Vier Promille waren normal: Wie Uli trotzdem den „Sprung zurück ins Leben“ schaffte

Uli Zöller zeigt lächelnd einen Daumen hoch.
Uli Zöller (59) war ganz unten. Er hat es geschafft und sich auf dem Kiez ein neues Leben aufgebaut.

Schwer atmend nimmt Uli die letzten Stufen und drückt der vor der Tür wartenden ausgemergelten Frau die ausrangierte Stereoanlage in den Arm. Sie antwortet mit einem zahnlosen Strahlen. „Du bist echt der Beste.“ Uli winkt ab. „Kein Ding. Gerne doch“, sagt er. Nachdem Uli im Knast gesessen hatte, lebte er viele Jahre lang auf der Straße. Der eigene Verfall. Die Blicke und Beschimpfungen der anderen. Uli weiß, wie es ist, ganz unten und auf die Gaben anderer angewiesen zu sein. Heute hat er „den Sprung zurück ins Leben“ geschafft. Ulrich Zöller (59) ist Bewohner und Hausmeister des Regenbogenhauses an der Reeperbahn. Ein Ort, an dem die Hoffnungslosen wieder zu hoffen wagen.

Seine Ein-Zimmer-Wohnung im fünften Stock ist für Uli mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Hier hat er sich ein kleines Refugium geschaffen – voller Antiquitäten, Büsten aus längst vergangenen Zeiten, an den Wänden alte Ölbilder in schweren Goldrahmen. Und einen bepflanzten Balkon mit Blick über die Reeperbahn hat er, den einzigen, den es im ganzen Haus gibt. „Das ist meine Welt“, sagt der hagere Mann und lässt sich lächelnd auf sein Bett nieder. Platz für ein Sofa bleibt nicht. Braucht Uli auch nicht. „Das reicht mir völlig. Ich fühle mich hier geborgen. Einzig die vielen Treppen machen mir manchmal zu schaffen“, sagt der Mann, der an Arthrose leidet.

Leben im Regenbogenhaus: „Jeder passt hier auf jeden auf“

Als ganz besonders empfindet er die Wärme untereinander, die Nachbarn, bei denen er mit seinen Problemen anklopfen könne. „Jeder passt hier auf jeden auf.“ Wenn sich ein Mitbewohner mal zwei Tage nicht blicken lässt, wird nachgeschaut, ob alles in Ordnung ist. Vor zwei Monaten schaute Uli bei einem guten Kumpel nach. Jeden Morgen um 8 Uhr tranken sie gemeinsam Kaffee. An diesem Morgen jedoch kam er nicht. Uli fand gemeinsam mit einer Betreuerin seinen schon seit längerer Zeit schwer kranken Freund in dessen Bett. „Eine halbe Stunde später ist er in unseren Armen eingeschlafen.“ Der Mann wischt sich über die Augen. Der Tod des Kumpels schmerzt ihn. Aber er ist auch dankbar darüber, wie sein Kumpel seine letzte Reise antreten durfte. „In einem normalen Haus hätte er vielleicht monatelang gelegen und die Anwohner hätten sich über den Geruch beschwert.“

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Das Regenbogenhaus jedoch ist kein normales Haus. Wer hier einzieht, bekommt die Chance auf ein neues Leben. Zurzeit wohnen rund 50 Bewohner in dem bunt gestrichenen Gebäude an der Reeperbahn. Darunter zwei Frauen. „Wir haben hier Bewohner, die mal Lehrer oder Ärzte waren und durch einen Schicksalsschlag zum Alkohol gegriffen haben. Ganz schnell liegst du unten. Und von alleine kommst du nicht mehr hoch.“ Bei Frauen sei es noch schlimmer. „Die sind Freiwild auf der Straße. Jeder Besoffene kann sie sich nehmen. Das ist ganz gefährlich“, sagt Uli.

Lange Warteliste für Zimmer in Regenbogenhaus

Die Wärme und den Schutz des Hauses wollen viele. Mehr als 100 Bedürftige stehen auf der Warteliste. Die Auswahl trifft der Betreiber und Herbergsvater Oliver Zeriadtke, der kürzlich die „Olli’s Regenbogenhaus Stiftung“ gründete. Wer besonders in Not ist, bekommt ein Zimmer. Allerdings sind manche schneller wieder draußen, als sie drinnen waren. Es gibt klare Regeln. Keine Gewalt. Keine Waffen. Keine Drogen. „Wer sich nicht daran hält, bekommt noch eine Chance. Doch dann ist Schluss. Es ist ein Privileg, in ein solchen Haus zu kommen“, sagt Uli.

