Nicht jugendfrei: Die Philharmoniker und ein Auftragskiller im Schmidts Tivoli
Die Geschichte von Auftragskiller Werner „Mucki“ Pinzner ist in den vergangenen 40 Jahren oft erzählt worden. Hat ja auch alles, was eine „fesselnde“ Geschichte braucht. Aber als Live-Hörspiel mit Orchestermusik? Das ist neu. „Peter und der Wolf von St. Pauli“, ein „musikalischer Krimi“ im Schmidts Tivoli. Prokofjew und die Philharmoniker auf der einen Seite, Pinzner auf der anderen Seite. Alles weder märchenhaft noch jugendfrei.
Statt eines Erzählers wie im Musikmärchen-Klassiker sitzen auf der Tivoli-Bühne gleich zwei: Schauspielerin Carolin Spieß und Journalist Axel Brüggemann. Brüggemann hat das Stück mitgeschrieben und -konzipiert, auf der Bühne trägt er eine Polizeiuniform aus den 80ern und blickt immergleich auf einen Papierstapel, der vor ihm auf einem Tisch liegt. Nüchtern erzählt er die Fakten aus den Akten – Pinzners Weg zum Kriminellen, seine „Karriere“ in der brutalen Zeit von „Lackschuh-Dieter“, „Wiener Peter“ und dem „Schönen Klaus“, die Festnahme, die Vernehmung. Carolin Spieß neben ihm schlüpft in die Rolle von Jutta, Pinzners Frau.
Philharmoniker auf dem Kiez: „Peter und der Wolf von St. Pauli“
Auch sie hatte „Mucki“ – Räuber, Zuhälter, Auftragskiller – bei seiner letzten Vernehmung am 29. Juli 1986 im Polizeipräsidium am Berliner Tor erschossen, bevor er sich selbst eine Kugel in den Kopf jagte. Staatsanwalt Wolfgang Bistry erlag wenig später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.
Und während also Jutta aus dem Jenseits naiv über ihren „Geilo“ und dessen großes „Mandelhörnchen“ spricht („Mensch, Mucki, wie kann man denn jemanden abknallen, den man liebt?“), dirigiert schräg hinter ihr unterm blinkenden Tabledance-Club-Schild Omer Meir Wellber einen Teil seines Philharmonischen Orchesters. Das spielt Sergei Prokofjew, aber eben auch Nino de Angelo („Jenseits von Eden“) und den „Imperial March“ aus „Star Wars“.

Klassik trifft auf Kiez-Klamauk, Hochkultur auf Unterhaltungsbranche – oder wie Martin Lingnau, künstlerischer Leiter des Schmidt, vor der Uraufführung sagte: „Aus U- und E-Musik wurde bei uns Ü.“ Das StÜck ist ein Produkt der Kooperation von Philharmonischem Staatsorchester und den Schmidt-Theatern, das Motto der Reihe: „Frack off! Zwei Welten. Eine Bühne.“ Das gab es so auch noch nicht. Orchester-Chef Omer Meir Wellber hat im Tivoli die musikalische Leitung – und begeistert obendrein mit zwei Akkordeon-Einlagen („La Paloma“ und „Das Herz von St. Pauli“).
Werner „Mucki“ Pinzner: Jutta schwärmt vom großen „Mandelhörnchen“
Bei der Konzeption des Abends habe ihnen „eine Mischung aus Cold Case, St. Pauli-Hommage, einer verzweifelten Liebesgeschichte und einem großen Requiem“ vorgeschwebt, so das Trio Brüggemann/Lingnau/Wellber. Vielleicht wäre weniger in diesem Fall mehr gewesen.
Für den spannenden „Cold Case“-Aspekt wird die Pinzner-Geschichte zu wenig fesselnd vorgetragen (und „cold“ – also ungelöst – ist da nichts), für die verzweifelte Liebesgeschichte wird zu wenig klar, wo genau Juttas Verzweiflung liegt („Ich hab gedacht, dass, wenn wir tot sind, wir mal wieder richtig ficken, Mucki“) und für das große Requiem fehlt der Wumms, der Geschichte und Musik zusammenführt. Die einzelnen Komponenten bilden kein Ganzes. Und das Wort „Hommage“ bei einem wie Pinzner (fünf Auftragsmorde ohne die Taten im Polizeipräsidium) ist … schwierig.

Wenn man diesen Überbau aber ignorieren und sich auf die Musik und den Spaß einlassen kann, dass die Philharmoniker beispielsweise auf Sätze wie „der Kiez hatte sich verändert, es herrschte allgemeine Nervosität“ mit Prokofjews „Vogel“ antworten – also der schnell schwirrenden Querflöte –, dann hat man einen guten Abend. Vom Premierenpublikum gab es minutenlange Standing Ovations.
Und: Die Zusammenarbeit zwischen den Schmidt-Theatern und dem Philharmonischen Staatsorchester geht weiter – im kommenden Jahr wird Beethoven auf dem Programm stehen.
Schmidts Tivoli: 2./4./18.3., 19 Uhr, ab 49,90 Euro
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