Nach Notfall bei der Premiere: So war „Der zerbrochne Krug“ im Thalia-Theater
Bei der Premiere von „Der zerbrochne Krug“ im Thalia-Theater kommt es zu einer ungeplanten und improvisierten Pause, als die Schauspielerin Nellie Fischer-Benson mitten im Stück ohnmächtig wird. Die Folge: Licht an, ärztliche Unterstützung, Vorhang zu. Intendantin Sonja Anders bittet um Geduld. Nach einer 30-minütigen Unterbrechung setzen Fischer-Benson und das Ensemble die Vorstellung fort – und spielen sie souverän zu Ende.
Die Ansetzung des Kleist-Stücks folgt einer doppelten Logik. Einerseits ist der „Zerbrochne Krug“ dieses und nächstes Jahr Abitur-Thema. Es werden also reichlich Deutschkurse durch die Pforten am Alstertor geschleust. Zudem lassen sich in dem Gerichtsdrama die allgegenwärtigen sexuellen Übergriffe thematisieren, die aus Machtgefällen resultieren. Der Weg in die Gegenwart ist also kurz und geradlinig. Schon bei ihrem ersten Auftritt zeigt sich das in der Figur der Eve, dargestellt von Nellie Fischer-Benson. Über ihrem Mund trägt sie ein Klebeband: Sie ist die objektifizierte, zum Schweigen gebrachte Frau. Sie ist #metoo.
„Der zerbrochne Krug“ ist gerade Abitur-Thema
Das titelgebende Tongefäß ist über Nacht in Eves Kammer zu Bruch gegangen, und alle Indizien deuten zunächst auf ihren Verlobten Ruprecht (Sinan Güleç) als Missetäter. Der war es aber gar nicht, sondern auch er ist Opfer eines Komplotts, das Dorfrichter Adam (Jannik Hinsch) mit Falschbehauptungen gestrickt hat. Der Zufall will es, dass just zu der Verhandlung um den kaputten Krug eine Inspektion von höherer Stelle die Zustände am Gericht überprüfen soll. Im Gegensatz zum Kleist-Text ist die Figur weiblich, die Gerichtsrätin Walter (Rosa Thormeyer) nämlich.
Abgesehen von diesen gegenwartsbezogenen Tupfern inszeniert Regisseurin Lilja Rupprecht das Lustspiel ohne radikale Zugriffe. Inmitten eines wie gezeichneten Gebäudeensembles gleist Adam erst seine Intrige auf und wird nach und nach der List und Lüge überführt. So ketten sich die Szenen ohne große Überraschungen und bisweilen recht langatmig aneinander.

Zumindest der Einsatz der Videoprojektionen, die etwa die klaustrophobische Dorfgemeinschaft in einer Kneipe („Kiosk“) zeigen, wirkt da zwischendrin als ganz hervorragendes Schmiermittel und peppt das zweistündige Stück auf. Genauso wie Bernd Grawerts Interpretation des Stones-Hits „Sympathy For The Devil“, der die blühende Garten-Eden-Sündenapfel-Teufels-Symbolik verstärkt. Gegen Ende ergreift Eve endlich die Initiative, befreit sich damit aus dem Korsett und fällt das Urteil über den wahren Täter: „Er ist’s“.
Dieser „Krug“ macht, was er soll: Er verleiht einem (Schul-)Klassiker eine behutsame Heutigkeit, ohne ihn neu zu denken. Von den Sitzen reißt er nicht. (KAM)
Thalia-Theater: 1./2./17./26./27.4., diverse Uhrzeiten, 12-59 Euro, Tel. 32 81 44 44
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