Außenansicht vom Regenbogenhaus
Das Regenbogenhaus an der Reeperbahn: Hier bekommen Bedürftige die Chance auf ein neues Leben.

Ein Privileg, das demnächst noch mehr Bedürftigen offensteht. Die dritte Etage ist endlich bezugsfertig. Sie war bei einem Großbrand vor fast genau zwei Jahren zerstört worden. Mehrere Bewohner wurden damals teils schwer verletzt (MOPO berichtete). Ein schlimmes Erlebnis, das die Bewohner nicht vergessen werden. Doch längst nicht das Einzige, was viele von ihnen erlebt haben. Auch Uli nicht.

Schon morgens mit zwei Promille aufgewacht

Schon als Kind in Berlin ging es mit steigendem Alter immer weiter bergab. Der Mutter war alles egal. Der Vater war fast nie da, hatte noch eine andere Beziehung. Kam er dann doch mal nach Hause, habe es nur Prügel gegeben. „Ich bin meine eigenen Wege gegangen, sehr früh kriminell geworden und habe angefangen zu saufen.“ Als er 13 war, setzte seine Mutter ihn vor die Tür. Seine erste eigene Bleibe: ein Auto auf dem Schrottplatz eines Kumpels. Seine nächste Bleibe: eine Zelle. Wegen Diebstählen saß Uli mit 17 das erste Mal im Jugendarrest.

Zwei Männer stehen sich an einer Bar gegenüber.
Uli mit Oliver Ziradtke, dem Herbergsvater des Regenbogenhauses an der Bar (das Bier hat einen anderen Besitzer).

Kaum war er wieder in Freiheit, haute Uli ab. Nach Griechenland. Warum ausgerechnet dorthin? Der Mann mit der tätowierten Träne unter den strahlend blauen Augen grinst. Am Bahnhof standen drei Leute vor ihm am Schalter, die nach Athen wollten. „Da hab’ ich auch einfach Athen gesagt.“ Bei einem Stopp in Salzburg lernte er einen Deutschen kennen, dessen Bruder eine Taverne auf einer Insel hatte. Er bot Uli an, dort zu arbeiten. Sein großes Glück. Das Meer, die Fischerboote, die Ruhe. Ein Paradies. „Ich habe mich dort das erste Mal in meinem Leben frei gefühlt.“ Anderthalb Jahre blieb er. Warum er überhaupt zurückkehrte, weiß Uli bis heute nicht.

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Zumal in Deutschland nichts und niemand auf ihn wartete. Ihm blieb einzig die Straße, was er jedoch gar nicht schlimm fand. „Zu der Zeit habe ich mich draußen auch frei gefühlt. Ohne Verpflichtungen.“ Eine heftige Zeit, in der Uli über Monate nicht nüchtern war. Schon morgens sei er mit zwei Promille aufgewacht. „Über den Tag hat man noch mal zwei Promille gebraucht, um klarzuwerden in der Birne.“ Vier Promille? „Ja, das war Standard. Schon krass. Aber das war der normale Pegel. Leider Gottes.“

Nach mehreren Raubüberfällen – insgesamt mehr als 15 Jahre Knast

Bier oder Wein trank Uli nicht, nur Hochprozentiges. Um schnell an Geld zu kommen, überfiel er Geschäfte. Und wurde immer wieder gefasst. Kaum aus dem Knast raus wurde er wieder kriminell. Insgesamt saß Uli mehr als 15 Jahre wegen bewaffneter Raubüberfälle. „Wenn du kriminell bist, kannst du dir irgendwie nicht vorstellen, acht Stunden arbeiten zu gehen.“ Er habe nur an das schnelle Geld gedacht. Heute denkt er an die Menschen, denen er „eine Knarre vor den Kopf“ hielt. „Ich glaube, dass das ein Leben lang hängen bleibt. Das vergisst man nicht. Damals habe ich mir leider Gottes keine Gedanken darüber gemacht.“ Der Mann mit dem rot-grauen Vollbart schüttelt den Kopf, als könne er selber nicht glauben, was er getan hat.

