Kultur
Er ist der „King“ – und mehr als nur eine Elvis-Kopie
Grahame Patrick Doyle, als „King“ zurück im St. Pauli-Theater, spricht im MOPO-Gespräch über sein Idol und „Elvis – Die Show“
Wenn Elvis lebt, dann diesen Sommer im St. Pauli-Theater! Schon in den Jahren 2023 und 2024 füllte Grahame Patrick Doyle als King während der spielfreien Zeit den (vollklimatisierten) Saal. Weil die Liebe des Hamburger Publikums offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruht, kehrt der gebürtige Ire nun mit „Elvis – Die Show“ für gut fünf Wochen zurück, obwohl er längst auch die ganz großen Hallen bespielt. Die MOPO traf ihn an der berühmten Oldtimer-Tankstelle am Billhorner Röhrendamm.
MOPO: Mr. Doyle, 2014 sah ich Sie erstmals bei einem Auftritt mit den Original-Mitgliedern von Elvis‘ TCB-Band im „Hotel Estrel“ in Berlin. Das war aber keine geplante Show ...
Grahame Patrick Doyle: Es war eine spontane Aktion! Es gab damals einen Schneesturm, einige Musiker schafften es aus den Staaten nicht rüber, es fehlten ihnen also Leute. Es war für mich eine Ehre, mit diesen Jungs aufzutreten. Das war mein erstes Mal auf der Bühne mit Leuten, die auch mit Elvis auf der Bühne gestanden hatten.
In den Folgejahren tourten Sie überall mit der Elvis-Show. Gerade Hamburg muss sich für Sie mittlerweile wie ein zweites Zuhause anfühlen.
Ich bin zwar zum ersten Mal an dieser Oldtimer-Tankstelle in Rothenburgsort – aber hier kann man sich doch nur zu Hause fühlen, oder? Meine Frau lebt in Berlin, wo ich viel Zeit verbringe, dort gibt es immer noch unsere Show im „Estrel“. Aber ich kann es kaum erwarten, mit der Elvis-Show wieder im St. Pauli-Theater zu sein. Auf Tour ist man täglich in einem anderen Saal. Das ist zwar toll, aber manchmal genieße ich es, mich an einem festen Ort einzurichten und mich – ja – wie zu Hause zu fühlen. Abend für Abend in ein und demselben Theater zu spielen – das habe ich vermisst. Das Haus auf dem Kiez ist einfach wunderschön. Ich liebe das Ambiente und die Intimität.
Elvis hatte Las Vegas, Sie die Reeperbahn?
So ungefähr. Früher habe ich getrunken, aber heute trinke ich nicht mehr. Da frage ich mich natürlich: Was mache ich jetzt? Ich werde also losgehen und mir wirklich die Stadt ansehen. Darauf freue ich mich. Ich bin dann wie ein Tourist unterwegs. Es ist ein normaleres Leben, ein gutes Leben.
Welche Rituale haben Sie, um auf der Bühne zu Elvis zu werden?
Ich glaube, es steckt generell genug Elvis in mir. Dadurch, dass ich ihn all die Jahre gehört habe, lasse ich ihn sozusagen durch mich hindurchfließen. Gleichzeitig ist es ein bisschen so, als würde man versuchen, sich selbst mit Elvis zu verschmelzen – denn ich will nicht einfach nur eine Kopie sein. Ich möchte, dass es eine glaubwürdige Hommage ist – auf meine Art, ohne dass es kitschig oder übertrieben wirkt. Es soll ehrlich rüberkommen, ich muss es fühlen können. Das Stamps Quartet ist wirklich wichtig dafür, denn dieser Gospel-Sound aus den Südstaaten der USA, den sie mitbringen, der ist authentisch. Das sind ihre Wurzeln, sie haben das wirklich gelebt – mit Elvis. Wenn man das hierzulande mit einem anderen Quartett nachahmen würde, wäre es nicht dasselbe. Und natürlich gesellt sich dazu noch die großartige Band im Hintergrund.
Sie selbst klingen als Elvis tatsächlich völlig ungekünstelt.
Es steckt wohl genau das richtige Maß an Elvis in meiner Stimme, um meinen Auftritten einen glaubwürdigen Klang zu verleihen. Ich könnte mehr Elvis einbringen, noch stärker in seine Richtung gehen, aber dann würde es zur Karikatur werden. Man spürt meine eigene Emotion, und gleichzeitig wird Elvis unverfälscht repräsentiert. So lege ich es an.
Merken Sie, dass es da ein neues Publikum für Elvis gibt?
Elvis spricht viele junge Leute an. Das Elvis-Biopic von Baz Luhrmann mit Austin Butler vor einigen Jahren hat da einiges bewirkt. Wobei mir der Konzertfilm von diesem Jahr fast besser gefällt.
Den Konzertfilm „EPIC“ habe ich fünf Mal gesehen. Und bei jedem der fünf Kinobesuche hat das Hamburger Publikum am Ende geklatscht. Beachtlich!
Sogar mein Sohn hat den Film gesehen – und er ist 17! Ich habe ihn mir in Wien auf großer Leinwand angeschaut. Und das war eigentlich das Schlimmste, was ich tun konnte! Denn ich musste direkt danach selbst als Elvis auf die Bühne. Ich war völlig überwältigt von der Energie, so nach dem Motto: „Oh mein Gott, ich muss daran anknüpfen. Okay, wie kriege ich das hin? Ich brauche mehr Action in der Show.“ Es war also auch inspirierend. Aber natürlich hat Luhrmann gut geschnitten, es ist wie ein perfekt bearbeitetes Foto. Dieses Niveau kann man nicht durchgehend halten. Ein Konzert braucht Höhen und Tiefen.
