Panorama
KI, Kriege, Krisen: Warum viele junge Menschen Zukunftsängste haben
Fast jeder zweite junge Mensch fühlt sich gestresst. Warum Zukunftsängste zunehmen – und wie Betroffene wieder Zuversicht gewinnen können.
Die Welt scheint für viele junge Menschen immer unsicherer zu werden. Kriege, Klimawandel, wirtschaftliche Sorgen, Wohnungsnot und die Folgen der Künstlichen Intelligenz auf dem Arbeitsmarkt belasten viele – ausgerechnet in einer Lebensphase, in der wichtige Entscheidungen anstehen.
Das zeigt auch die Studie „Jugend in Deutschland 2026“. Für die Untersuchung wurden mehr als 2.000 Menschen zwischen 14 und 29 Jahren repräsentativ befragt.
„Die Ergebnisse der Trendstudie zeigen auf dramatische Weise, wie sehr die Belastungen der letzten Jahre den jungen Menschen zusetzen – in Form von Stress, Erschöpfung und wachsender Perspektivlosigkeit“, sagte Studienleiter Simon Schnetzer laut einer Mitteilung der Universität Potsdam.
49 Prozent der Befragten berichten von Stress. 36 Prozent fühlen sich erschöpft. 29 Prozent geben an, psychologische Unterstützung zu benötigen.
Zukunftsängste bei jungen Menschen nehmen zu
Nach Einschätzung von Psychologe und Coach René Träder sind Zukunftsängste angesichts der aktuellen Lage nachvollziehbar.
„Globale Krisen, Klimawandel oder wirtschaftliche Unsicherheit wirken wie permanenter Stress im Hintergrund, zusätzlich zu dem aktuellen Stress im Alltag“, sagt er.
Auch Psychologin und Autorin Pauline Stockmann sieht die Ursachen in den zahlreichen Krisen. Einzelne Menschen hätten auf Kriege oder weltpolitische Entwicklungen meist keinen Einfluss. Das führe zu einem dauerhaften Gefühl von Anspannung.
Hinzu komme das Gefühl, dass viele Entwicklungen außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. Wann Krisen enden oder wie sich die Weltlage entwickelt, könne niemand allein beeinflussen.
Zukunftsängste werden durch wichtige Lebensentscheidungen verstärkt
Besonders belastend seien Übergangsphasen im jungen Erwachsenenalter. Laut Stockmann sind diese Lebensabschnitte grundsätzlich sensibel – unabhängig davon, ob gerade Krisenzeiten herrschen oder nicht.
Viele junge Menschen beschäftigen Fragen wie: Finde ich einen passenden Job? Kann ich mir Wohneigentum leisten? Reicht das Einkommen später für eine Familie? Oder droht Altersarmut?
Auch der Wechsel vom Studium in den Beruf sei oft mit Unsicherheit verbunden. Vertraute Strukturen fallen weg, während neue Herausforderungen entstehen.
Treffen solche persönlichen Entscheidungen auf eine gleichzeitig unsichere politische und wirtschaftliche Lage, können bestehende Sorgen zusätzlich wachsen.
Zukunftsängste und soziale Medien: Ein belastender Mix
Nach Einschätzung der Experten spielen auch soziale Medien eine wichtige Rolle.
„Soziale Medien und ständige Nachrichten beeinflussen das Gefühl von Unsicherheit maßgeblich“, sagt Stockmann.
Viele Nutzer verlieren dabei den Blick dafür, was tatsächlich normal und erreichbar ist. Gleichzeitig erzeugen negative Schlagzeilen oft besonders viel Aufmerksamkeit.
Träder warnt deshalb vor einer verzerrten Wahrnehmung der Realität. Wer ständig mit Krisenmeldungen konfrontiert werde, könne leichter das Gefühl entwickeln, dass sich die Welt ausschließlich negativ entwickelt.
Warum Resilienz so wichtig ist
Ein zentraler Schlüssel im Umgang mit Unsicherheit ist die sogenannte Resilienz – also die psychische Widerstandskraft.
„Resilienz hilft dabei, trotz Ängsten optimistisch zu sein und Vertrauen darin zu haben, dass sich die Dinge gut entwickeln“, erklärt Stockmann.
Die gute Nachricht: Resilienz lässt sich trainieren.
Das könnte Sie auch interessieren:
Dazu gehört laut Träder, den Fokus stärker auf mögliche Lösungen statt ausschließlich auf Probleme zu richten. Ebenso wichtig sind stabile soziale Kontakte. Sie geben Halt und Unterstützung in schwierigen Zeiten.
Auch Achtsamkeit gegenüber den eigenen Bedürfnissen stärkt die psychische Widerstandskraft. Wer bewusst wahrnimmt, was ihm guttut und was nicht, kann besser mit Belastungen umgehen.
Zukunftsängste reduzieren: Nachrichten bewusst konsumieren
Experten empfehlen außerdem, den eigenen Umgang mit Nachrichten kritisch zu hinterfragen.
Statt nur Schlagzeilen zu überfliegen, sei es sinnvoll, sich intensiver mit Themen auseinanderzusetzen, die Sorgen bereiten. Dazu gehören längere Hintergrundberichte, unterschiedliche Perspektiven und der Vergleich verschiedener Expertenmeinungen.
Je mehr Informationen man habe, desto eher könne man eine fundierte Meinung entwickeln, so Träder.
Das könne helfen, diffuse Ängste zu reduzieren. Denn alles, was unklar und chaotisch wirke, habe ein besonders hohes Verunsicherungspotenzial.
Was kann ich kontrollieren – und was nicht?
Träder empfiehlt drei Fragen, um besser mit Unsicherheit umzugehen:
Was kann ich kontrollieren? Beispielsweise den eigenen Medienkonsum. Wer Nachrichten zeitlich begrenzt, schützt sich vor Dauerstress.
Was kann ich beeinflussen? Etwa durch gesellschaftliches Engagement oder die Teilnahme an Demonstrationen.
Was muss ich akzeptieren? Manche Entwicklungen liegen außerhalb des eigenen Einflussbereichs. Eine gewisse Unsicherheit gehört zum Leben dazu.
Zukunftsängste langfristig bewältigen
Auch Gespräche mit anderen Menschen können helfen. Wer Sorgen ausspricht, gewinnt oft Abstand und neue Perspektiven. „Im Gespräch mit anderen relativiert sich oft Vieles“, sagt Träder.
Stockmann empfiehlt zudem einen Plan B für wichtige Lebensbereiche. Wer Alternativen durchdenkt, fühlt sich weniger ausgeliefert, wenn nicht alles wie geplant läuft.
Nicht zuletzt spielt Selbstfürsorge eine entscheidende Rolle. Ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung können Stress reduzieren und das Wohlbefinden stärken.
Körperliche Aktivität sorgt zudem für positive Gefühle – und kann dazu beitragen, dass Zukunftsängste mit der Zeit nachlassen. (dpa/vd)
Sie sind bereits M+ Abonnement?