Hamburg

Seal begeistert Hamburg – und sorgt für einen Gänsehautmoment

Seal singt in gelber Jacke auf der Bühne im Kölner Tanzbrunnen.
Seal (63) mit gelber Jacke bei seinem Auftritt in Berlin. In Hamburg trug er eine rote Lederjacke.

Aus dem Nichts ist Seal plötzlich wieder da und beweist, dass er nichts verlernt hat – und dass er ein Megastar zum Anfassen ist.

Keine Scharen an Tänzerinnen oder Tänzern, keine ausufernden Lichtshows oder Pyro-Feuerwerke. Kein Chichi. Nur ein Mann, seine Band und eine Stimme aus Gold: Soul-Sänger Seal beweist bei seinem Hamburg-Konzert am Freitagabend im Stadtpark, dass es für einen unvergesslichen Auftritt nur auf das Wesentliche ankommt. Seine Präsenz ist so unnachahmlich wie sein Gesang – und hautnah spürbar.

Denn der 63-Jährige, der um kurz nach 20 Uhr unter tosendem Applaus auf die Bühne tritt, geht direkt in die Vollen und auf Tuchfühlung mit den 4000 Besuchern, spielt Luftgitarre, tanzt und sucht den direkten Blickkontakt zu seinem Publikum, mitten im Bühnengraben. „Hamburg! Wie geht's euch?“, fragt er in gutem Deutsch, vermutlich ein Überbleibsel aus seiner langjährigen Beziehung mit Model Heidi Klum. Und schickt hinterher: „So schön hier.“

Was kann der Mann eigentlich nicht?

Personifizierte Coolness trifft auf pure Gelassenheit. Es vergehen nur wenige Sekunden, da zieht der Brite – schwarze Lederhose und Hemd, grell-rote Lederjacke – seine Fans in seinen Bann, ob bei seinem Steve-Miller-Cover „Fly Like an Eagle“ oder „Deep Water“. Man wünscht sich beinahe, dass es noch lauter aus den Boxen donnert, so sehr will man das Nachhallen dieser unverwechselbaren Stimme in seinen Ohren halten. 

Dass er nicht nur Luftgitarre spielen kann, beweist er auch, als er sich eine echte, weiße Gitarre mit goldenen Saiten umhängt. Jeder Ton wird getroffen, jede Bewegung sitzt. Was kann der Mann eigentlich nicht?

„Nein, ehrlich? Ehrlich?! Viel zu lang her!“

Er bleibt jedenfalls an diesem Abend ein Star zum Anfassen, und das nicht nur im übertragenden, sondern im buchstäblichen Sinne: Er interagiert immer wieder auf Deutsch mit seinem Publikum, fragt, wann er zuletzt in Hamburg war. Als ein Fan 2008 reinruft, sagt Seal ungläubig: „Nein, ehrlich? Ehrlich?! Viel zu lang her!“ Das Publikum sieht das ähnlich. 

Es wird auch persönlicher, als er über dunkle Phasen bei der Entstehung seines Debütalbums spricht. Und über seinen Vater, zu dem er ein außerordentlich schlechtes Verhältnis hatte, aber der „hin und wieder auch mal intelligente Sachen sagte“. Denn kein Zustand sei von Dauer – weder gute noch schlechte Zeiten. Wobei sich vermutlich viele im Publikum zumindest gewünscht hätten, dass dieser Abend niemals endet.

Es folgen „Dreaming in Metaphors“ und „Prayer for the Dying“. Er zeigt sich als Künstler, der Freude an der Kunst hat – und an der Interaktion mit seinen Fans. Bei „Killer“ klettert er über die Barrikaden und singt sich durchs Publikum, nicht ganz ohne nervöse Blicke anwesender Sicherheitsleute. Es ist ein Bild, das man heutzutage kaum noch sieht, geschweige denn von einem solchen Megastar, dem es ein persönliches Anliegen scheint, dass wirklich jeder diesen Abend genießt. Immer wieder baut er deutsche Wörter spontan in seine Songs ein, der Spaß dabei ist ihm deutlich anzusehen.

Gänsehaut gibt's gratis

Ein Fan verliert beinahe die Fassung angesichts der Nähe des Superstars, der immer wieder auf Tuchfühlung geht und sich auch immer wieder an den Fans abstützt. Seal lässig: „Bleib ruhig, Schatz. Ich liebe dich auch!“

Bei „Kiss From a Rose“, schon zu diesem Zeitpunkt gefühlt das fulminante Finale eines grandiosen Abends, gibt es Gänsehaut gratis. Die Stimmung hat ihren Höhepunkt erreicht, sollte man meinen.

Denn nach einer kurzen Verabschiedung kommt Seal zurück und spielt noch zwei seiner größten Hits: „Crazy“ und „Love's Divine“. Am Ende stellt er seine Band würdigend in den Vorder- und sich in den Hintergrund. Und er bedankt sich im Laufe des Abends nach Songs immer wieder mit „Vielen Dank, ihr Lieben!“ Nein, Seal. Wir haben zu danken – für einen unvergesslichen Auftritt.