Hamburger Domina packt aus: „Ich kann Männer quälen“ – aber keine Frauen

Von der Marketing-Managerin zur sadistischen Herrin: Domina Aurora Nia Noxx mit einem Sklaven.
Von der Marketing-Managerin zur sadistischen Herrin: Domina Aurora Nia Noxx mit einem Sklaven.

Ach herrje. Wie konnte das nur passieren? Aurora Nia Noxx hat ihren BH vergessen. „Und die Nippelpads auch“, sagt die Frau mit den Katzenaugen verführerisch lächelnd und zieht die perfekt geschwungenen Augenbrauen empor. In ihrem transparenten Spitzen-Kleid mit knappem Jäckchen darüber nimmt sie auf einem Barhocker Platz. Früher arbeitete die studierte Marketing-Managerin bei einer Krankenkasse, heute ist sie eine der bekanntesten Dominas Deutschlands. Beim Live-Podcast im „KultKieztürchen“ an der Friedrichstraße gab sie den Gästen tiefe Einblicke in eine Welt voller Demütigungen, Schmerzen und Lust – faszinierend und schockierend zugleich. An ihrer Seite: einer ihrer Sklaven.

Als Kind wollte sie Schuhverkäuferin werden. Nach der Realschule Maskenbildnerin. Letztlich landete Aurora bei einer Krankenkasse und lernte Sozialversicherungsfachangestellte. Doch sie wollte mehr, machte ihr Fachabitur nach und studierte Gesundheits- und Sozialwirtschaft. „Ich habe sogar ein Diplom gemacht, bei allen Bachelors, die hier heute rumsitzen“, sagt sie lachend und schlägt die langen Beine in schwarz glänzenden Overknee-Stiefeln übereinander. Mit dem Abschluss wechselte sie ins Marketing der Krankenkasse und arbeitete zehn Jahre lang als Marketing-Managerin. Doch glücklich war sie damit nicht. In dieser Zeit lernte Aurora auf einer Party eine Prostituierte und Pornodarstellerin kennen. Ebenfalls unglücklich. Also schlug Aurora vor: „Du kannst vögeln, ich kann Marketing. Wir machen uns selbstständig mit einer Escort-Agentur.“

„Ich hatte nur das Klischee von Auspeitschen im Kopf“

Noch in derselben Nacht schrieb sie ein Konzept. Und entschied: Sie würde auch selber mitarbeiten. „Denn auf wen kann man sich besser verlassen, als auf sich selbst.“ Doch als Escort, eine Edelhure, wollte sie nicht ran. Domina hingegen konnte sie sich vorstellen. Dabei wusste Aurora nicht mal genau, was man da macht. „Ich hatte nur das Klischee von Auspeitschen im Kopf.“ Dass der Beruf deutlich mehr verlangt, lernte sie in dem Crash-Kurs einer erfahrenen Domina.

Schon in der ersten Session rieb sie einem Sklaven den Intimbereich mit Brennnesseln ein. Sie lernte unter anderem, wie man Nadeln setzt, mit Schlaginstrumenten umgeht und die Prostata massiert. Den ersten Abend habe sie vor dem Spiegel gestanden und sich gefragt: „Kann ich das? Will ich das wirklich? Bin ich noch Mamas kleines Mädchen?“ Diese neue, dunkle, mystische Welt sei auf jeden Fall seltsam gewesen. Aber es gefiel ihr. „Am Ende hat die Neugierde gesiegt.“ Zumal ihr Jahre später, als sie ihr Buch „Abends heiße ich Aurora“ schrieb, bewusst wurde, dass sie schon in früheren Beziehungen einen Hang zu BDSM hatte.

Von Glamour bis Gosse, von Blaulicht bis Rotlicht: Originale gibt es auf St. Pauli so einige. In der MOPO-Serie „Kiezmenschen“ zeigen Ihnen starke Frauen, protzende Kerle und Kultfiguren ihre Welt. Herzlich, persönlich, nah dran. Parallel dazu erzählen sie jede Woche im gleichnamigen Podcast ihre Geschichten.

Alle Podcast-Folgen der „Kiezmenschen“ finden Sie unter MOPO.de/Podcast, bei Spotify und Apple Podcasts.

Nach dem Crash-Kurs stieg Aurora vor elf Jahren in einem Domina-Studio in der Innenstadt mit ein. Ihr erster Sklave: ein Mann mit Haarfetisch, der eine Stunde lang ihre Haare kämmen wollte. Drei Schwestern habe er gehabt, die ihn als Kind immer zum Kämmen ihrer Haare gezwungen hätten. Aurora war aufgeregt wie vor einer Prüfung. Und klar, es sei anfangs auch alles sehr seltsam gewesen. Aber es machte ihr Spaß.

So arbeitete sie tagsüber weiterhin als Marketing-Managerin, abends oder auch mal in der Mittagspause als Domina. Bis ihre Chefs Wind davon bekamen und sie zu sich zitierten. Dass sie weiter in der Marketingabteilung arbeitet, war für den Vorstand der Krankenkasse ausgeschlossen. Am Ende wurde ein Aufhebungsvertrag vereinbart. Nach einem weiteren freudlosen Job als Social-Media-Managerin in einem Dentalunternehmen wurde Aurora Vollzeit-Domina. Und verdiente in einer Woche das, was sie vorher im Monat hatte.

