Inkasso-Ingo über seinen Traum: „Ich sorge dafür, dass ich davon leben kann“
Breitbeinig, die Arme vor der Brust verschränkt, sitzt er auf dem roten Ledersofa. Schwere Goldkette, Tätowierungen an Hals und Händen. Der Blick gespielt finster. Ein ganz schön harter Kerl, mag man meinen. Besonders, wenn seine laute raue Stimme erklingt. Doch hinter dem harten Kerl steckt „Inkasso-Ingo“. Ein Comedian und Influencer, der Millionen mit seinen Videos erreicht, in denen er die verstorbene Kiez-Größe „Inkasso-Henry“ imitiert. Der 34-Jährige berichtet von seinen Anfängen auf dem Kiez, als er gerade mal 16 war, von seiner Drogensucht, seinem Durchbruch, dem Rampenlicht und seinem großen Traum.
Eigentlich heißt Inkasso-Ingo Mike. Aber über den will er nicht sprechen. „Der schläft noch“, sagt er breit grinsend. Für die Öffentlichkeit sei nur Inkasso-Ingo verfügbar. Trotzdem berichtet er, wie Mike mit 15 Jahren entdeckte, dass er die Stimme von „Inkasso-Henry“ imitieren kann. Damals trieb er sich auf St. Pauli herum und lernte die Kiez-Größe kennen. „Ich habe ihn immer gefoppt.“ Der Jugendliche lief „Inkasso-Henry“ hinterher und wiederholte seine Sätze. Der sonst so harte Typ fand ihn lustig, den jungen Kerl, der mit Rotlichtmilieu und Schulden eintreiben nichts zu tun hatte und eine dicke Lippe riskierte.
Inkasso-Ingo: Seine Videos gingen auf TikTok viral
Zum Beruf wurde das Imitieren erst, als „Inkasso-Henry“ bereits verstorben war. Während der Pandemie hockte Mike vor dem Rechner. Er spielte online Rollenspiele. Klar, als Zuhälter Inkasso-Ingo. Das Wortspiel mit den zwei Anfangs-I fand er witzig. In der Zeit lud er aus Spaß sein erstes Video bei TikTok hoch, wie er in der S-Klasse sitzt und einen Autofahrer bepöbelt. „Das ging derbe viral. In der ersten Woche zehntausend Follower.“ Es folgte ein Video nach dem anderen. Und immer mehr Leute, die sehen wollten, wie der Comedian mit der prägnanten Stimme und der schnodderigen Art über den Kiez zieht, auf Messen herumturnt und mit der Luden-Karre in Fellmantel und Cowboystiefeln über die Reeperbahn brettert. Den Arm mit der dicken Uhr lässig aus dem Fenster.
„Ich will das Flair vom Kiez rüberbringen. Hinter die Kulissen blicken. Ecken und Kiezianer zeigen, die nicht jeder kennt.“ Viele Follower checken nicht, dass er Comedian ist. Immer wieder bekommt er Kommentare wie „Oberproll“ oder „Luftpumpe“. Am liebsten mag er die Reaktion: „Du Clown“. Dann antwortet er: „Ja, genau. Lach doch einfach.“ Auch auf der Straße meinen manche, auf einen richtig harten Burschen gestoßen zu sein. Ein Typ fragte ihn kürzlich, ob er denn wirklich so ein krasser Kerl sei. „Er wollte sich mit mir messen.“
Meistens reagiert Inkasso-Ingo lässig und lacht. „Ich bin gegen Gewalt. Eigentlich. Aber wir sind hier auf dem Kiez. Wenn du dich nicht benimmst, kriegst du auch mal eine gewischt.“ Als ihm ein Typ einmal ein Bier über den Kopf kippte, trat er ihn. „Keine Ahnung, was der für ein Problem mit mir hatte. Ich bin Comedian und spiele eine Rolle.“ Eigentlich sei er ein netter Kerl. Seine Freunde sagen, er sei ein Herzensmensch.
