Frauen verschiedenen Alters stehen hintereinander auf der Bühne

Szene aus dem Stück „Mothers“: eine emotionale Ode an die Menschlichkeit Foto: Bartek Warzecha

Theater-Festival „Lessingtage“: Da lebt jetzt sogar eine WG im Thalia!

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Es ist das erste Theaterfestival des Jahres – und es startet im Thalia mit einem Wumms: Angesichts des anhaltenden Siegeszugs rechter und rechtsextremer Kräfte in Europa ist bei den Lessingtagen  (31.1. bis 15.2.) der Begriff Postpopulismus der rote Faden des Programms. Gezeigt werden internationale Gastspiele und Neuproduktionen. Und in einem Stück  wird Deutschland der Prozess gemacht. Erst- und einmalig kuratiert Theatermacher Matthias Lilienthal (66) das Festival. Was hat er sonst noch vor?

MOPO: Was ist neu an „Ihren“ Lessingtagen?
Matthias Lilienthal: Die Lessingtage sind fast so wie immer. Es gibt nur ein paar kleine Modifikationen. So haben wir ein definiertes Thema, das auf einen Teil der Produktionen zutrifft. Denn wir steuern auf eine Regierung unter der Führung der AfD zu. Also fragen wir: Wie kann man sich während der Zeit mit der AfD behaupten? Wie bekommt man eine Gesellschaft nach einer populistischen Herrschaft wieder liberalisiert?

„Postpopulismus“ nennen Sie es im Programmheft. Aber ist das nicht ein sehr pessimistischer Ausblick?
Ich befürchte wirklich, dass wir eine AfD-Regierung bekommen. Aber es wäre falsch, in der Apokalypse zu baden. Ich glaube, wir müssen uns darüber unterhalten, was wir verändern können, um eine lebenswerte Gesellschaft zu erhalten.

Lessingtage im Thalia: Theaterfestival mit hochkarätigem Programm

Welche konkrete Bedrohung sehen Sie?
Die Diskussion, ob der Krieg kommt oder nicht, ist unsinnig. Der Krieg hat längst begonnen. Er beeinflusst den Alltag vielleicht noch nicht so sehr, aber ich finde, wir sind in einer Situation, die man nicht mehr Frieden nennen kann. Sabotagen, Fake-Kampagnen, einzelne Morde: Früher nannte man es Kalter Krieg, heute ist es ein hybrider Krieg.

Ist es Ihnen dafür zu leise im Land?
Ich kann nur meine Verwirrtheiten ausstellen. Meine eigene Haltung ist auch schizophren. Ich möchte nicht, dass meine eigenen Kinder zum Wehrdienst eingezogen werden, und trotzdem finde ich es notwendig, dass sich das Land wehrt. Theater ist für mich ein Auseinandersetzungsort, in dem man mit den Gefühlen dazu umgeht.

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Bei den Lessingtagen richtet sich Ihr Blick nun nach Osten.
Ja, mich ärgert es, dass bei vielen politischen Krisengesprächen immer Starmer, Macron und Merz herumstehen und nicht auch Donald Tusk, der Premierminister eines potenten osteuropäischen Landes. Gerade vom Ukraine-Krieg ist Polen viel direkter betroffen als Deutschland. Deshalb machen wir ein kleines Länderfestival und ein abschießendes Symposium.

Matthias Lilienthal (66), Chef des Lessingtage-Festivals, gehört zu den bestvernetzten Theaterschaffenden in Deutschland. Sandra Then
Vor einem Gebäude er tägt ein rotes T-Shirt und eine schwarze Trainingsjacke und schaut in die Kamera
Matthias Lilienthal (66), Chef des Lessingtage-Festivals, gehört zu den bestvernetzten Theaterschaffenden in Deutschland.

In der Eigenproduktion sitzt Deutschland auf der Anklagebank …
Es ist ein Prozess in fünf Sitzungen, mit Plädoyers, Zeugenbefragungen, Staatsanwaltschaft, Verteidigung, Geschworenen und Urteil. Es werden zwei Fälle verhandelt: eine Einschränkung der Macht für Tech-Giganten und ein AfD-Verbot. Ich finde, dass gerade das AfD-Verbot nicht ernsthaft genug diskutiert wird. Im Theater können wir das fiktional durchspielen, mit allen Pro- und Kontra-Argumenten.