„Egal, was du machst, du wirst immer meine Tochter sein“

Ihre Mutter wusste direkt von Auroras neuem Leben. Und reagierte anfangs cool. Sie scherzte: „Wenn ich dann keine Puffmutter werden muss.“ Auch ihre Schwester und Freunde standen sofort hinter ihr. Bei ihrer Mutter kippte die Stimmung allerdings. Sie hatte Angst um ihr Kind in dieser dunklen Welt.

Ihrem Vater erzählte Aurora es erst zehn Jahre später – aus Sorge, er könne es nicht verstehen. In einem Brief klärte sie ihn irgendwann auf. Eine Woche später rief er an und sagte: „Egal, was du machst, du wirst immer meine Tochter sein.“ Aurora war erleichtert.

Rückblickend auch über den Zeitpunkt. Da nur wenige Wochen später ein Bauer in ihrem Heimatort Himmelpforten (Landkreis Stade) neben ihrem Vater stoppte. „Schöne Töchter hast du, die eine ist bei den Grünen und die andere ist Domina.“ Vermutlich habe er mehr Verständnis für ihren Job gehabt. „Für einen Bauern ist es schlimmer, wenn jemand bei den Grünen ist“, sagt Aurora mit tiefer Lache. Mittlerweile weiß sicher das ganze Dorf, dass sie als Domina arbeitet. „Und das ist auch gut so.“

Masken, Schlagwerkzeuge, Latex- und Lederkleidung: Das Equipment der Domina in ihrem Studio.
Masken, Schlagwerkzeuge, Latex- und Lederkleidung: Das Equipment der Domina in ihrem Studio.

Inzwischen betreibt Aurora nicht nur ihr eigenes BDSM-Studio „Mistress Empire“, sie bildet auch Frauen in ihrer „Mistress Academy“ zu Dominas aus. „Innerhalb von fünf Jahren habe ich 120 Frauen gecoacht und auf den Markt gebracht“, sagt sie stolz. Einige davon sind verheiratete Mütter. Das funktioniert? „Natürlich. Wenn alle damit klarkommen, lässt sich der Beruf wunderbar mit Familie vereinbaren.“

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Selber Sklaven empfängt die Domina nur noch etwa zwei Tage die Woche. Was das für Männer sind, die von ihr dominiert werden wollen? Die Frau streicht sich eine blondierte Haarsträhne aus dem Gesicht. „Die Männer, die du tagtäglich auf der Straße triffst. Dein Vater, Bruder, Onkel, Opa.“ Zwar kann Aurora das Klischee vom erfolgreichen Geschäftsmann, der dominiert werden möchte, auch bestätigen, „aber es sind auch Männer, die im Lager für Mindestlohn arbeiten und über Monate sparen müssen.“

Die meisten Männer wollen nichts Extremes – zumindest findet das Aurora. „Früher wollten die Sklaven wirklich masochistische Sachen, wie die Eier ans Brett nageln. Das gibt es nicht mehr.“ Der Mainstream-Gast von heute wolle fixiert werden, ein bisschen Dirty Talk, Analspiele, Umschnalldildo und Natursekt – „also ein bisschen anpinkeln“. Anpinkeln? Oh je. Und wenn man gerade nicht muss? „Als Domina kannst du immer pinkeln.“

„Ich kann Männer quälen, habe aber Berührungsängste bei Frauen“

Ansonsten mache sie viel „anale Behandlungen“, da habe sie besondere Fähigkeiten. Und Rollenspiele. Die liebt Aurora. Nicht gut sei sie in Bondage und Klinik. Klinik? „Der medizinische Bereich. Da habe ich keine Ausbildung. Ich mag nicht so gerne Katheter legen. Cutten, nähen, OP-Simulationen – da halte ich mich zurück.“ Herrje, klingt ganz schön strange und höchst schmerzhaft. „Ach, nun sei doch nicht so“, sagt Aurora lachend. Auf die Frage, ob sie selber einen Katheter gelegt bekommen möchte, verzieht sie das Gesicht. „Äh, ne.“

Schmerzen zufügen kann sie. Schmerzen ertragen nicht. Deshalb „bespielt“ die Domina nur selten Frauen. „Ich kann Männer quälen, habe aber Berührungsängste bei Frauen. Alleine, wenn ich in die Nippel kneife, denke ich: ‚Och ne, das tut doch weh‘.“ Solche Gedanken macht sie sich bei ihren Sklaven nicht. Zwar gibt es Sachen, die sie ekeln – wie ein Mann, der mit abgelaufenem Schokopudding eingerieben werden wollte – doch sie hat nur wenige Tabus. Auroras wichtigste Regel: Sie ist „unberührbar“. Zwar fasst sie die Sklaven an („Ich trage immer Einmalhandschuhe“), doch sie lässt keinen Körperkontakt zu. Zudem darf die „Herrin“ nicht geküsst werden.

