Der Pastor, der auf der Strip-Bühne predigen darf

Frank Hoffmann steht auf dem Beatles-Platz.
Kiez-Pastor Frank Hoffmann (56) feiert regelmäßig Gottesdienste in „Susis Show Bar“. Und nicht nur dort.

Lächelnd steht der Mann in schwarzen Turnschuhen, Jeans und Sakko auf der mit rotem Samt bezogenen Drehscheibe. Normalerweise rekeln sich hier verführerisch die Damen. Eigentlich kein Ort, an dem Männer etwas zu suchen haben. Doch bei Frank Hoffmann (56) ist das was anderes. Der darf. Er ist Kiez-Pastor und die Bühne in „Susis Show Bar“ seine „Kanzel“. Regelmäßig feiert der Pastor in dem Stripclub Gottesdienste. Und nicht nur dort. Mit seiner mobilen Kiez-Kirche verbreitet er den Glauben auf St. Pauli. Egal bei wem, egal in welchem Etablissement.

Jahrelang war Frank auf Hamburgs Straßen unterwegs. Als Pastor einer Freikirche besuchte er Obdachlose und Junkies, sprach mit ihnen, hörte zu. Und landete dabei auch immer wieder auf dem Kiez. Irgendwann sprach er auch mit Türstehern und Prostituierten. Über den Glauben philosophieren? Da hatten einige keinen Bock drauf. „Ich bedränge die Menschen nicht und habe ein Gefühl dafür entwickelt, wenn sie nicht möchten. Dann lasse ich sie in Ruhe. Ich möchte keine Zeit stehlen.“

Der Pastor hat Verständnis dafür, wenn Menschen nicht glauben. So ging es Frank selbst viele Jahre. Er war zwar getauft und konfirmiert, hockte zu Weihnachten mit seiner Familie in der Kirche – doch anfangen konnte er damit nichts. „Nach der Konfirmation hatte ich diesen lästigen Glauben, den ich eigentlich gar nicht hatte, und bin wie die meisten Menschen viele Jahre nicht mehr in der Kirche aufgetaucht.“ Vor 31 Jahren jedoch habe er mehrere Gotteserlebnisse gehabt: „Für mich eine Art Berufung.“

Frank glaubte nicht – bis er mehrere „Gotteserlebnisse“ hatte

Gotteserlebnisse – was kann man sich darunter vorstellen? „In einem Gespräch mit einer gläubigen Freundin habe ich auf einmal etwas gehört. Als ob ein Geist zu meinem Geist spricht.“ Und was hat der Geist gesagt? Es fällt dem Mann mit der Brille und den blonden Haaren schwer, das Erlebte in Worte zu fassen. „Ich habe es als göttliche Stimme empfunden. Es ging um den Tod.“ Am selben Abend, als er schlafen wollte, habe ihn eine Art Wolke umgeben. „Ich habe immer wieder Glaube und Gott gesagt. Wie inspiriert.“

Der Beginn seiner Reise zum Glauben. Frank brach auf nach Südafrika. In eine deutsche Stadtmission. Dort studierte er die Bibel. „Die hat mich richtig gebannt.“ Zu der Zeit studierte Frank gerade Kommunikationsdesign in Wuppertal. Der Wunsch, auch Theologie zu studieren, wurde immer größer. Doch daraus wurde nichts – vorerst. Frank brachte das erste Studium zu Ende und arbeitet als Artdirektor in einer Werbeagentur in München. Eine Welt, die er liebte und hasste. „Ich mochte das Kreative, doch das Erreichen-Wollen und einen Kaufentscheid herbeiführen, das mochte ich nicht.“

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Während seiner Arbeit war er in verschiedenen Kirchen und entschied sich schließlich doch noch für das Theologie-Studium. Frank besuchte eine private Hochschule und ging nach Hamburg, um in der Anskar-Kirche, einer Freikirche, als Vikar zu arbeiten. Es folgten sieben Jahre als festangestellter Pastor in einer anderen Freikirche. In dieser Zeit kümmerte er sich viel um die Menschen auf der Straße. Doch eine feste Stelle – das entspricht ihm nicht. Frank macht lieber sein eigenes Ding und trägt den Glauben dahin, wo die Menschen sind. „Die Leute werden nicht gerne in irgendwas reingezogen. Viele wollen mit Kirche und Systemen nichts zu tun haben.“ Deshalb arbeitete der Pastor wieder als Designer und gründete seine mobile Kiez-Kirche.

Angefangen hat es vor zehn Jahren in „Susis Show Bar“. Damals hatte Frank mit dem Türsteher des Stripclubs philosophiert und war darüber in Kontakt mit den Chefs gekommen. Er fragte, ob er bei ihnen Gottesdienst feiern könne. „Sie haben mir sofort die Türen des Clubs geöffnet.“ Seitdem stand er etliche Male auf der Drehscheibe des Etablissements und predigte. Einmal trat zwischendurch eine Tänzerin auf. Etwa nackt? „Sie war komplett bekleidet. Nackte Haut wäre nicht passend. Da gibt es Grenzen.“ Alkohol hingegen ist in Franks Gottesdiensten erlaubt. „Alkohol ist keine Sünde. Es sei denn, man richtet sich damit zu Grunde. Einem Christen ist es nicht verboten, Alkohol zu trinken.“ Allerdings gibt es auch dabei für ihn Grenzen. Wenn die Leute eskalieren würden, wäre Schluss mit dem Drink zum Gebet. „Aber das ist nie passiert.“ Seine Schäfchen können sich benehmen.

