„Alphabet“: Eine Person im gemusterten Mantel und mit Sonnenbrille schaut in Richtung Publikum

„Alphabet“ im Schauspielhaus: Wer sich auf diese Assoziationsexplosion einlässt, wird reich belohnt. Foto: Katrin Ribbe

Ein Gedicht – wenn man sich drauf einlässt: „Alphabet“ im Schauspielhaus

kommentar icon
arrow down

Wir sind nur Sternenstaub. Die Atome, aus denen wir bestehen, haben schon viel erlebt – und zwar in fernen Galaxien irgendwo im Dunkeln da draußen. Und auf Erden haben sie bereits in Pflanzen gesteckt, anderen Tieren, vielleicht unserem Arbeitskollegen. Daraus dürfen wir folgern: Alles hängt mit allem zusammen. Kurz: ein Kuddelmuddel, das Chaos! In „Alphabet“ am Schauspielhaus geht’s auch darum, wie man Ordnung in die Welt, das Leben, das Universum bringt. 

Indem wir eine Bestandsaufnahme durchführen. Genau das macht die dänische Dichterin Inger Christensen in ihrem langen Gedicht „Alphabet“. Wort für Wort, Satzfetzen für Satzfesten nimmt sie eine Art Welt-Inventur vor, in der eines mit dem anderen korrespondiert, das aus jenem erwächst, ein Gedanke dem nächsten folgt. Was genau hier geschieht, ist schwer zu beschreiben. Poesie wirkt bei uns allen anders. Klar ist: Wer sich auf diese Assoziationsexplosion einlässt, wird reich belohnt.

„Alphabet“: Eine Assoziationsexplosion auf der Theaterbühne

Die Inszenierung des Schweizer Regisseurs Thom Luz am Schauspielhaus lässt sich nicht mal eben so als Unterhaltungseinheit weginhalieren. Sie ist langsam und handlungsarm, sorgfältig und genau. Drei verschiedene Bilder tun sich im eleganten Wechsel auf der großen Bühne auf, halb-abstrakte Resonanzräume für die Worte. Im Gedicht folgt deren Anordnung einer bestimmten mathematischen Formel. Im Theater ist das erstmal unerheblich.

Ilse Ritter, Julia Wieninger und Alberta von Poelnitz beginnen zu sagen, was „es gibt“. „Es gibt Aprikosenbäume“, aber „es gibt“ auch „Brombeeren“, „Gewehre“, „Eisbären“, den „Halley’schen Kometen“, „Häuser“, „Habichte“, „Einsamkeit“ … Auf den „Sommer“ folgt der „Herbst“, darauf der „Nachgeschmack“ und das „Nachdenken“. Die Wiederholungen und Wortschleifen geben dem Text eine besondere Rhythmik, die von den drei Musikern erst sacht klopfend, dann wild schlagend unterstützt wird. Viel mehr als „nur“ die physische Abbildung der Welt in Worten, erzählt „alphabet“ auch von Krieg, vom Verlassensein, der Verlorenheit im All. 

Das könnte Sie auch interessieren: „To My Little Boy“ im Thalia Gaußstraße: Mein Freund, das niedliche Schwein

Wie befinden uns hier im „Dschungel des Bewusstseins“ – und es ist an jedem und jeder von uns, sich einen Reim darauf zu machen. Was Sprache kann und wie sie unsere Synapsen anregt, zeigt sich in diesem Stück sehr eindrucksvoll. „Alphabet“ wirkt lange nach. (kam)

Schauspielhaus: 12./25.3., 12.4., diverse Uhrzeiten, 11-55 Euro, Tel. 24 87 13

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
test