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„Dynamic Pricing“: Warum Sie lieber nicht mit dem iPhone oder Tablet shoppen sollten

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Unterschiedliche Geräte, verschiedene Preise? Experten erklären, wie Sie trotzdem die besten Angebote finden. 

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picture alliance/dpa

Köln -

Sie schauen sich nachmittags ein Hotel in Kopenhagen am PC an, für 498 Euro. Abends kostet das gleiche Hotel laut Ihrer Smartphone-App plötzlich 559 Euro. Am PC sind auch Haushaltsgeräte oft günstiger zu haben als auf dem Tablet. Dieses „Preis-Jojo“ spielt sich beim selben Online-Händler ab. Was vielen Kunden beim Online-Shopping immer wieder auffällt, nennen Sachkundige in der Fachsprache „Dynamic Pricing“.

Hinter dem Ausdruck steckt ein spezielles Verfahren mit Algorithmen, die Kunden bei Online-Shops und Buchungsportalen nach bestimmten Merkmalen bewerten. Dadurch werden Kunden im Netz je nach Tageszeit und Aufenthaltsort sowie je nach Endgerät verschiedene Preise anzeigt.

„Flugpreise werden teurer, je näher das Abflugdatum rückt“

„Dynamic Pricing kann ganz unterschiedliche Dinge bedeuten. Preise werden von Online-Händlern situationsbezogen angepasst“, erklärt Prof. Dr. Jan-Paul Lüdtke. Eine große Rolle dabei spiele etwa der Zeitpunkt des Interesses eines Kunden. „Flugpreise werden zum Beispiel teurer, je näher das Abflugdatum rückt. Bei Reisen und Hotels ist das ganz ähnlich, erklärt Lüdtke, der aktuell im Bereich E-Commerce und „Dynamic Pricing“ an der Fachhochschule in Wedel bei Hamburg forscht.

Der Ökonom bestätigt, dass auch der Aufenthaltsort der Kunden, zum Beispiel ein wohlhabender Stadtteil oder weniger einkommensstarke Wohngegenden beim Preis vom Händler berücksichtigt werden könnten. Doch noch viel häufiger würden Kunden in bestimmten Gegenden einfach ganz andere Produkte oder Sortimente angezeigt.

Eine aktuelle Untersuchung der Softwarefirma Minderest zeigt, dass sich zum Beispiel die Preise, die der Online-Händler Amazon angibt, bei bestimmten Produkten mehr als hundertmal am Tag ändern können.

Amazon ist sehr geschickt darin, den Kunden zu beobachten

„Was Amazon meisterhaft macht, ist Preise in Abhängigkeit an den Wettbewerb anzupassen“, erklärt E-Commerce-Experte Lüdtke. Der Online-Händler sei sehr geschickt darin, Kunden zu beobachten um sie nicht an die Konkurrenz zu verlieren. Bei anderen Online-Händlern sei das nicht in dieser Intensität der Fall. Diese Möglichkeiten und Ressourcen, um Kunden genau zu durchleuchten und ihnen zum Beispiel nach soziodemografischen Merkmalen unterschiedliche Preise anzuzeigen, hätten in Deutschland ansonsten höchstens noch Zalando und Otto.

Alle Untersuchungen würden nach wie vor zeigen, dass Amazon dabei führend ist. Und nicht immer hätten Kunden durch die Dynamic-Pricing-Strategie der Shops einen Nachteil. Aber: „Dass Stammkunden in bestimmten Situationen preislich benachteiligt werden, kann schon vorkommen“, erklärt Lüdtke. Bestimmte Angebote und Preisnachlässe würden ihnen auf ihrem Smartphone gar nicht erst angezeigt. Häufig sollen insbesondere Neukunden und inaktive Kunden mit attraktiven Gutscheinen aktiviert oder reaktiviert werden.

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Möglicherweise wegen ihres Aufenthaltsortes, wegen ihrer Smartphone-Marke oder weil sie ein Tablet nutzen. Wissenschaftliche Belege gibt es dazu allerdings bisher nicht.

