Hörgeschädigte Kinder erleben Melodie: Wenn der Himmel auf die Erde geholt wird
Das Publikum war hin und weg, als es Zeuge eines einzigartigen inklusiven Konzertes in der Staatlichen Jugendmusikschule am Pöseldorfer Mittelweg wurde. Unter der Überschrift „Aus der Stille in den Klang“ musizierten mehr als 80 Kinder und Jugendliche, behindert und nicht behindert, gemeinsam auf großer Bühne. Sie berührten das Publikum zutiefst.
Die Staatliche Jugendmusikschule Hamburg (JMS) und die NGO „Aktion Kindertraum“ haben eines der größten inklusiven Konzerte in der Hansestadt organisiert. Unter der Überschrift „Aus der Stille in den Klang“ wurden auf der Bühne des Miralles-Saales verschiedenste Klangwelten zelebriert. Insgesamt waren fast 100 junge, musikbegeisterte Menschen bei diesem inklusiven Musikereignis dabei – sichtlich enthusiastisch. Darunter auch die Instrumentalklasse des Projektes „Aus der Stille in den Klang“, sozusagen Namensgeber des ganzen Musik-Events, der Musikwissenschaftlerin und Geigerin Elena Kondraschowa.
Hörgeschädigte Kinder können Melodien erfahren
Nachhaltig unterstützt wird das weltweit einmalige Projekt von „Aktion Kindertraum“, einer bundesweiten gemeinnützigen Organisation, die individuelle Wünsche von Kindern und Jugendlichen erfüllt, deren Leben durch Behinderung, Krankheiten oder traumatische Ereignisse wie Flucht oder Schicksalsschläge außerordentlich belastet ist. Elena Kondraschowa hat eine musiktherapeutische Methode entwickelt, mit deren Hilfe hörgeschädigten Kindern, die ein Cochlea-Implantat (eine spezielle Hörprothese) tragen, das Spielen von Instrumenten wie Geige oder Klavier ermöglicht wird.
Damit öffnet sich ihnen eine völlig neue Welt: Durch das bessere Hören wird die Lebensqualität der Kinder um ein Vielfaches gesteigert, ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben durch soziale Inklusion um große Aktionsradien erweitert. Häufig wird bei hörgeschädigten Kindern die Wahrnehmung von Musik massiv auf Rhythmik beschränkt. Melodien wahrzunehmen, hohe und tiefe Töne zu hören, Dur und Moll zu unterscheiden, sind Fähigkeiten, die diesen Kindern oft völlig verschlossen bleiben.
Elena Kondrschowa hat einen einzigartigen Musikansatz entwickelt, um den Kindern den Begriff Klang zu erklären und ihn überhaupt hörbar zu machen. Mit einigen der Kinder des Projektes war sie aus Hannover gekommen, um etwa mit Geigen das „Menuett und Musette“ von Johann Sebastian Bach oder den „Hexentanz“ von Niccolò Paganini einem begeisterten Publikum zu präsentieren. Es waren rund 400 Menschen zum Konzert in das Michael-Otto-Haus gekommen.

Zuvor hatte Winfrid Stegmann, der unermüdlich engagierte und stets optimistische pädagogische Leiter der Staatlichen Jugendmusikschule, bei der Begrüßung des Publikums Elena Kondraschowa und Ute Friese, der Gründerin und Geschäftsführerin von Aktion Kindertraum, für ihr Kommen gedankt. Desgleichen dankte er dem Hamburger Community-Sender TIDE, zugehörig zur Hamburg Media School, für die Aufzeichnung des gesamten Konzertes, das später komplett auf YouTube zu sehen sein wird. Einmal mehr wurde klar, dass die Staatliche Musikschule bahnbrechende Pionierarbeit mit Blick auf Inklusion geleistet hat.
Das Konzert begann mit dem beeindruckenden Auftritt des Streichorchesters der Orchesterschule der Staatlichen Musikschule unter Leitung von Astrid Schat. Auch einige Kinder von „Aus der Stille in den Klang“ waren mit ihrem Geigenspiel dabei. Es wurde unter anderem der „Jägerchor“ aus der Oper „Freischütz“ von Carl Maria von Weber gegeben und ein amerikanisches Traditional, „Rocky Mountain“. Das Streichorchester ist ein vitales Beispiel für das inklusive Selbstverständnis dieser pädagogischen Institution, die sich Inklusion schon auf ihre Fahnen schrieb, als dieser Begriff in Deutschland durchaus noch nicht als konzeptionelle Integrations-Methodik bekannt war. Heutzutage muss sich jede Lehrkraft, die sich bei der Staatlichen Musikschule um eine Stelle bewirbt, explizit zur Inklusion bekennen.
Fleetenpower feiert 20-jähriges Bestehen
Eine der inklusiven Musikgruppen, die hier auftraten, war Fleetenpower, die bei diesem Konzert ihr 20-jähriges Jubiläum feierten. Auf der Idee der Musiktherapeutin Gisela Peters basierend, gründete Anne Meyer-Riewoldt die Band, deren Leitung sie bis heute inne hat, mittlerweile gemeinsam mit der Musiktherapeutin Julia Hoffmann. Winfried Stegmann: „Hier finden junge Menschen mit Behinderung einen Ort, an dem sie ihre Begeisterung für Musik ausleben und gemeinsam musizieren können.“ Bei diesem Auftritt waren Freunde von Fleetenpower dabei. Zusammen spielte man eine berührende Version des John-Denver-Hits „Country Roads“.
Weiterhin war das Gitarrenorchester des Stadtbereichs Nord unter der Leitung von Michael Bentzien zu hören. Er probt und konzertiert mit Jugendlichen ohne und mit Behinderung. Das Gitarrenorchester sorgte einmal mehr für stürmischen Applaus, als es seine Interpretation von Ed Sheerans Song „Perfect“ mit jeder Menge Swing darbot. Zwei weitere junge Schützlinge von Elena Kondraschowa spielten gemeinsam am Klavier, das „Minuet, KV 1“ von Wolfgang Amadeus Mozart und das „Wiegenlied“ von Isidore Philipp. Zweifellos war das „Abendlied“ (Text und Musik: Lütke-Lefert/Bankhaus, Minimusiker) abschließend ein weiteres Highlight: Ein junger Mädchenchor sang nicht nur das Lied, man trug es auch in synchronisierter Gebärdensprache vor.
Das war der Schlusspunkt eines denkwürdigen inklusiven Konzertes der Staatlichen Jugendmusikschule und der Aktion Kindertraum und ihres Projekts „Aus der Stille in den Klang“. Und warum war dieses Konzert gar so wunderbar? In einer bisweilen außer Rand und Band geratenen Welt waren in einem Musikraum 400 Menschen versammelt, die für Inklusion, Menschenliebe und Toleranz standen. „Jede Musik hat ihren Himmel“, sagte einst der Komponist Giuseppe Verdi (1813–1901), und in der Staatlichen Musikschule wurde mit einem inklusiven Konzert der Himmel auf die Erde geholt.
Anmerkungen oder Fehler gefunden? Schreiben Sie uns gern.