Liedermacher Klaus Hoffmann: „Es rührt mich, dass alte Säcke so etwas noch sagen“
Klaus Hoffmann ist ein Berliner Original. Der Sänger, Texter, Buchautor und Schauspieler gehört zu den beliebtesten deutschen Liedermachern, weil er das Lebensgefühl seiner Generation auf den Punkt bringt. Sein 51. Album „Ich bin“ enthält unter anderem ein Duett mit Reinhard Mey. Im Interview spricht er über eine denkwürdige Begegnung mit Patti Smith, Antikriegslieder und das Älterwerden. Denn: Der Künstler feiert am 26. März seinen 75. Geburtstag. Zwei Tage später tritt er in der Laeiszhalle auf.
MOPO: Das erste Lied auf der neuen Platte heißt „Zurück nach Berlin“. Da singen Sie: „Du bist mein Anfang/bist mein Untergang/ich komm zurück in meine Stadt/die nicht alle auf der Latte hat“. Was ist Berlin für Sie?
Klaus Hoffmann: Ein großer Widerspruch. Berlin ist erst einmal alles, was mich ausmacht, trägt und schlägt. Und es ist natürlich meine Geschichte. Die Straßen und dieses zerbrochene, immer nach Luft japsende Berlin. Es ist ein grausiger Verkehr, und es gibt überhaupt kein Miteinander. Wahrscheinlich ist das die einzige Chance, denn wir müssen uns hier alle irgendwie organisieren, damit man abends noch lebendig nach Hause kommt. Es ist pures Leben, ein bisschen wie Beirut. Deutschsprachig, wenn du Glück hast oder Pech. Was toll ist, sind die Mädchen – und die Frauen und Männer tragen ihre Klamotten, wie sie wollen, weil die Kohle einfach fehlt. Dieser Improvisationscharakter steckt in der Stadt. Der wird halten, bei welchem Bürgermeister auch immer.
„Ich bin“ ist Ihr mittlerweile 51. Album …
… ja, und ich habe anderthalb Jahre an dem Ding geschrieben und dachte, es ist meine letzte Platte. Und dann ist mein langjähriger Pianist Hawo Bleich gegangen, das war sehr schwer für mich, weil unsere Beziehung symbiotisch war. Er will einfach nicht mehr so viel reisen. Ich glaube, ich brauchte diesen Schritt. Danach habe ich angefangen, mit dem Handy Demos für das Album zu machen. Ich wollte Maximum 13 Lieder aufnehmen, und der Arbeitstitel lautete „Ich bin“. Ach du meine Güte, was will der Künstler damit sagen? (lacht)
Sie machen seit 50 Jahren Schallplatten. Wie fing bei Ihnen alles an?
Ich habe mit schwierigen Texten angefangen. Die waren so klobig und in Stein gemeißelt, dass Intellektuelle sie sehr gut fanden. Aber mein Mentor Georg Baum von der Plattenfirma RCA wollte, dass ich Schlager singe. Damit könnten wir viel mehr Kohle machen. Ich sagte, das halte ich nicht durch. Meine erste Platte habe ich noch mit dem Arrangeur Rolf Soja realisiert, ein netter Mann. Er war auch der Produzent von Baccara. Den Hit „Yes Sir, I Can Boogie“ schrieb er innerhalb von fünf Minuten auf dem Klo. Er hat ihm ganz viel Geld eingebracht. Ich habe damals ganz hartes Zeug gemacht, mit Texten von Ödön von Horváth gearbeitet. Im Studio hatte ich eine Band, so schwere Männer, und die glotzten mich alle an.
In Hamburg lernten Sie Anfang der 70er die junge Patti Smith kennen. Wie war das?