Normalerweise hat Inkasso-Ingo jedoch mit Menschen zu tun, die ihn mögen. Größtenteils sind es Touristen, die ihm auf der Straße hinterherbrüllen und Fotos wollen. Manche kommen auch direkt zum „Kiez Crush“, um Inkasso-Ingo einmal live zu erleben. Vor ein paar Wochen ist er bei dem Kiez-Kiosk an der Bernhard-Nocht-Straße mit eingestiegen. Ein Laden, der anfangs auf Snacks aus aller Welt gesetzt hat. „Das lief aber nicht so gut. Mittlerweile machen wir viel für die Nachbarn. Wenn du abends noch was brauchst, kommst du rein.“ Sein Kumpel Cü, ebenfalls Influencer, hat den Kiosk mit Partnern aufgemacht. Ingo hilft. Organisation, Marketing. Und Regale einräumen? „Klar, auch. Und ich steh hinterm Tresen.“ Wenn er nicht gerade wieder auf einem Event unterwegs ist.
Inkasso-Ingo: Der 34-Jährige über seinen Durchbruch
Seinen „Durchbruch“ hatte er kürzlich bei der Motorsport- und Tuning-Messe „PS-Days“ in Hannover, zu der ihn Streaming-Star „MontanaBlack“ eingeladen hatte. Trauben von Menschen versammelten sich um ihn, um ein Selfie oder Autogramm zu bekommen. „Das war extrem. Wenn du nicht weiterkommst, ist das echt krass. Das erste Mal, dass ich Menschen abweisen musste. Normalerweise mache ich mit jedem ein Foto.“ Da habe er ernsthaft über Security nachgedacht. Ein gutes Gefühl? „Klar. Mega geil“, sagt der Comedian und lehnt sich, die Arme ausgebreitet, auf der roten Lederbank zurück, in „Susis Show Bar“, seinem „zweiten Wohnzimmer“. Allerdings gibt es mittlerweile auch Momente, in denen er denkt: „Och nö, jetzt nicht.“ Als er letztens einen Burger auf dem Kiez aß und ein Typ ankam. „Ingo, lass Foto machen.“ Doch das ist selten. Normalerweise findet er die Aufmerksamkeit „einfach geil“.
Jeden Tag ist Inkasso-Ingo auf dem Kiez unterwegs. Er fühlt sich dem Viertel verbunden. Schon als er noch Mike war, arbeitete er als junger DJ mit zarten 16 auf St. Pauli. Die Reaktion seiner Eltern? „Die waren selber beschäftigt, haben zu der Zeit beide im Delphi Showpalast gearbeitet.“ Ohnehin sei er mit Nachtleben groß geworden. Seine Eltern hatten Restaurants, sein Vater arbeitete ebenfalls als DJ. Für sie war es kein Problem, dass ihr pubertierender Sohn in Clubs auflegte. Brenzlig wurde es nur, wenn Polizeikontrollen stattfanden. Alle Ausweise raus. „Nur die vom Personal nicht. Auch der DJ hatte Glück. Immer“, sagt er lachend.
Nach seiner Zeit als DJ, Mike war 19 Jahre alt und hatte die Schule geschmissen, wurde er zufällig Geschäftsführer einer Diskothek in Schenefeld. Der Inhaber hatte ihn eigentlich nur für die Organisation einer Party im „Club Community“ gebucht. „Aber das Ding war rappelvoll. Danach hat er gesagt: ‚Digga, hier ist der Schlüssel. Das ist jetzt dein Laden.‘“ Mike begann bei ihm eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann, ging aber nicht zur Berufsschule. Der Chef entschied: Das macht keinen Sinn. Er kann den Laden ohne die Ausbildung weiterführen. Für den jungen DJ eine Riesenchance und eine Zeit mit sehr viel Spaß, aber auch mit viel harter Arbeit. Manchmal habe er vier Tage am Stück durchgearbeitet. Tag und Nacht.
