabe in Hamburg begegnen sich die syrisch-kurdische Ringerin Evîn (Bayan Layla), Freigängerin Laura (Luise Aschenbrenner) und Polizistin Julia (Lea van Acken). Der Austausch zwischen den Frauen dauert nur wenige Sekunden, dann trennen sich ihre Wege und die jeweiligen Geschichten nehmen ihren Lauf.
Im Zentrum des Filmes steht dabei das Thema Krieg, wie die Regisseur:innen Milena Aboyan (33) und Constantin Hatz (37) erklären. „Mit ‚Wovon sollen wir träumen‘ wollen wir zeigen, dass Krieg nicht nur dort stattfindet, wo geschossen wird, sondern als Erfahrung weiterlebt und neue Formen annimmt, innerhalb der Familie, in der Politik, aber auch als Krieg, der sich in Erinnerungen festsetzt“, erzählen sie. Es ist nicht ihr erstes gemeinsames Projekt. Der Österreicher und die jesidisch-kurdische Armenierin schrieben bereits gemeinsam das Drehbuch für den Film „Elaha“, mit dem Aboyan ihr Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg abschloss und der für den Deutschen Filmpreis in der Kategorie „bester Spielfilm“ nominiert war.

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Regisseurin: „Wie einen Berg besteigen.“
Das Drehbuch von „Wovon sollen wir träumen“ entstand bereits 2019, bevor „Elaha“ erschien, wie Aboyan verrät. Dass das Projekt nun nach über fünf Jahren ins Kino kommt, ist ein besonderes Gefühl für die Regisseurin. „Es ist ein bisschen wie einen Berg zu besteigen. Man ist komplett am Ende und gleichzeitig freut man sich wahnsinnig, dass man es geschafft hat“, sagt sie.

Das Ergebnis dieser jahrelangen Arbeit ist ein intensiver Film, der Krieg für jeden der Charaktere auf andere Weise zeigt. Evîn (Bayan Layla, die auch bereits in „Elaha“ vor der Kamera stand) hat ihn in ihrem Heimatland Syrien am eigenen Körper erlebt. Dort hat sie an der Seite der kurdischen Rebellen gekämpft. Nun ist sie der Gewalt entflohen, wird aber dennoch von ihr verfolgt, in Gesprächen mit Familie vor Ort, beim Sport oder vor dem Fernseher, während sie ängstlich und wütend das Geschehen in Syrien verfolgt. „Und die Welt sieht nur zu“, sagt ihre Schwester, während die Familie die Nachrichten schaut. „Nein, die Welt sieht weg“, entgegnet der Bruder.

Film „Wovon sollen wir träumen“ über vererbte Traumata
Während der Krieg ein Teil von Evîns Leben ist, hat ihn Freigängerin Laura (Luise Aschenbrenner) nicht selbst erfahren, und dennoch hat er schwere Auswirkungen auf sie. Nach einem Mord kämpft sie um die Anerkennung und Liebe ihrer distanzierten Mutter, obwohl die Beziehung der beiden geprägt ist von stillen Vorwürfen, vererbten Traumata und tief sitzenden Schuldgefühlen.
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Laura erzählt, dass ihre Mutter den Krieg in Jugoslawien erlebt hat, aber nie darüber spricht. Sie schildert auf eindrucksvolle Weise den Schmerz, der unwissentlich an sie weitergegeben wurde. „Sie hat mich fürs Leben geschädigt, genauso wie sie selbst geschädigt war. Eltern und ihre Kinder, das ist ein ekelerregender Mischmasch aus Verachtung und Zerstörung. Ich bin mir sicher, dass Väter und Mütter in ihren Kindern weiterleben. Der Wahnsinn meiner Mutter, der lebt auch in mir weiter.“
Es sind Charaktere wie der ihrer Mutter, die die drei Frauen immer wieder verbinden. In kurzen Alltagsmomenten tauchen sie im Leben der anderen beiden Frauen auf. Flüchtige Interaktionen ohne Bedeutung, die dennoch die Schicksale der drei Frauen miteinander verknüpfen.