In der Laeiszhalle traf ich auf den schwulen Gewerkschaftssänger Phil Ochs und auf Patti Smith. Sie hatte gerade ihr erstes Buch herausgebracht und sah einfach toll aus. Ich bin zu ihr hin, und sie gab mir dieses Buch. Sie sagte: „Du musst ein bisschen aufpassen, die schmeißen jetzt gleich mit Bierbüchsen.“ Und dann ging sie auf die Bühne und machte unheimlich Krach. Es war im Grunde Punk. Patti Smith war beeindruckt davon, was sie von mir las. Später bin ich mit Joan Baez in der Essener Grugahalle aufgetreten – und wurde heftig ausgebuht, weil wir zusammen „Imagine“ sangen. 1984 ist sie auch auf der Waldbühne gewesen, da habe ich Bob Dylan und Santana kennengelernt. Dylan und Baez hatten sich verkracht, weil sie vor ihm auftreten sollte. Da kam der Veranstalter, Fritz Rau, zu mir und meinte: „Bring die beiden mal wieder zusammen.“ Aber ich stand da wie ein Schüler. Wer bin ich denn, ich kann die doch nicht zusammenbringen! Am Ende hat sich Baez zum Glück in den Sänger von Santana verknallt, und ich war aus der Nummer raus.
Auf Ihrer neuen Platte singt Reinhard Mey: „Die Leute träumen nicht mehr.“ Auf wen ist das gemünzt?
Als ich ihm das Demo schickte, hatte er zuerst Angst, ob er dieses „unglaubliche Werk“ überhaupt kapiert, es war so hingerotzt. Der Schlawiner hat es natürlich sofort verstanden. Aber wir mussten den Text zurechtbauen. Wir quatschen da ja beide und singen dann über die Freiheit. Das fand ich gut, weil wir da in keiner Rolle sind. Da singt Reinhard Mey mit Hoffmann. Wir gehen ins Morgenrot, drehen uns nicht um und singen beide: „Ich fange noch mal neu an.“ Es rührt mich an, dass alte Säcke so etwas noch sagen. Ich habe wirklich noch Träume, ich würde gern nach Griechenland oder Frankreich gehen. Ärmer leben im Sinne von reicher. Ich würde dafür nicht mehr ins Zen-Kloster gehen wollen, sondern auf eine griechische Insel. Aber nicht für immer, weil ich die Neurose, hier zu sein, brauche.
1990 nahmen Sie mit Reinhard Mey, Heinz Rudolf Kunze und Hans Scheibner das pazifistische Lied „Alle Soldaten woll’n nach Haus“ auf. Und jetzt singen Sie über die „Kinder der Kriege“. Glauben Sie, dass Krieg der Naturzustand des Menschen ist?
Ich glaube ja. Ich würde heute den Kriegsdienst verweigern. Ich finde Krieg unerträglich, wie auch die Armut und das Geschacher und die Kohle. Geld ist der erste Grund für einen Krieg. Krieg ist immer da, aber man möchte ihm entgehen. Meine Ängste stammen aus der Nachkriegszeit mit meinen Eltern. Die sind ja in meinen Genen. Reinhard Mey hat die Reste vom Zweiten Weltkrieg noch persönlich erlebt. Aber wir müssen die Strecke ohne Kriege hinkriegen. Roland Kaiser, der übrigens eine super Performance macht, sagte in einem Interview, Frieden sei ein innerer Zustand. Das fand ich sehr gut.
Am 26. März 2026 werden Sie 75 Jahre alt. Wollen Sie zeigen, dass Sie die Kunst beherrschen, stilvoll älter zu werden?
Ich hoffe, dass ich das nicht tue, weil das der Tod wäre. Es gibt ein paar Bühnengesetze, zum Beispiel, dass man diesen ganzen Käse lässt. Wenn da noch ein Stück Würde rüberkommt und du als Arbeiter auf der Bühne ohnehin stilvoll bist, dann ist das sowieso gut. Ich wünsche mir, dass dieser Junge in mir da rumspringen und hoffentlich Fehler machen darf.
Konzert: 28.3., 20 Uhr, Laeiszhalle, Karten für 42-74 Euro;
Album: Klaus Hoffmann „Ich bin“ (Stille Musik/Indigo)
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