Tattoo-Mann Marco Apfler: „Ich kann Schmerzen nicht ertragen“

Etwa 80 Prozent seines Körpers sind tätowiert: Marco Apfler (48) über Schmerzen, Beleidigungen, Gott und Familie.
Etwa 80 Prozent seines Körpers sind tätowiert: Marco Apfler (48) über Schmerzen, Beleidigungen, Gott und Familie.

Manche halten ihn für einen Satanisten. Für andere ist er ein Knacki. Vielleicht auch nur ein Kleinkrimineller. Mit Sicherheit aber einer, der nicht lange fackelt. Marco Apfler (48) kennt sie – die Vorurteile. Klar, auf Fremde wirkt er mitunter bedrohlich mit dem von Tattoos übersäten Körper, den rot gespritzten Augäpfeln und von Horror-Motiven gezeichneten Gesicht. Der Tätowierer und „Lehmitz“-Geschäftsführer gibt tiefe Einblicke in seine Welt. Er berichtet von seiner Kindheit, vom „bösen“ Tod der Mutter. Warum er so viele Tattoos hat, von der engen Beziehung zum „Schönen Klaus“. Und warum der Kiez alles verändert hat.

Lächelnd sitzt Marco auf einer der rotgepolsterten Bänke in der „Olivia Jones Bar“ und blickt auf sein Handy. „Guck mal hier“, sagt er stolz und zeigt ein Video seines vor Freude jauchzenden Sohnes. Gemeinsam mit Papa im aufblasbaren Whirlpool im Garten. Dass sein Vater anders aussieht, als andere Papas, nimmt Taylor nicht wahr. „Er ist erst zwei und kennt mich ja nur so“, sagt der 48-Jährige. Etwa 80 Prozent seines Körpers sind tätowiert. Selbst seine Augäpfel.

Am Oberkörper ist seitlich noch etwas Platz. An den Beinen auch. Marco grinst. „Und am Popo.“ Er lacht. Warum ausgerechnet das Hinterteil blank ist? „Das tut total weh am Po. Eine der schmerzhaftesten Stellen. Ich kann Schmerz nicht ertragen. Ist überhaupt nicht mein Ding.“ Bitte was? „Ja, ich weiß, würde man nicht denken, wenn man mich sieht. Ich bin eine Heulsuse.“ Jeder seiner Tätowierer könne das bestätigen. Schon häufig hat Marco die Sitzungen abgebrochen. Einfach zu schmerzhaft. „Mein Gasttätowierer hasst es glaube ich, mich zu tätowieren.“

Marco steht auf Horrorfilme – und auf eine alte Schnulze

Trotz des Schmerzes will Marco die blanken Stellen noch bebildern lassen. Als nächstes soll mal wieder was „horrormäßiges“ drankommen. Nichts Neues auf seinem Körper. Auf der Stirn prangen die Augen des Clowns Pennywise aus Stephen Kings „Es“, neben seinem Mund ist das Gebiss eines Skelettes verewigt. Horrorfilme sind Marcos Leidenschaft. Allerdings steht er auch auf alte Klassiker aus seiner Kindheit. „Ein Fall für Zwei“ und „Derrick“ mag er. „Und ich steh auch auf Dirty Dancing“, gesteht er lachend.

Dass seine Familie und seine Freunde hinter ihm stehen, bedeutet Marco alles. Die Meinung Fremder ist ihm egal. Schon häufig musste er Beleidigungen über sich ergehen lassen. „Sowas wie du dürfte hier gar nicht leben“, hat er mehrfach gehört. Einmal in der S-Bahn sagte ein junger Mann laut in die Runde: „Sowas wie der sollte vor der Bahn laufen, einfach drüberfahren.“ Die heftigen Reaktionen auf sein Äußeres kümmern Marco nicht. „Ich bin so, wie ich bin und die anderen Leute interessieren mich nicht.“

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Egal, wie beleidigend Fremde werden – Marco reagiert nicht darauf. „Dann rege ich mich bloß drüber auf und da habe ich keine Lust zu.“ Ohnehin sei er nicht der Typ, der Stress will. Er hält sich raus, geht weg, wenn es brenzlig wird. Und so kam es auch noch nie zu einer körperlichen Auseinandersetzung. „Ich schlage mich nicht. Und es traut sich auch keiner, mich anzugreifen. Die haben schiss, wenn sie mich sehen.“ Allerdings gibt es auch schöne Momente. Gerade am Wochenende kommen auf dem Kiez häufig Fremde auf ihn zu, bitten um ein Selfie und fragen, warum er so aussieht. Seine Standardantwort: „Weil es mir gefällt.“

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Ganz so simpel ist es jedoch nicht. Warum er so aussieht, wie er aussieht, hängt mit Marcos Kindheit zusammen. Sein Vater war Bordellbetreiber, die Mutter hatte eine Kneipe. Es blieb wenig Zeit für den Sohn. Um Aufmerksamkeit zu bekommen, schlug Marco schon als Knirps über die Stränge. Er wurde aggressiv, zerstörte Sachen, klaute. Mit fünf Jahren kam er in ein Kinderheim. In dem er bis zur Volljährigkeit blieb. „Eine schöne Zeit“, sagt er heute. Von seinen mittlerweile verstorbenen Eltern, zu denen er trotz allem immer Kontakt hatte, spricht er liebevoll. Kein böses Wort. Doch ganz so leicht war es nicht für ihn.

