Kiez-Wirtin der Beatles-Stammkneipe: „Bei Mutti krieg ich Pickel“
Alles, bloß nicht Mutti. „Bei Mutti krieg‘ ich Pickel. Das wissen die Gäste“, sagt Inge mit tiefer, donnernder Lache. Dabei wäre der Kosename durchaus passend gewesen. 30 Jahre lang kümmerte sich Inge Malewitsch (69) um die Gäste im „Gretel & Alfons“ an der Großen Freiheit. Sie schenkte aus, hörte zu und teilte auch mal aus, wenn es nötig war. Die gerade mal 1,54 Meter große Frau hatte den legendären Laden im Griff. Einst war er Wohnzimmer der „Star-Club“-Musiker. Die Stammkneipe der Beatles, in der sie zwischen ihren Auftritten schnell mal ein Bier kippten und 20 Jahre lang Schulden hatten.
In der linken Hand eine Zigarette, die rechte am Kaffeebecher sitzt Inge auf einer roten Bank in der Kneipe. Müde ist sie. Die letzte Nacht war kurz. Gerade erst ist sie aus dem Ägypten-Urlaub zurück. „Das war ein Lebenstraum von mir.“ Den ihre beiden Töchter ihr zum 69. Geburtstag erfüllt haben. Einfach mal wegfahren? Das war früher undenkbar. „Es war Gesetz auf dem Kiez: Geld gab es nur, wenn du gearbeitet hast.“ Wer krank war oder Urlaub machen wollte, verdiente nichts – egal, ob fest angestellt oder nicht. Für Inge besonders hart. Ihr Ehemann war früh gestorben. Sie musste sich alleine um die zwei Töchter und den Sohn kümmern.
Einmal Urlaub, einmal Blutvergiftung: Vier Wochen war Inge in 30 Jahren nicht da
Wenn die Kinder krank waren, sprang eine Freundin ein und kümmerte sich. Und wenn sie selber krank war? „Dann stand ich mit 39 Fieber hier. Es ging nicht anders.“ Gerade mal vier Wochen war sie in den vergangenen 30 Jahren nicht da. Einmal gönnte sie sich zwei Wochen Urlaub in Portugal. Und einmal fiel sie zwei Wochen wegen einer Blutvergiftung aus. Da war sie vor dem Laden in eine kaputte Glasflasche getreten, die sich durch den Schuh in ihren Fuß gebohrt hatte. „Das ist von alleine gekommen, das geht von alleine wieder weg“, dachte Inge. Doch eines Morgens wachte sie auf und sah den Strich bis übers Knie. Panik? Ach was. Die robuste Frau ärgerte sich. „Verdammte Axt, es ist Sonntag.“ Inge musste ins Krankenhaus, fiel 14 Tage aus. Zwei Wochen kein Geld. Das tat weh.
Klingt nach viel Stress, viel Entbehrung. Inge schüttelt grinsend den Kopf. Ihre braunen Haare fallen ihr ins Gesicht. „Ach was. Ich würde das alles genauso wieder machen.“ Sie ist dankbar, damals durch Zufall bei „Gretel & Alfons“ gelandet zu sein. Nachdem ihr Mann gestorben war, habe sie eine „Leck-mich-am-Arsch-Stimmung“ gekriegt. „Mir war alles egal.“ Gemeinsam waren sie selbstständig und verkauften Anzeigen. Doch Inge packte es alleine nicht und begann an der Großen Freiheit in einer Spielhalle zu arbeiten. Nach Feierabend kam sie stets als Gast in die Kneipe, um bei einer Cola auf die erste Bahn nach Hause zu warten. Zu Hause, das war damals in Ellerau bei Quickborn.
Irgendwann kam der Chef auf sie zu und fragte, ob sie für ihn arbeiten wolle. Es war Horst, der Sohn von Gretel und Alfons, die den Laden 1953 eröffnet hatten. Alfons, ein ehemaliger Boxer und Jugendbetreuer beim FC St. Pauli, und Gretel, die gute Seele der Kneipe. „Die Gretel war eine ganz liebe Frau. Wie eine Mutti.“ Steak auf Toast, Würstchen mit Kartoffelsalat, Eintopf, Mettbrötchen – die Wirtin sorgte dafür, dass die Musiker aus dem benachbarten „Star-Club“ ordentlich was zu essen bekamen.
Jimi Hendrix, Lee Curtis, Chuck Berry, Bill Haley und viele andere kamen. Für die Beatles wurde es ihre Stammkneipe, ihr „Beer Shop“, wie sie den Laden nannten. Im „Star-Club“ durften die Musiker pro Nacht nur drei Bier trinken. „Die sollten ja nüchtern spielen. Mal eben zwischendurch in den Pausen sind sie hier reingehuscht, haben ein, zwei Bier weggezischt und sind wieder rüber.“ Auch nach den Auftritten kehrten sie regelmäßig in ihrem „Beer Shop“ ein und saßen am Musiker-Stammtisch. Getrunken wurde damals auf Rechnung. Einmal die Woche bekamen die Musiker ihre Gage und bezahlten. Doch ihren letzten „Deckel“ beglichen die Beatles nicht. 89,50 Mark blieben sie schuldig. „Damals kostete ein Bier 60 Pfennig. Da müssen die ganz schön viel weggezwiebelt haben“, sagt Inge lachend.
