Kiezclub Frieda B.: „Platzwunden, verlorene Zähne – das gehört irgendwie dazu“
Mit dem „Frieda B.“ ist das so eine Sache. Der Club am Hans-Albers-Platz ist stets rappelvoll, jeder kennt ihn. Doch dort gewesen sein will niemand. „Wir sind halt ein Baggerschuppen“, sagt Betriebsleiterin Maren Dickers (54), die gerne mal als die „Löwenmutter“ des Ladens bezeichnet wird. In ihren 35 Jahren in der Gastronomie hat sie so einiges erlebt. Nächte mit ausgeschlagenen Zähnen und Platzwunden. Mit Promis, von denen einer ihr stundenlang beim Gläserspülen half. Diebe mit Heizkörper unterm Arm und Partyvolk mit Paarungsdrang.
Es ist Jahre her, da stellte ihr Freund sie vor die Wahl: entweder er oder das „Frieda“. Maren breitet grinsend den Arm aus und lässt ihn über die Bar schweifen. „Die Antwort ist klar, oder?“, fragt die blonde Frau. Den Club, der in den 80er Jahren „Chikago“ hieß, Kiez-Pate Ringo Klemm gehörte und als Epizentrum des Rotlichtmilieus galt, aufgeben? Niemals. Maren ist seit 20 Jahren für das „Frieda B.“ und die darüber gelegene „Chikago-Bar“ im Einsatz, auch wenn die Läden nicht geöffnet haben. Bestellungen machen, Kundenanfragen, DJ-Booking, Handwerker beauftragen. Freitags und samstags ist die Betriebsleiterin „die Erste, die kommt, und die Letzte, die geht“. Ab 22 Uhr geht das Licht aus. Dann heißt es: „Auf die Gäste, fertig, los.“ Ab da ist Maren das „Mädchen für alles“, wie sie sich selbst nennt.
Betriebsleiterin Maren über Toiletten, dicke Luft und Gäste, die „den Chef“ sprechen wollen
Hinterm Tresen aushelfen, Flaschen einsammeln, kassieren, Kisten schleppen. „Ich mach alles. Also wirklich alles. Bestes Beispiel ist die EM im vergangenen Jahr, als die Stadt voller Holländer war.“ Maren freute sich auf die Schicht. Auf einmal Alarm. „Uns ist die Scheiße aus den Toiletten hochgekommen.“ Mit einem Pümpel bewaffnet versuchte sie ihr Glück. „Was natürlich gar nichts brachte“, sagt sie laut lachend. Zwei Türsteher, Hausmeister, die Chefin und eine Riesenspirale aus der Nachbarschaft. Zweieinhalb Stunden lang. „Danach haben wir aufgegeben. Egal, ich wollte damit nur sagen: Ich steh’ dann auch mal in der Scheiße.“ Geruchstechnisch vermutlich die Hölle. „Ach, das riechst du nicht mehr“, winkt sie ab. Seit es das Rauchverbot gibt, ist sie an dicke Luft gewöhnt. „Du riechst jeden Pups, Rülps und jede Knoblauchfahne. Nicht wild.“
Was ihr jedoch manche Nacht zu schaffen macht, sind die zahlreichen Gäste, die „den Chef“ sprechen wollen. Großes Thema ist Leitungswasser. Viele Gäste beschweren sich, dass sie kein Wasser umsonst bekommen. „Dann versuchen die mir zu erklären, dass man verpflichtet sei, das umsonst auszuschenken. Sie studieren Jura und da würde es ein Gesetz geben.“ Maren schüttelt den Kopf. „Sie können stilles Wasser kaufen.“ Der Club kostet keinen Eintritt. In einer Schicht arbeiten 22 Kollegen. „Die müssen von irgendwas bezahlt werden.“
Häufiges Thema ist auch Diebstahl. Einiges tauche aber auch wieder auf. Maren geht seit 20 Jahren jeden Sonntagmorgen zur Davidwache. Fundsachen abgeben. Schlüssel, Handys, Portemonnaies, Brillen. Etliche Teile, von denen die Gäste meinen, sie seien gestohlen worden. Doch klar. Manche Sachen sind tatsächlich geklaut. Auch dem „Frieda B.“ kommt regelmäßig was abhanden. Einmal spazierte ein Mann mit einem Heizkörper unter dem Arm aus dem Laden. Den hatte er im Suff kurzerhand von der Wand geschraubt. Der Türsteher stoppte ihn. Manchmal wird die Polizei alarmiert, manchmal einigt man sich. „Wir wissen, was wir für Gäste haben. Die sollen ja auch ihren Spaß hier haben und sich austoben.“