„Um durchzuhalten, habe ich zu Drogen gegriffen“
„Um durchzuhalten, habe ich zu Drogen gegriffen. Schon mit zehn Jahren wurde bei mir ADHS diagnostiziert. Ich bekam Ritalin. Das hat mich aber sehr eingeschränkt. Bei Amphetaminen habe ich die Droge gefunden, die alles reguliert.“ Das dachte er zumindest. Jahrelang war Mike abhängig. Irgendwann kam er mit Burnout in die Klinik, doch von den Drogen ließ er noch immer nicht ab. Bis er Papa einer Tochter wurde. „Sie ist der Grund, warum ich nichts mehr nehme“, sagt der Comedian mit ernster Stimme. Heute hat er die Sucht überstanden. „Ab und zu kitzelt es noch. Aber das juckt mich nicht.“
Der Mann winkt ab. „Genug davon. Das ist mein Privatleben.“ Wer hinter seiner Kunstfigur steckt, will Inkasso-Ingo lieber für sich behalten. „Es ist gefährlich, wenn man alles nach außen trägt. Ingo ist der Heftigste, und das kann auch so bleiben.“ Als Mike tritt er öffentlich nie in Erscheinung. „Der schläft. Alles lässt er mich alleine machen. Fauler Hund. Kann nicht angehen“, sagt der Comedian mit einem Augenzwinkern. Inkasso-Ingo nimmt keine Drogen. Er konzentriert sich auf seinen Job als Comedian. Ob er gut davon leben kann? Der Mann verzieht das Gesicht, antwortet mit einem „Jein“. Mal mehr, mal weniger. „Ich sorge dafür, dass ich davon leben kann.“ Neben seinen Videos und Auftritten hat er Parfums rausgebracht, eine „Luden“-Sonnenbrille, eine Augencreme und ein Aftershave für den Intimbereich.
Nicht nur Videos: Inkasso-Ingo verkauft Parfums, Brillen und Augencremes
Seine Produkte vermarktet er auf Messen, wie der „Venus“. Da dreht er dann nebenbei Videos, in denen er sich mit Besuchern der Erotik-Messe über ihre gerade erstandene Gummipuppe unterhält oder Darsteller zu ihrem Job befragt. Videos, die viral gehen. Mittlerweile hat Inkasso-Ingo mehr als 220.000 Follower. „Viele Leute. Große Aufmerksamkeit.“ Er genießt das Rampenlicht. Sein größter Traum: Irgendwann möchte er das Influencer-Gesicht des Kiezes sein. „Dass die Leute ‚Reeperbahn‘ hören und sofort ‚Inkasso-Ingo‘ denken. Das wäre obergeil.“
Steckbrief Inkasso-Ingo (34)
Spitzname und Bedeutung: Ich werde überall mit meinem Künstlernamen Inkasso-Ingo angesprochen.
Beruf/erlernte Berufe: Comedian, abgebrochene Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann
St. Pauli ist für mich … der Ort, der zusammenführt.
Mich nervt es tierisch, wenn … Leute total drüber sind. Wenn die besoffen sind und einen derbe nerven.
Ich träume davon, … irgendwann das Influencer-Gesicht der Reeperbahn zu werden.
Wenn mir einer blöd kommt, … dann hat er ein Problem. Da lang ich auch mal zu. Ist der Kiez. Wenn du dich hier nicht benimmst, kriegst du auch mal eine gewischt.
Zum Abschalten … fahre ich raus. Gerne mal nach Scharbeutz. Oder ich gehe zur Massage. Find ich richtig geil.
Als Kind … war ich immer in Bewegung. Sehr anstrengend.
Meine Eltern … liebe ich sehr. Meine Mutter ist alles für mich. Mein Vater ist leider schon verstorben.
Vom Typ her bin ich … ein Geiler. Und mir wird nachgesagt, ich sei ein Herzensmensch.