Podcast-Aufnahme: Marco Apfler mit Redakteurin Wiebke Bromberg in der „Olivia Jones Bar“.
Podcast-Aufnahme: Marco Apfler mit Redakteurin Wiebke Bromberg in der „Olivia Jones Bar“.

Im Heim zog sich Marco immer weiter zurück. Er malte sich im Gesicht mit Stiften an. Um andere abzuschrecken. Die Kinder sollten ihn in Ruhe lassen. Mit 14 Jahren stach er sich sein erstes Tattoo. Ein Kreuz auf dem Oberarm mit Nadel und Tinte. Der Beginn einer Leidenschaft, die Jahre später zu seinem Beruf werden sollte – nachdem er eine Ausbildung zum Schuhverkäufer gemacht hatte. „Die Tattoos sind mein Leben, jedes hat für mich eine Bedeutung. Sei es ein Anfangsbuchstabe oder ein Pferd von ‚My little Pony‘.“ Das Tier prangt auf seiner Brust. Weil die Tochter seiner Ex-Frau so großer Fan war.

„Ich wollte die Schmerzen nachempfinden. Es war meine Verarbeitung“

Dass er sich im Gesicht tätowieren ließ, hängt mit dem Tod seiner Mutter zusammen. „Sie ist ganz böse gestorben.“ Sie hatte Krebs und einen Gehirntumor. „Ich wollte die Schmerzen nachempfinden, die meine Mutter durchmachen musste. Das kann man natürlich nicht. Aber es war meine Verarbeitung“, sagt der Mann, der katholisch erzogen ist, an Gott glaubt und an den Gräbern geliebter Menschen betet. Wie hätte die Mutter auf das tätowierte Gesicht reagiert? „Das hätte böse Theater gegeben. Sie hätte es auf gar keinen Fall gut gefunden. Aber sie wusste, dass ich ein anderer Mensch bin.“

Ein netter, zurückhaltender Kerl sei er. Der bis auf Diebstähle als kleiner Knirps noch nie straffällig geworden ist. Einer, der nur für sich sein wollte, um den die Leute einen Bogen machen sollten. Doch dann kam der Kiez. Und alles anders. „Hier fing mein neues Leben an. Auf einmal war ich viel in den Medien. Die Leute wollten Fotos mit mir, hier und da gab ich Autogramme. Damit hätte ich nie gerechnet.“ Eigentlich lebte er in Jever (Kreis Friesland) und war nur für eine Nacht auf den Kiez gefahren. Seine Freundin Anneliese hatte ihm an diesem Tag eröffnet, dass er Vater wird. Das wollte Marco feiern. In dieser Nacht lernte er den Geschäftsführer von „Susis Showbar“ kennen, der ihm direkt einen TV-Auftritt verschaffte. In den folgenden Wochen kamen immer mehr Anfragen vom Fernsehen, Marco war häufig auf St. Pauli, lernte immer mehr Kiezianer kennen. Darunter auch den ehemaligen Zuhälter Klaus Barkowsky, bekannt als der „Schöne Klaus“.

Marco mit dem „Schönen Klaus“. Der ehemalige Zuhälter sei für ihn wie ein Vater gewesen.
Marco mit dem „Schönen Klaus“. Der ehemalige Zuhälter sei für ihn wie ein Vater gewesen.

„Das passte, als würden wir uns schon lange kennen.“ Wenn Marco Termine auf dem Kiez hatte, schlief er bei Klaus Barkowsky. Sie redeten nächtelang. Eines Abends zeigte er ihm alte Fotos. „Auf einem Bild entdeckte ich auf einmal meinen Vater.“ Klaus kannte Marcos Vater, ein Bordellbetreiber aus Osnabrück. Es stellte sich heraus, dass Marco schon als Kind Pakete von einem „Klaus aus Hamburg“ bekommen hatte. Vom „Schönen Klaus“. „Das war alles sehr merkwürdig. Für uns beide. Auch Klaus wusste nicht, dass ich der kleine Junge war, dem er Geschenke geschickt hat.“ Warum ausgerechnet er Pakete von dem ehemaligen Zuhälter bekam? Marco zuckt die Schultern. „Das weiß ich bis heute nicht genau. Wohl weil Klaus ein Freund meines Vaters war.“ Fest steht: Der „Schöne Klaus“ hat ihn als Ziehsohn bezeichnet. „Er war für mich wie ein Vater. Mein Halt und einer der Gründe, warum ich nach Hamburg gekommen bin.“ Als sich der ehemalige Zuhälter mit 69 Jahren das Leben nahm, brach eine Welt für Marco zusammen. Er wusste, wie es um Klaus Barkowskys Seelenleben stand. Zumindest hat er es geahnt. Darüber sprechen will er jedoch nicht.