Die meisten Nächte bleibt es beim alkoholgeschwängerten Austoben. Doch manchmal wird es heftig. Dann prügeln sich Gäste oder es kommt zu sexuellen Übergriffen. Für Maren „ganz fürchterliche“ Situationen, wenn Frauen begrapscht werden. Oft können sie die Täter nur vor die Tür setzen, „weil die Mädels die Typen nicht anzeigen wollen“. Sie rät Frauen, die egal ob im Club oder auf der Straße belästigt werden, sich sofort Hilfe bei den Türstehern zu holen. „Manche sehen vielleicht böse aus, aber das sind ganz liebe Jungs.“ Auch sie selber ist schon mehrfach angefasst worden. „Ich alter Zosse hab’ manchmal noch ’ne Hand am Hintern. Aber wenn ich mich umdrehe, erschrecken die sich, glaube ich.“ Die Reaktion fällt jedenfalls deftig aus. Maren fackelt nicht lange. Sie sei kein kleines Mädchen, das geschockt dastehe. „Wer grapscht, kassiert eine Backpfeife. Und ich werde sehr laut.“
„Die hat jeden Abend einen anderen Typen. Manchmal sogar drei in einer Nacht“
Maren ist es wichtig, klarzustellen: Das kommt selten vor. Die meisten Abende sind bunt, laut und fröhlich. Mit einem Team, das für sie wie eine Familie ist. Einfach mal unbeschwert feiern und die Sorgen der Welt vergessen – das wolle man im Frieda B. Und das wollen auch die meisten Gäste. Viele junge Leute, viele Touristen, die einen draufmachen und auch gegenüber einer Kiezbekanntschaft nicht abgeneigt sind. „Viele haben sich hier kennengelernt.“ Die Betriebsleiterin berichtet von einem Pärchen, das mittlerweile verheiratet ist und seine Tochter nach dem Laden benannt hat. Und einer Frau, die momentan andauernd da sei. Stets steht sie an derselben Stelle an der Bar, um auf Männerjagd zu gehen. „Die hat jeden Abend einen anderen Typen. Manchmal sogar drei in einer Nacht“, sagt die Chefin. Wie sie das macht? Maren zuckt die Schultern. „Ich weiß nicht, wie das geht heutzutage. Ich bin da raus“, sagt sie lachend. Zwar ist es ihr auch schon mal passiert, dass sie einen Mann im Frieda B. kennengelernt hat, doch darüber schweigt sie lächelnd.
Maren ist Single und Hundemama. Sie wohnt mit ihrer Französischen Bulldogge Gretel in einer Wohnung in Eppendorf. Die Hündin ist ihr Ruhepol. „Ich liebe Tiere, genauso wie das ganze Team.“ Einmal im Jahr spendet das „Frieda B.“ zu Weihnachten an das Franziskus-Tierheim. Mittlerweile fast 8000 Euro. Und auch darüber hinaus engagiert sich Maren. Kürzlich hatte eine Bekannte vormittags vor einem Supermarkt auf St. Pauli einen angebundenen Dackel entdeckt. Nachmittags hockte er noch immer da. Sie wusste um Marens Tierliebe und schaltete sie ein. „Menschen, die acht Stunden weggucken – das kann ich nicht begreifen. Er sah ganz elendig aus. Furchtbar.“ Das Franziskus-Tierheim nahm den Hund auf, der den Namen Kurt bekam. Er musste operiert werden. Die Kosten übernahm das „Frieda B.“. Maren ist glücklich. Vergangene Woche hat sich eine Familie den Hund angeschaut. „Eventuell hat Kurt bald ein neues Zuhause.“
Auf der einen Seite die laute, schrille Welt des Kiezes, auf der anderen das „spießige, langweilige“ Leben mit Gretel in Eppendorf. „Ich habe zwei Leben. Auch wenn ich es auf St. Pauli sehr genieße, mein Privatleben findet in Eppendorf statt. Das brauche ich als Ausgleich.“ Wenn sie nach Hause kommt, fällt alles von ihr ab. Sei es eine Rangelei oder wenn ein Gast ein Glas über den Kopf gezogen bekommen hat. „Ein paar Platzwunden, ein paar verlorene Zähne – das gehört irgendwie dazu. Das nehme ich nicht mit nach Hause. Vielleicht kann ich den Job deshalb schon so lange machen.“ Insbesondere bei den Engländern gehe es gerne mal ab. „Die Engländer wollen das ja. Wenn die ohne Veilchen zurückfliegen, war es kein gutes Wochenende.“