Paul McCartney beglich die Schulden der Beatles nach 20 Jahren
Schon als Gretel und Alfons den Laden längst nicht mehr führten und ihr Sohn Horst die Kneipe mit seiner Frau Monika, genannt „Stubs“, übernommen hatte, wurden die Schulden endlich beglichen. 1989 war Paul McCartney für ein Konzert in Hamburg und gab eine Pressekonferenz im „Kaiserkeller“ an der Großen Freiheit. „Da ist mein Chef rüber und hat ihn gefragt, ob er nicht mal die Schulden bezahlen will.“ Er sei mit einem persönlichen Gruß auf einem Plakat und 100 Mark zurückgekommen. „Trinkgeld war ein bisschen dünn“, habe Horst gewitzelt. Aber immerhin: Der Deckel wurde bezahlt. Wenn auch erst nach 20 Jahren.
In der Zeit, in der Horst und „Stubs“ die Kneipe führten, waren die Große Freiheit und auch das Publikum im Laden geprägt von den Besuchern und Mitarbeitern der Live-Sex-Cabarets. Auch die Luden der Nutella-Bande gingen ein und aus. „Vielleicht gab es mal eine Schlägerei, aber ernsthafte Probleme soll es nie gegeben haben“, sagt Inge und fügt hinzu, dass es allgemein kaum ernsthaften Stress gab. In ihren 30 Jahren hinterm Tresen musste sie nur zweimal die Polizei zu Hilfe rufen. Das eine Mal wollte ein Mann einer Travestie-Künstlerin ein Glas ins Gesicht werfen, das andere Mal wurde ein Taschendieb auf der Toilette festgesetzt.
Ansonsten hat Inge Ärger immer selber geregelt. Das musste sie auch. „Wir sind vermutlich der einzige Laden auf dem Kiez ohne Türsteher.“ Wenn Typen Frauen penetrant angebaggert haben, ist sie dazwischen und hat den Herren gesagt: „Gute Reise“ oder „Such dir einen anderen Spielplatz“. Das habe trotz ihrer Größe immer funktioniert. Und auch zugelangt hat die Wirtin so manches Mal. „Dann gab es ’n Backs.“ Wenn Gäste den Kellnerinnen an den Hintern oder in den Schritt griffen. Da kannte Inge keinen Spaß. „Das kam ab und an mal vor. Das ist das Letzte.“
Früher hatte Inge eine automatische Aufstehhilfe. Wenn Jungs einfach mit ihren Getränken die Tische vor der Tür belegt haben und nicht aufstehen wollten. Da hat sie blitzschnell die Bierbänke an einer Seite angehoben. „Entweder kamen sie rechtzeitig hoch oder saßen auf dem Arsch.“ Das musste sie allerdings lassen, als ihre Tochter den Laden kaufte. Keine automatische Aufstehhilfe mehr. Keinen Backs. Das war die Bedingung. Nachdem erst „Stubs“ und danach auch Horst gestorben war, wollten deren Töchter den Laden nicht übernehmen. Zwar überboten sich die Interessenten, doch die Töchter wollten, dass Inge den Laden weiterführt. „Ein Traum für mich. Das ist mein Baby. Ich liebe das hier. Aber ich hatte das Geld nicht.“
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Inge redete mit ihren Töchtern und konnte eine von der Idee überzeugen. Vor 19 Jahren kaufte ihre Tochter das „Gretel & Alfons“ und übernahm die Geschäftsführung. Inge den Tresen – mit ganz viel Herz und klarer Kante. Jedoch ohne automatische Aufstehhilfe und Backs. Daran hat sie sich gehalten. Doch von deutlichen Ansagen war nie die Rede. Die macht Inge nach wie vor. „Ich bin so, wie ich bin. Ich rede, wie mir das Maul gewachsen ist.“
Allerdings steht Inge nur noch hinterm Tresen, wenn Not ist. Die Wirtin ist in Rente. Trotzdem geht die Frau, die direkt um die Ecke wohnt, jedes Wochenende ins „Gretel & Alfons“, um mit den Stammgästen zu quatschen. „Mir fehlt das hier“, sagt sie und blickt in die Kneipe mit den holzvertäfelten Wänden, den Fotografien alter Stars, den roten Sitzbänken und Schiffsmodellen. Ein besonderer Ort. Nicht nur für Inge. Einer der ganz wenigen auf dem Kiez, an dem noch ein Hauch der alten Zeiten weht.
SteckbriefInge Malewitsch(59)
Spitzname und Bedeutung Ich hatte nie einen, nicht mal als Kind.
Beruf/ erlernte Berufe Wirtin des „Gretel & Alfons“, nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Justizangestellten gemacht und im Landgericht im Büro gearbeitet.
St. Pauli ist für mich … ein großer Chaoshaufen mit interessanten, tollen Menschen, die hier leben und arbeiten.
Mich nervt es tierisch, wenn … Leute immer das Gleiche erzählen.
Ich träume davon … uralt zu werden und die Entwicklung meiner drei Enkelkinder noch lange mitzuerleben.
Wenn mir einer blöd kommt, … gebe ich Kontra oder dreh mich um und gehe weg.
Zum Abschalten … lese ich ein Buch.
Als Kind … hatte ich keine schöne Kindheit.
Meine Eltern … haben mich nicht liebevoll behandelt. Ich hatte lange Zeit keinen Kontakt zu ihnen. Mittlerweile sind sie verstorben.
Vom Typ her bin ich … stur, manchmal zu hilfsbereit und geradlinig. Ich sag immer, was ich denke. Das muss raus, sonst ersticke ich dran.