Während des Festivals leben Kunststudierende in den Foyers des Theaters. Warum?
Ich möchte ein Festivalzentrum haben – und ich stamme aus der alten West-Berliner WG-Szene! Und jetzt gucken wir mal, was passiert, wenn Leute 17 Tage lang im Thalia-Theater übernachten, Partys feiern und Wäsche waschen. Und alle Hamburger:innen sind eingeladen: Sie dürfen sich an einen WG-Tisch setzen oder den Bewohner:innen sogar etwas vorlesen, damit die besser einschlafen können.

Kann ich da wirklich rund um die Uhr vorbeigehen?
Ich hoffe, dass uns das gelingen wird. Wir werden auf jeden Fall eine Klingel installieren!

„Lessingtage“: 31.1.-15.2., thalia-theater.de/de/lessingtage

Das Programm – eine Auswahl

31.1. (18 Uhr,) Eröffnungsrede von und mit Jagoda Marinic im Thalia-Theater
Die wort-, ideen- und thesenmächtige Autorin und Journalistin setzt den Ton für die kommenden zwei Wochen: Wie bedroht uns der Rechtspopulismus – und wie können wir uns wehren?

31.1. (20 Uhr) und  1.2. (18 Uhr) „Mothers – A Song For Wartime“ (Thalia-Theater)
Putins Krieg hat sie aus ihrer Heimat in der Ukraine und in Weißrussland vertrieben. Nun leben sie in Polen und erzählen in dem Stück von Regisseurin Marta Górnicka von Flucht, Verlust und Hoffnung. Eine musikalische, hochemotionale Ode an die Menschlichkeit.

„Prozess gegen Deutschland“: Juristen, Experten und Betroffene verhandeln hier unter anderem ein AfD-Verbot. Ines Bacher
Szene aus dem Stück, links sitzt das Publikum, rechts Menschen an verschiedenen Tischen
„Prozess gegen Deutschland“: Juristen, Experten und Betroffene verhandeln hier unter anderem ein AfD-Verbot.

3. und 4.2. (18.30 Uhr) „Attack On The National Stary Theatre“ (Thalia-Theater)
Nationalisten bedrohen immer wieder Kunst und Kultur in Polen. Wie können sich die Kreativen dagegen wehren, wie wichtig ist das Theater für die Zivilgesellschaft und wem gehört eigentlich die Erinnerung? Diese und andere Fragen beschäftigen den gefeierten Regisseur Jakub Skrzywanek in seiner bildgewaltigen Inszenierung.

6. und 7.2. (20 Uhr) „Giselle: A Summary“ (Thalia in der Gaußstraße)
Regisseur Toshiki Okada ist in Hamburg kein Unbekannter. Vor drei Jahren wurde seine Thalia-Inszenierung „Doughnuts“ sogar zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Hier hinterfragt er die Funktion des Balletts als Kunstform mit einer wunderschönen und abgründig witzigen Performance.

7. (19 Uhr) und 8.2 (18 Uhr) „Violenza 2025“ (Thalia-Theater)
Das ist richtig harter Stoff! Es braucht eine Weile, bis das Publikum begreift, dass es Schauspieler sind, die auf der Bühne stehen und keine echten Rechten. Es ist nur ein kleiner Trost: Denn was die Typen von sich geben, ist recherchiert und authentisch. Eine düstere, bedrohliche und absolut notwendige Vision.

9.-15.2., diverse Zeiten, „[EOL] – End Of Life“ (Thalia in der Gaußstraße)
Mitmachtheater! Aber keine Angst: Sie müssen nicht vor Publikum auftreten. Stattdessen betreten Sie mit einer VR-Brille einen virtuellen Raum und müssen Entscheidungen über das Bewahren oder Vernichten von Daten in einem Metaverse treffen. 90 Minuten technisch vollkommene Hochspannung: augenöffnend!

13.-15.2., diverse Zeiten, „Prozess gegen Deutschland“ (Thalia-Theater)
Regisseur Milo Rau inszeniert einen Gerichtsprozess, bei dem vor allem die Argumente für und gegen ein AfD-Verbot verhandelt werden. Nach allen Zeugenbefragungen und Plädoyers entscheidet am letzten Prozesstag eine „echte“ Jury.

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