Vom „KultKieztouren“-Begleiter zum Geschäftsführer des „Lehmitz“

Zu der Zeit hatte Marco sein Tattoo-Studio in Jever bereits geschlossen und sein altes Leben hinter sich gelassen. Anfangs wollten er, seine Freundin und sein Stiefsohn auf den Kiez ziehen, doch die junge Familie entschied sich dagegen und zog in ein Reihenhaus außerhalb – im Kreis Pinneberg. Zehn Tage später wurde Sohn Taylor geboren. Das Schönste und Anstrengendste, was Marco je passiert ist. „Das hätte ich vorher nicht gedacht. Auch nicht, dass ich überhaupt noch mal Vater werde.“ Der mittlerweile Zweijährige ist sein ganzer Stolz. „Der ist der Chef im Hause.“

Sein erster Job auf dem Kiez: Marco arbeitete als Kieztouren-Begleiter für Olivia Jones. Sein Freund Olli Zeriadtke, der für „KultKieztouren“ Touristen durch das Viertel führt, brachte ihn in der Olivia Jones-Familie unter. Marco lief als Security-Mann mit. Mittlerweile hat er keine Zeit mehr. „Wenn jedoch Not am Mann ist, bin ich da. Ich möchte gerne weiterhin ein kleiner Teil der Familie sein. Die ist etwas sehr Besonderes.“

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Doch allzu viel Zeit bleibt Marco nicht. Er führt in den Räumen von „Respect Hamburg Straightwear“ an der Kieler Straße ein Tattoo-Studio, das „Tief unter deine Haut“. Zudem hat er gemeinsam mit seiner Freundin kürzlich die Geschäftsführung des „Lehmitz“ an der Reeperbahn übernommen. Eine alteingesessene Kneipe, bekannt für ihre Hausband. Doch die gibt es momentan nicht mehr. „Wird aber wieder kommen“, verrät Marco. Und auch, dass er bereits für ein neues TV-Format vor der Kamera steht. Welches, das darf er noch nicht verraten. Ein Projekt ist jedoch schon spruchreif: Im Sommer spielt der Tattoo-Mann in einem Horrorfilm mit. Seine Rolle: Der Tod. Dem äußeren Anschein nach passend. Aber nur dem äußeren Anschein nach.

Nicht wiederzuerkennen: Marco Apfler hat sich nach dem Tod der Mutter das Gesicht tätowieren lassen.
Nicht wiederzuerkennen: Marco Apfler hat sich nach dem Tod der Mutter das Gesicht tätowieren lassen.

Steckbrief: Marco Karl-Heinrich Josef Apfler (48)

Spitzname und Bedeutung: Ich bin Marco, war ich schon immer. Einen Spitznamen hatte ich nie.

Beruf/ erlernte Berufe: Tätowierer und Geschäftsführer des „Lehmitz“, gelernter Schuhverkäufer

St. Pauli ist für mich… mein zweites Wohnzimmer.

Mich nervt es tierisch, wenn… Leute mich andauernd anstarren.

Ich träume davon… glücklich zu sein.

Wenn mir einer blöd kommt,… dann gehe ich weg.

Zum Abschalten… verbringe ich Zeit mit meinem Sohn.

Als Kind… hatte ich eine tolle Zeit im Kinderheim.

Meine Eltern… waren großartig.

Vom Typ her bin ich… ein ruhiger Mensch.

Manche halten ihn für einen Satanisten. Für andere ist er ein Knacki. Vielleicht auch nur ein Kleinkrimineller. Mit Sicherheit aber einer, der nicht lange fackelt. Marco Apfler (48) kennt sie – die Vorurteile. Klar, auf Fremde wirkt er mitunter bedrohlich mit dem von Tattoos übersäten Körper, den rot gespritzten Augäpfeln und von Horror-Motiven gezeichneten Gesicht. Der Tätowierer und „Lehmitz“-Geschäftsführer gibt tiefe Einblicke in seine Welt. Er berichtet von seiner Kindheit, vom „bösen“ Tod der Mutter. Warum er so viele Tattoos hat, von der engen Beziehung zum „Schönen Klaus“. Und warum der Kiez alles verändert hat.