Haben Sie mit Ed Enoch, Original-Mitglied des Stamps Quartet, der in über 1000 Shows mit Elvis auf der Bühne stand und auch wieder in Hamburg mit dabei sein wird, über den Film gesprochen?
Nein, er ist da sehr eigen, was die Vergangenheit angeht. Er wäre nicht daran interessiert, das zu sehen. Für ihn ist das schon ein ganzes Leben her. Das war Eds Zeit, und das ist seine Erinnerung. Er hat sich viele Dinge angesehen und jedes Mal gedacht: „Das ist nicht mein Freund Elvis.“ Oder: „So war ich nicht. Das stimmt so nicht.“ Er ist da sehr beschützend. Aber nachdem ich den Film gesehen hatte, sagte ich zu ihm: „Du würdest dich sehr für deinen Freund freuen, sie sind ihm wirklich gerecht geworden.“
Haben Sie von Ed lustige Geschichten über Elvis erfahren?
Als ich meine heutige Ehefrau Lucy (Luciana Fuzetti Doyle, Lead-Tänzerin bei „Elvis – Die Show“, Anm. d. Red.) zum ersten Mal traf, saß sie im Tourbus vor ihm. Und ich saß vielleicht drei oder vier Reihen hinter Ed. Lucy und ich haben Blickkontakt aufgenommen, und Ed hat das dann auch bemerkt. Ich wäre nie einfach zu Ed hingegangen, um mit ihm über Elvis zu reden, aber da sie direkt vor ihm saß und ich in ihrer Nähe sein wollte, bin ich rüber. Er war also seit Beginn der Beziehung zu meiner Frau dabei – das verbindet. Und wenn er dann anfängt zu erzählen, spitzt man die Ohren.
Zum Beispiel?
Ed und Elvis sind mal mit dem Motorrad unterwegs gewesen, und Elvis ging der Sprit aus und das Bike blieb liegen. Ed musste Elvis dann am Straßenrand zurücklassen, um Benzin zu holen – Elvis hatte weder Taschen noch Geld bei sich. Also ging Ed zur Tanke und sagte: „Elvis steht da vorne an der Straße. Wir haben kein Geld. Können wir einen Kanister Benzin bekommen?“ Das hat funktioniert. Er kam dann mit dem Motorrad und dem Benzinkanister zurück. So war Ed eben – er hat sich um Elvis gekümmert. Elvis lud ihn daraufhin ein, mal sein Motorrad auszuprobieren. Ed hat sich dann gleich hingelegt.
Wie ist Ihre Beziehung zu Elvis?
Ich fühle mich spirituell mit ihm verbunden. Er hat mich mein ganzes Leben lang begleitet, und ich weiß nicht, was ich ohne ihn tun würde, wenn ich ihn nicht als Zweijähriger im Fernsehen gesehen hätte. Ich erinnere mich sogar an den Moment: Es war der Konzertfilm „Elvis On Tour“, und er trug einen blauen Anzug mit Umhang. Als Kind muss dieser Mann mit seinem Umhang auf mich gewirkt haben wie ein Superheld, der singt und sein Konzert spielt. Mit sechs Jahren hörte ich ihn im Radio, ein paar Jahre danach schaute ich jeden Samstagmorgen Elvis-Filme – da war sein unglaubliches Charisma. Später, als ich die ersten kleinen Jobs hatte, fing ich an, seine Platten zu sammeln. Ich habe seine Musik dann wirklich intensiv gehört, bin dazu sogar eingeschlafen. Ich hatte seinen Klang also ständig im Ohr.
Was mögen Sie an seiner Persönlichkeit?
Wie freundlich er mit Menschen umgegangen ist, und wie er Männern und Frauen mit Respekt begegnete. Er ist ein Vorbild für die Gesellschaft. Und genau das hört man auch immer wieder, wenn Leute erzählen, wie sie ihn getroffen haben: Elvis sagte dann so was wie „Hallo, ich bin Elvis, freut mich sehr, Sie kennenzulernen.“ Er stellte stets sein Gegenüber in den Mittelpunkt. Er war dieser riesige Star, aber dabei wirklich bodenständig und menschlich.
Waren Sie schon mal in Graceland?
Es ist lange her. Aber ich mochte es sehr, mich in seinem Haus aufzuhalten, die Besuchergruppen an mir vorbeiziehen zu lassen und so lange zu bleiben, wie es geht. Das Grab am Haus, wo er jetzt mit seiner Tochter Lisa Marie und seinem Enkel Benjamin vereint ist, ist ein bittersüßer Ort. Es ist traurig, dass auch Lisa-Marie nicht mehr lebt. Viele Leute haben sie ausgenutzt. Sie wusste nicht, wem sie trauen konnte – selbst von Leuten, von denen sie dachte, sie könnte ihnen vertrauen, wurde sie enttäuscht.
Nächstes Jahr jährt sich der Todestag von Elvis zum 50. Mal.
Unglaublich, oder? Dabei hatte er immer Angst, vergessen zu werden – und doch ist er momentan so präsent.
St. Pauli-Theater: 5.8.-13.9., täglich außer montags, 19.30 Uhr, samstags 15 und 20 Uhr, 39,50-84,50 Euro, Tel. 47 11 06 66
Sie sind bereits M+ Abonnement?