„Die meisten Online-Shops sind nicht so weit, wie viele glauben“

„Die meisten Online-Shops sind in der individuellen Preissetzung noch nicht so weit, wie viele glauben“, erklärt Lüdtke. Viele Online-Händler setzten eher auf Gutscheine und Preisnachlässe bei bestimmten Geräten, weil Nutzer das als weniger unfair wahrnehmen.  

Doch gerade Anfang der 2000er Jahre gab es bei Amazon erste weniger erfolgreiche Experimente im „Dynamic Pricing.“ Man habe Nutzern von Apple-Geräten teurere Angebote angezeigt. Dafür gebe es Belege, denn Kunden machten Screenshots und ärgerten sich. Sollte diese Preisstrategie heute noch Anwendung finden, gehe Amazon damit wesentlich subtiler vor. „Dabei gibt es keine Transparenz, wir kennen die Algorithmen nicht“, so der Forscher.

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Keine Reisen übers Tablet buchen, hier müssen Kunden oft mehr zahlen

Auch die Verbraucherzentrale NRW hat bei Testkäufen per PC und Tablet festgestellt, dass Kunden die mit Tablets online shoppen, oft mehr bezahlen müssen. Diese Einschätzung bestätigt auch der E-Commerce Experte. „Ich buche Reisen am PC und niemals am Smartphone oder dem Tablet." 

Trotzdem glaubt er nicht daran, dass Kunden an anderen Geräten immer zwangsläufig über den Tisch gezogen werden. „Online-Shops belohnen die Suche nach dem günstigsten Preis tatsächlich mit dem günstigsten Preis“, so Lüdtke voller Überzeugung. Wer jedoch nicht vergleiche, laufe Gefahr, mehr zu zahlen. „Jeder Verbraucher kann die günstigsten Preise finden, unabhängig vom Gerät, er muss nur mehr Zeit investieren.“

Misstrauisch sein lohnt sich auch bei Hotelbuchungsportalen

Für Hotelbuchungen hat Lüdtke einen ganz konkreten Tipp: „Es lohnt sich immer beim Hotel selbst anzurufen und zu fragen: Können Sie mir noch ein besseres Angebot machen?“ Manchmal hätten Hotels zwar spezielle Verträge mit Buchungsportalen wie Booking.com. Doch oft könnten die Hotels den Kunden im persönlichen Kontakt bessere Angebote machen. 

Und auch zu dem Gerät, auf dem Kunden buchen sollten, hat der Experte eine klare Haltung. „Wir haben noch keine gesicherten empirischen Daten dazu, aber es gibt gute Argumente für die Hypothese, dass Kunden auf Desktop-Geräten günstigere Preise angeboten werden, als auf dem Smartphone.“

Dynamic Pricing: Wie Kunden sich vor unfairen Angeboten schützen können

Professor Dr. Lüdtke und Dr. Lucas Stich vom Institut für E-Commerce und Digitale Märkte haben weitere praktische Tipps für Kunden. Diese Regeln sollten Verbraucher beim Online-Shopping beachten:

  • Aktiv nach Informationen suchen, bevor Sie buchen oder kaufen
  • Diverse Vergleichsportale nutzen und immer wieder Angebote abgleichen
  • Besonders beim Preisvergleich mit dem Smartphone: Mehr scrollen (günstige Angebote stehen selten oben)
  • Besonders aufmerksam bei OTTO, Zalando und Amazon Preise vergleichen
  • Onlineportalen, die anpreisen das günstigste Angebot zu haben, immer nur bedingt Glauben schenken
  • Preise im Browser und in der App miteinander vergleichen
  • Im Hotel oder beim Mietwagenportal anrufen und Angebote hinterfragen
  • Regelmäßig Cookies im Browser löschen (Durch Cookies können Online-Händler Informationen über Besucher speichern)

Europäische Union will mehr Transparenz für Kunden

Die Europäische Union möchte im Rahmen einer Anpassung der Verbraucherschutzrechte die Transparenzvorgaben für Online-Händler deutlich verschärfen. So sollen die Shops dazu verpflichtet werden, Kunden über „Dynamic Pricing“ bereits vorab zu informieren.

„Wenn das in den Nutzungsbedingungen verschwindet, wird das wahrscheinlich nicht reichen“, so eine Sprecherin der Arbeiterkammer Wien im Gespräch gegenüber dem „Standard.“