Das „Romance“-Zimmer im Domina-Studio mit Käfig unter dem Bett und Pranger.
Das „Romance“-Zimmer im Domina-Studio mit Käfig unter dem Bett und Pranger.

Außer das eine Mal, als da auf einmal dieser Mann in der Tür stand. Ein „sehr gutaussehender, sportlicher Typ mit extrem sympathischem Grinsen. Nackt wunderschön. Überall“, sagt sie grinsend. Aurora entwickelte Gefühle für den Sklaven, küsste ihn. Ein paar Mal trafen sie sich privat. Allerdings war er, anders als behauptet, nicht in einer On-Off-Beziehung, sondern in einer festen Partnerschaft. Dass es nicht geklappt hat, verletzte Aurora. „Aber ich konnte es akzeptieren.“

Auch Sklaven entwickeln hin und wieder Gefühle für die Domina. Einmal gestand ihr ein Mann bei der zweiten Session seine Liebe. Im Anschluss berichtete er von seinem verpfuschten Leben und den Selbstmordgedanken. Aurora konnte ihn überreden, zu gehen. Doch am nächsten Tag klingelte er Sturm, schlug gegen die Tür. Das war die einzige Situation, in der sie jemals Angst gehabt hätte, in all den Jahren.

„Es bringt mir unheimlich viel Spaß die Macht zu spüren und anderen Schmerzen zuzufügen“

Aurora liebt ihre Arbeit. Und verdient gut damit. Früher nahm sie 250 Euro die Stunde, heute sind es 350. Ob sie den Job wegen des Geldes macht? Klar, anfangs sei das Geld ein Anreiz gewesen. „Doch heute ist es meine Verwirklichung. Es bringt mir unheimlich viel Spaß die Macht zu spüren und anderen Schmerzen zuzufügen. Ich bin Sadistin. Durch und durch.“

Damit auch Menschen, die nichts damit zu tun haben, Einblicke in ihre Welt bekommen, ist Aurora nebenbei als „KultKieztouren“-Guide tätig und führt Gäste über St. Pauli. Dabei plaudert sie aus dem Nähkästchen, führt in einer Boutique Domina-Equipment vor und besucht den SM-Keller der Olivia-Jones-Familie. Ab und an hat sie auch einen Sklaven dabei. Wie heute. Genau genommen ist es eine Sklavin. Bei Aurora ist der Herr aus Berlin die Latex-Liebhaberin Rubbelina. Ein ganz normal wirkender Typ mit langen zum Zopf gebundenen Haaren, Kapuzenpulli und freundlichem Lachen.

Aurora Nia Noxx und Podcast-Host Wiebke Bromberg bei der Live-Aufnahme mit Gästen im „KultKieztürchen“ an der Friedrichstraße.
Aurora Nia Noxx und Podcast-Host Wiebke Bromberg bei der Live-Aufnahme mit Gästen im „KultKieztürchen“ an der Friedrichstraße.

Steckbrief Aurora Nia Noxx (37)

Spitzname und Bedeutung: Aurora, die Göttin der Morgenröte

Beruf/erlernte Berufe: Domina, Coachin in meiner Mistress Academy, Autorin des Buches „Abends heiße ich Aurora“, Hostin des Podcasts „Aurora’s Mistress Talk“, Inhaberin des BDSM-Studios Mistress Empire und Kult-Kieztouren-Guide. Ich bin studierte Dipl.-Betriebswirtin und Marketing-Managerin.

St. Pauli ist für mich… bunt, der Inbegriff von Frivolität, Deutschlands wildeste Partymeile, ein pulsierendes Zentrum der Sexarbeit, ein Ort mit unglaublich guten Restaurants und Bars, die nie schlafen.

Mich nervt es tierisch, wenn… Menschen respektlos, intolerant und engstirnig sind.

Ich träume davon,… dass Menschen auf der ganzen Welt zu sich, ihren Vorlieben und ihrer Sexualität offen stehen können.

Wenn mir einer blöd kommt,… lege ich meinen Blick des Todes auf.

Zum Abschalten… meditiere ich und mache Yoga.

Als Kind… wollte ich Schuhverkäuferin werden.

Meine Eltern… sind ein großes Vorbild hinsichtlich Liebe und Beziehung für mich.

Vom Typ her bin ich… offenherzig, empathisch, selbstbewusst und zielorientiert.

Ach herrje. Wie konnte das nur passieren? Aurora Nia Noxx hat ihren BH vergessen. „Und die Nippelpads auch“, sagt die Frau mit den Katzenaugen verführerisch lächelnd und zieht die perfekt geschwungenen Augenbrauen empor. In ihrem transparenten Spitzen-Kleid mit knappem Jäckchen darüber nimmt sie auf einem Barhocker Platz. Früher arbeitete die studierte Marketing-Managerin bei einer Krankenkasse, heute ist sie eine der bekanntesten Dominas Deutschlands. Beim Live-Podcast im „KultKieztürchen“ an der Friedrichstraße gab sie den Gästen tiefe Einblicke in eine Welt voller Demütigungen, Schmerzen und Lust – faszinierend und schockierend zugleich. An ihrer Seite: einer ihrer Sklaven.