Ein Schauspieler steht auf einer spärlich beleuchteten Bühne. Im Hintergrund ist das Jahr 1968 an die Wand projeziert.

Am Sonntagabend feierte das Schauspielhaus seinen 125. Geburtstag. Foto: Produktionsfotos © Thomas Aurin

Teufel, nackte Puppen und Stiefelträger – Schauspielhaus feiert 125-Jähriges

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Eine einmalige Vorstellung – leider auch im wörtlichen Sinn – erlebte das Publikum am Sonntagabend im Deutschen Schauspielhaus: Das größte Sprechtheater Deutschlands feierte 125. Geburtstag! Mit allen großen Namen, die das Theater geprägt haben, und einem Best-Of seit der Eröffnung im September 1900.

Intendantin Karin Beier bekennt sich mit einer Liebeserklärung zum Haus. Sie erinnert an die Motivation der Gründer: Unzufrieden mit der schlechten Qualität der bestehenden Hamburger Theater, sammeln 84 Aktionäre Ende des 19. Jahrhunderts in einer privaten Initiative ziemlich zügig genug Geld, um ihren Wunsch-Bau in 13 Monaten (!) zu realisieren. Kultursenator Dr. Carsten Brosda überbringt seine Glückwünsche live gewohnt wortgewandt und rechnet: Auf 27 Intendanzen schaut das Theater zurück, als erste Frau in dieser Position gestaltet Karin Beier seit zwölf Spielzeiten das Profil des Hauses – immerhin ein Zehntel seiner Existenz.

Ehebruch auf der Bühne

Dann betritt der erste Direktor des Schauspielhauses die Bühne: Alfred von Berger – die preisgekrönte Schauspielerin Lina Beckmann mit Bart, Bauch und heiserer Stimme – formuliert bei erhobenem Zeigefinger seine Sicht auf die Bühnenkunst. Mit dem Kollegen Yorck Dippe als Polizeidirektor in historischer Uniform streitet er über das Stück „Mandragola“: Ist ein Ehebruch auf offener Bühne sittenwidrig oder satirisch? 1907 auf jeden Fall ein Skandal – und damit ein Publikumsrenner. Für ein volles Haus, wenn auch nicht unbedingt für die ursprünglich intendierte Qualitätssteigerung, sorgt das beliebte Damenboxen zu sehr später Stunde. Eskortiert von schwarzen Stiefelträgern, erinnern Julia Wieninger und Mirco Kreibich an dunkle Zeiten ab 1936, als jüdische Mitarbeitende entlassen werden; der Satz „Geben Sie Gedankenfreiheit!“ aus Schillers „Don Karlos“ erhielt seinerzeit eine besondere Bedeutung.

Nach 1945 bekommt das Haus von den britischen Besatzern einen neuen Namen: Ein Besuch des „Garrison Theatre“ war Hamburger:innen indes nur mit Sondererlaubnis gestattet.  

Das Ensemble des Schauspielhauses steht zum 125. Geburtstag des Theaters auf der Bühne. Produktionsfotos © Thomas Aurin
Das Ensemble des Schauspielhauses steht zum 125. Geburtstag des Theaters auf der Bühne. Man sieht sie von hinten. Die Rücken sind in blauem Licht angeleuchtet. Die Schauspieler klatschen.
Das Ensemble des Schauspielhauses steht zum 125. Geburtstag des Theaters auf der Bühne.

Dann: Auftritt Gustaf Gründgens 1955! Felix Knoop schlüpft in die Rolle des legendären Schauspielers und Intendanten, malt sich die Teufelsbrauen auf die hohe Stirn und spricht den Dialog zu Beginn der epochalen „Faust“-Inszenierung mit Gott als projiziertem Filmpartner. Aus dem Bühnenhimmel senkt sich das originale Teufelskostüm herab – augenzwinkernd wird am Kult gekratzt, doch respektvoll der Meister zitiert: „Genieren Sie sich nicht, einen Satz mit richtiger Betonung zu sprechen!“

Schauspielhaus beendet Abend mit Standing Ovations

Eva Mattes begrüßt das Publikum mit „Guten Abend, mein Name ist Ivan Nagel“ und erinnert an den Theaterleiter, der u. a. Peter Zadek ans Haus holt. Diese Phase einzuleiten, ist dann Ilse Ritter vorbehalten. Das Wiedersehen mit Zadek rührt zu Tränen: Im Filmausschnitt rückt sein Gesicht ganz nah an das von Susanne Lothar, während sie singt „Wenn ich geh’, dann geht nur ein Teil von mir“.

Schauspieler Yorck Dippe und mehrere Tänzer:innen stehen gemeinsam auf der Bühne. Produktionsfotos © Thomas Aurin
Schauspieler Yorck Dippe und mehrere Tänzer:innen stehen gemeinsam auf der Bühne.
Schauspieler Yorck Dippe und mehrere Tänzer:innen stehen gemeinsam auf der Bühne.

Christoph Marthalers Poesie bereichert ebenso wie Alexander Scheers Interpretation von „Othello“ und Franz Wittenbrinks neues musikalisches Genre des Liederabends. Schauspielerin Christiane von Poelnitz taucht als Jelinek-Stellvertreterin live auf, während ein Filmausschnitt an die Mitwirkung einer nackten Plastik-Puppe mit blinkenden Brustwarzen als Jelinek-Double an Frank Castorfs „Raststätte“ erinnert. Joachim Meyerhoff und Samuel Weiss teilen sich einen Norwegerpullover, wie sie es 2003 in einer Inszenierung von Jürgen Gosch mussten – seinerzeit ihr einziges Kleidungsstück. Edgar Selge ruft sein unvergessliches Solo „Unterwerfung“ in Erinnerung, Lina Beckmann erschüttert in einer Szene aus „Richard the Kid & the King“. Das Finale ist ein urkomisches Lied aus lauter hektisch vorgetragenen Ländernamen – stellvertretend für die Tourneen des Deutschen Schauspielhauses. 

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Die überzeugendste Liebeserklärung des Abends liefert Karin Beier mit dieser fantasievollen Inszenierung ab: Standing Ovations nach kurzweiligen drei Stunden. Happy Birthday, altes Haus!

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Unser Hamburg 22
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