Genervte Frau am Telefon

Wenn das Smartphone zu Hause ständig klingelt – ist es oft ein Spam-Anruf. Foto: dpa

Telefon-Terror, aber keiner ist dran: Das steckt hinter den „stillen“ Anrufen

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Trauriger Rekord: In Deutschland wurden im vergangenen Jahr knapp sechs Millionen Spam-Anrufe registriert – on top kommt eine Dunkelziffer von rund 30 Prozent. Besonders zugenommen haben dabei sogenannte Silent Calls. Bei diesen Anrufen werden Festnetz- und Mobilfunk-Kunden wochenlang täglich mit Anrufen bombardiert. Und wenn sie rangehen, ist noch nicht einmal jemand in der Leitung.

„Ich habe dieses Jahr mehr Fake-Anrufe bekommen als Nachrichten von Freunden. Es fühlt sich an wie Dauerfeuer.“ So berichtet ein Smartphone-Nutzer, der im vergangenen Jahr mehr als 4000 Anrufe von unterschiedlichen Callcentern und Betrugsnetzwerken erhalten hat. Ihm sollten Solaranlagen verkauft werden – obwohl er in einer Mietwohnung lebt – und Gewinnspiele wurden ihm versprochen oder bessere Stromtarife und Krypto-Währung.

Spam-Anrufe: Immer öfter Silent Calls

Aber beim größten Bombardement dieser unerwünschten Klingelei handelte es sich um Callcenter-Anrufe aus verschiedenen Ländern, bei denen nicht einmal jemand am Telefon war, wenn man abnahm. Klingt nicht nach einer plausiblen Verkaufsmasche? Kostet die Betrüger und Abzocker aber kaum Geld. Denn dahinter stecken sogenannte „predictive Dialer“, automatisierte Wählsysteme, die darauf ausgelegt sind, möglichst effizient möglichst viele Personen zu erreichen.

Von diesen Betrugsnummern wurde im Dezember besonders häufig angerufen. Clever Dialer
Betrugsnummer im Dezember
Von diesen Betrugsnummern wurde im Dezember besonders häufig angerufen.

„Die Software kalkuliert, wann Callcenter-Mitarbeiter frei werden könnten, und ruft vorsorglich bereits mehrere Nummern parallel an“, erklärt Thomas Wrobel, Experte für Spamschutz und Mitentwickler von Clever Dialer, einer App zum Telefonschutz. Das funktioniert aber nicht immer: Wenn kein Agent frei ist, hört das Opfer nichts. Die Telefonanschlüsse werden mit besonders vielen extrem kurzen Anrufen überhäuft, oft unter einer Sekunde. Die Betroffenen berichten von Stille, Rauschen oder sogar Atemgeräuschen. Nur ist überhaupt niemand in der Leitung. Das Perfide: Die Nummern lassen sich nur schwer blockieren.

Callcenter arbeiten mit schnell wechselnden Endziffern

Denn gleichzeitig wird von betrügerischen Callcentern auch immer öfter mit schnell wechselnden Nummern gearbeitet, die täglich neue Endziffern haben. Thomas Wrobel erklärt: „Wir beobachten seit Monaten eine deutliche Zunahme solcher Spam-Anrufe.“ Das sei eine Strategie professioneller Betrugs- und Callcenter-Strukturen. „Durch das kontinuierliche Rotieren einzelner Ziffern am Ende einer Telefonnummer versuchen die Betreiber, die Erkennung zu umgehen und Sperrlisten ins Leere laufen zu lassen.“

Wurden von den Telefon-Betrügern in früheren Jahren meist Festnetzanschlüsse angepeilt, so sind es mittlerweile schon 40 Prozent Smartphone-Anrufe. Was natürlich deutlich attraktiver ist, weil die Nutzer ständig erreichbar sind, während Festnetzanrufe oft ins Leere laufen, weil niemand zu Hause ist. Zudem sind bestimmte Betrugsmaschen, etwa das Kapern von WhatsApp-Accounts, über Mobilfunk deutlich einfacher umzusetzen.

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Die nahe Zukunft bringt aber noch viel bedrohlichere Auswüchse neuer technischer Möglichkeiten hervor: per „Voice Cloning“ in Echtzeit, das zunehmend täuschend echte Stimmen nachbildet. Wrobel: „Angriffe, die einst als simple Nachrichten vom vermeintlichen Kind leicht zu entlarven waren, wirken heute wie glaubwürdige Hilferufe.“ Die Technik – durch moderne KI rasant beschleunigt – ermöglicht es, Stimmen täuschend echt zu replizieren und während des Gesprächs flexibel anzupassen.

Wrobel: „Da hierfür oft schon frei zugängliche Open-Source-Tools und Sprachaufnahmen aus sozialen Medien ausreichen, wird die Methode für immer mehr Täter nutzbar.“ Bei Clever Dialer stiegen die Meldungen zu dieser Betrugsmasche seit August 2025 deutlich. Sein Fazit: „Neben technischen Schutzmechanismen gewinnen Aufklärung und Wachsamkeit als zentrale Verteidigungsstrategien für 2026 weiter an Bedeutung.“

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