Nach den Jahren im Knast reiste Uli herum. Von Stadt zu Stadt. „Ich habe nach einem neuen Zuhause gesucht.“ Vergebens. Stattdessen war er auf der ständigen Suche nach einer „guten windgeschützten Platte“. Am besten an einer Kirche. Er aß in Suppenküchen und machte sich dort frisch. Nebenbei versuchte Uli kleine Aushilfsjobs zu bekommen. Und sei es nur für einen Tag. Wenn es nichts gab, schnorrte er. „Es kostet sehr viel Überwindung, jemanden nach Kleingeld zu fragen. Das ist eine große Erniedrigung. Ich glaube, dann bist du ganz unten.“

Uli schaffte den „Sprung zurück ins Leben“

Fühlt sich geborgen: Uli Zöller (59) hat sich ein kleines Refugium mit seinen Antiquitäten im Regenbogenhaus geschaffen.
Fühlt sich geborgen: Uli Zöller (59) hat sich ein kleines Refugium mit seinen Antiquitäten im Regenbogenhaus geschaffen.

In den Jahren auf der Straße hatte Uli am meisten Angst davor, dass nichts mehr kommt. Dass das alles war und sein Leben als Obdachloser endet. Doch er hat es geschafft. Den „Sprung zurück ins Leben“, wie er ihn selber nennt, brachte die Einweisung ins Krankenhaus. Uli war am Ende. Mit 5,2 Promille wurde er eingeliefert. Der Arzt sagte ihm, wenn er so weitermache, gäbe er ihm kein halbes Jahr mehr. Trotz seines Zustandes verstand Uli den Ernst der Lage. In dieser Nacht vor etwa 15 Jahren setzte er sich in den Park der Klinik. Die Dunkelheit. Die Stille. „Und auf einmal hörte ich Vögel. Da habe ich das erste Mal nach vielen Jahren wieder gemerkt, dass es schöne Dinge gibt.“ Für die es sich zu leben lohnt. Uli bat den Arzt um Hilfe und bekam sie. Seitdem hat er nicht wieder getrunken.

Doch zurück ins Leben fand er erst einmal nicht. Kurz nachdem er mit dem Saufen aufgehört hatte, wurde bei Uli Mundhöhlenkrebs diagnostiziert. Teile vom Wangenknochen und Zähne mussten entfernt werden. Eine schlimme Zeit. Doch er überstand den Krebs und fand nach all den Jahren der vergeblichen Suche ein neues Zuhause im Regenbogenhaus. Bis auf Gesundheit gibt es nichts, was er sich noch wünscht. „Ich bin glücklich mit dem, was ich habe.“ Man könne ihm eine Wohnung in Volksdorf schenken. „Niemals würde ich tauschen. Einmal Kiez, immer Kiez.“

Steckbrief Ulrich Zöller (59)

Spitzname und Bedeutung: Alle nennen mich Uli, einen anderen Spitznamen hatte ich nie.

Beruf/erlernte Berufe: Hausmeister im Regenbogenhaus, gelernt habe ich nichts.

St. Pauli ist für mich… meine Freiheit.

Mich nervt es tierisch, wenn … ich bei einer Verabredung warten muss.

Ich träume davon, ... gesund zu sein.

Wenn mir einer blöd kommt, … drehe ich mich um.

Zum Abschalten … gehe ich in den Wald.

Als Kind … bin ich schon früh meinen eigenen Weg gegangen.

Meine Eltern … welche Eltern?

Vom Typ her bin ich … geradeaus.

Schwer atmend nimmt Uli die letzten Stufen und drückt der vor der Tür wartenden ausgemergelten Frau die ausrangierte Stereoanlage in den Arm. Sie antwortet mit einem zahnlosen Strahlen. „Du bist echt der Beste.“ Uli winkt ab. „Kein Ding. Gerne doch“, sagt er. Nachdem Uli im Knast gesessen hatte, lebte er viele Jahre lang auf der Straße. Der eigene Verfall. Die Blicke und Beschimpfungen der anderen. Uli weiß, wie es ist, ganz unten und auf die Gaben anderer angewiesen zu sein. Heute hat er „den Sprung zurück ins Leben“ geschafft. Ulrich Zöller (59) ist Bewohner und Hausmeister des Regenbogenhauses an der Reeperbahn. Ein Ort, an dem die Hoffnungslosen wieder zu hoffen wagen.