Schauspieler Louis Nitsche über die Vorbereitung auf den Film
Für Julia (Lea van Acken) findet der Krieg dort statt, wo sie eigentlich am sichersten sein sollte – in den eigenen vier Wänden. Sie lebt mit ihrem gewalttätigen Ehemann Christian (Louis Nitsche) und dem gemeinsamen einjährigen Sohn Leon zusammen. Jede Interaktion von Julia und Christian ist geprägt von Misstrauen, Unsicherheit und einer konstanten Angst vor dem nächsten Ausraster. Lea van Acken und Louis Nitsche schaffen es dabei, jede ihrer gemeinsamen Szenen mit einer schmerzhaft beklemmenden Stimmung zu unterlegen. Man spürt die Kraft, die es Julia kostet, nach außen hin ein stabiles Gesicht zu wahren, während sie innerlich immer weiter zerbricht an der physischen und emotionalen Gewalt, der sie ausgesetzt ist.
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Die Rolle des Christian zu spielen, war auch für Louis Nitsche (33) eine Herausforderung, wie er verrät. „Ich habe mehrere Wochen intensiv Artikel gelesen und Podcasts gehört, um mich auf die Rolle vorzubereiten“, so der Hamburger. „Obwohl ich denke, dass ich schon vorher einiges über häusliche Gewalt wusste, hat mich die Arbeit an dem Film noch mal viel stärker sensibilisiert.“
Hier läuft der Film in Hamburg
Der Film zeigt den Schmerz der Frauen, ihre Wut auf eine Realität, in der sie nicht sein wollen und in der sie sich nicht sicher fühlen. Laura formuliert es so: „Rücksichtslos hat man mich in diese Welt geworfen.“ Oder Evîn: „Ich fühle mich wie in einem Hundezwinger.“ Oder Julia: „Ich möchte einfach nur alleine sein.“ Doch der Film zeigt auch ihre Wut, ihren Kampfgeist und einen unverkennbaren Überlebenswillen. Julia, die ihrem Gewalttäter gegenüber laut wird. Laura, die ihre Mutter mit ihrer Abwesenheit konfrontiert, oder Evîn, die sich weigert, klein beizugeben. „Wovon sollen wir träumen“ bringt einen Weltschmerz über soziale Ungerechtigkeiten, Gewalt und Einsamkeit auf die Leinwand und schafft es dennoch, dass Zuschauer:innen mit einem Gefühl der Hoffnung den Kinosaal verlassen.
Der Film startet am 19. Februar deutschlandweit in ausgewählten Kinos – in Hamburg im Kinopolis in der HafenCity. Ein Besuch lohnt sich nicht nur aufgrund des gesellschaftlich relevanten Themas und der cinematurgischen Schönheit, sondern auch, weil die Branche des Arthouse-Filmes unter großem Druck steht.

Regisseur Constantin Hatz: „unfassbares Vertrauen“
So ist die Produktionsfirma von „Wovon sollen wir träumen“, kurz vor Start insolvent gegangen. „Das war für uns sehr traurig und hat natürlich zusätzliche Herausforderungen mit sich gebracht. Umso mehr freuen wir uns, dass der Film trotzdem so viel Resonanz und positives Feedback bekommt“, erzählt Milena Aboyan. Bei dem Filmfestival Max Ophüls Preis hat ihr Film den Publikumspreis gewonnen.
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Constantin Hatz schätzt die Arbeit mit Aboyan sehr. „Es ist ein unfassbares Vertrauen, was da über die Jahre entstanden ist. Mit ihr zu arbeiten ist sehr bereichernd und inspirierend.“ Und er verrät, sie arbeiten bereits an einem neuen gemeinsamen Projekt.
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