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Einmal gab es eine Massenschlägerei im Laden. Mehrere Engländer prügelten aufeinander ein. Einzelheiten weiß Maren nicht mehr. Aber an den Typen mit Hula-Hoop-Reifen, der mittendrin stand, erinnert sie sich noch. Es sind die skurrilen Momente, die sie mit nach Hause nimmt. „Bei Vollmond ist es am schlimmsten.“ Einmal musste sie rauskommen. Ein Gast hatte die Polizei alarmiert. Es stellte sich heraus, dass der Betrunkene die Türsteher immer wieder fotografiert hatte und nicht damit aufhörte. Als ein Türsteher rief „Jetzt hol ich dich“, erschrak der Gast so sehr, dass er sich in die Hose machte. „Groß. Es stank fürchterlich“, sagt Maren und verzieht das Gesicht. Polizisten, Türsteher und Maren standen sich gegenüber. Ratlos. Irgendwann torkelte der Mann mit voller Hose davon.
So viele Geschichten, so viele Jahre. Manchmal kann Maren es selber kaum glauben. Zumal ihre Gastroreise schon viel früher begann. Zehn Jahre lang arbeitete sie im legendären „Madhouse“. Ein Rockschuppen in der Innenstadt mit hoher Promidichte. Sie lernte Prince kennen, Otto Waalkes, Udo Lindenberg, die Bandmitglieder von Foreigner und Meat Loaf. Der kam eine Woche lang jeden Abend. In der ersten Nacht bedrängten ihn die Gäste. So sehr, dass er Maren bat, ob er hinter die Bar kommen könne. „Aber du darfst hier nicht im Weg stehen. Dann musst du meine Gläser spülen“, habe sie gesagt. Meat Loaf spülte. Stundenlang. „Er kam jeden Abend wieder. Zum Spülen“, sagt Maren und wirft lachend den Kopf in den Nacken. Sie lässt den Blick durch den Laden schweifen. „Irgendwann muss das hier eigentlich mal ein Ende haben.“ Sie habe ihren Chef Tim Becker schon gebeten, sie rauszuwerfen. Seine Reaktion: „Bestimmt nicht.“ Selber loslassen kann Maren nicht. „Ich fühle diesen Laden von vorne bis hinten. Ich lebe und liebe das“, sagt sie. Mit Tränen in den Augen.
Steckbrief Maren Dickers (54)
Spitzname und Bedeutung Noch immer nennen mich manche Leute Madhouse-Maren. Im Frieda B. werde ich mitunter Löwenmutter genannt, weil ich immer für alle da bin.
Beruf/ erlernte Berufe Betriebsleiterin des Frieda B. und der Chikago-Bar, gelernt habe ich Lithografin.
St. Pauli ist für mich… ein Ort voller Gegensätze und ein wichtiger Teil meines Lebens.
Mich nervt es tierisch, wenn… Leute mit Karte bezahlen. Das macht ganz viel kaputt. Dieser Moment, in dem der Gast einem das Geld reicht, man sich anschaut und lächelt, macht ganz viel aus. Mit Karte gibt es das nicht.
Ich träume davon… gesund zu bleiben.
Wenn mir einer blöd kommt,… dazu sag ich nur: Quid pro quo – etwas für etwas.
Zum Abschalten… verbringe ich Zeit mit meiner Hündin Gretel und mache gerne Spaziergänge in der Natur.
Als Kind… habe ich Labskaus, Linsensuppe und Hagebuttentee gehasst. Hühnerfrikassee hab ich geliebt und das ist bis heute so.
Meine Eltern… waren sehr jung als ich geboren wurde. Meine Mutter ist bereits verstorben. Zu meinem Vater habe ich ein sehr enges Verhältnis. Papa ist der Größte.
Vom Typ her bin ich… zappelig, sehr ehrlich, ganz fürchterlich ordnungsliebend und organisiert und habe für alle ein offenes Ohr.