Pastor kaufte einen Kiezianer bei seinem Chef frei

Es sind Anwohner, Türsteher, Leute aus dem Rotlicht-Milieu, Künstler, Kreative und Angestellte, die seine Gottesdienste besuchen. Und nicht nur in „Susis Show Bar“. Auch in anderen Etablissements, Kneipen und Clubs wie dem Kaiserkeller hat der Kiez-Pastor den Glauben schon verbreitet. Dass überhaupt so viele Menschen auf St. Pauli gläubig sind, hätte Frank vorher nicht erwartet. „Die Leute hier sind in einer gewissen Art klarer. Denn es ist geklärt, wer sie sind, wofür sie stehen. An der Stelle sind sie sehr offen. Auch für den Glauben. Bürgerliche haben teilweise vielleicht ein bisschen mehr zu verstecken und sind nicht so offen.“

Einmal traf er einen Mann auf der Straße, der sagte: „Vor einer Stunde habe ich gebetet: ‚Gott, hol mich hier raus.‘ Und nun kommst du.“ Ein Mann, der auf dem Kiez arbeitete. Was genau, das möchte der Pastor nicht sagen. Nur so viel: Sein Chef hatte ihn zwar versichert, forderte aber das Geld zurück. Der Mann verdiente zu wenig, als dass er die Versicherungssumme hätte zurückzahlen können. „Für mich eine Art Versklavung.“ Der Pastor sammelte Geld unter anderen Gläubigen. „So konnte ich ihn bei seinem Chef rauskaufen. Er war endlich frei.“

Der Pastor bei einem Bummel über den Kiez. Er ist häufig unterwegs, unterhält sich viel mit Türstehern, Tänzerinnen und Prostituierten.
Der Pastor bei einem Bummel über den Kiez. Er ist häufig unterwegs, unterhält sich viel mit Türstehern, Tänzerinnen und Prostituierten.

Frank weiß um die Probleme vieler seiner Anhänger. Tänzerinnen und Prostituierte aus christlichen Elternhäusern, die wegen ihres Jobs von den Familien fallen gelassen wurden. „Selbst von den Transvestiten an der Schmuckstraße sind einige gläubig. Teilweise werden sie rausgeschmissen und ausgegrenzt wegen ihrer Lebensweise.“ Dass sich ihm viele Kiezianer anvertrauen und manchmal auch um ein Treffen unter vier Augen bei einem Bier in einer Kneipe bitten, hängt auch damit zusammen, dass er nicht permanent belehrt. „Da hab’ ich gar keinen Bock drauf. Und die Leute haben keinen Bock auf einen Lehrmeister, der ihnen sagt, wie sie zu leben haben.“

Viele Probleme kann er gut verkraften. Doch manche bewegen ihn sehr. Wie das Schicksal einer ehemaligen Prostituierten. Eine Frau, die zuletzt in einer Obdachlosenunterkunft lebte. „Sie war dem Tod geweiht. Durch eine psychische Erkrankung konnte sie jedoch nicht begreifen, dass es final war. Zu erleben, wie sie es einfach nicht wahrhaben wollte, hat mich sehr traurig gemacht“, sagt der Kiez-Pastor und blickt aus einem seiner Dachfenster.

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Unweit der Reeperbahn lebt er in einer Wohnung über zwei Ebenen mit seiner 18-jährigen Tochter. Er unten, seine Tochter oben. Die kleine Schwester lebt bei seiner Ex-Frau. In der Wohnung hat Frank sein Atelier. Er ist auch Künstler. Kürzlich hatte er seine erste Ausstellung in der Haspa an der Reeperbahn. Auslöser für seine Werke waren die rassistischen Brandanschläge in Mölln. 1992. Zwei Kinder und ihre Großmutter, die versucht hatte, sie zu retten, kamen dabei ums Leben. Frank war als Pastor einer freien evangelischen Gemeinde in Mölln an den Gedenkfeiern beteiligt und lernte die Opferfamilie kennen. Über viele Jahre hatte er Gespräche mit dem Vater der getöteten Kinder. Momente, die er nicht vergessen wird.

Frank lächelt. Ja, das sei Teil seiner Arbeit. Ihm ist jedoch wichtig klarzustellen, dass es viel mehr glückliche Momente gibt. Eines der schönsten Erlebnisse war für ihn eine Trauung in der Kult-Kneipe „Zur Ritze“. Touristen, die jedes Jahr zum Geburtstag des Mannes in der Kneipe einkehren, baten ihn, sie zu trauen. Beide hatten eine schwere Krankheit. Die Frau lag bereits auf dem Sterbebett. „Eigentlich war sie Atheistin. Aber sie hatte ein Nahtoderlebnis, das ihr zeigte, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.“ Ein Jahr nach dem ersten Telefonat, das Paar hatte bereits standesamtlich geheiratet, gab es den Segnungsgottesdienst. Im Ring des Boxkellers. Ansprache, Gospelmusik, Ringe tauschen, Segen empfangen. „Das war ein Geschenk für mich.“ Nicht das Einzige. Der Kiez-Pastor liebt seine Arbeit. Er ist dort, wo er sein möchte. „Es macht Sinn, dass ich genau hier bin.“ An einem Ort mit vielen Herausforderungen. Und viel Hoffnung.

Steckbrief Frank Hoffmann (56)

Spitzname und Bedeutung: Spitznamen fand ich immer scheiße. Eine Zeit lang wurde ich Engelchen genannt, weil ich längere blonde Haare hatte und immer zurückhaltend und nett war.

Beruf/erlernte Berufe: Kiez-Pastor und Kommunikationsdesigner, studiert habe ich Theologie und Kommunikationsdesign

St. Pauli ist für mich … eine neue Heimat geworden.

Mich nervt es tierisch, wenn … jemand mich bewusst verarscht.

Ich träume davon, … dass viele Menschen Christus mögen.

Wenn mir einer blöd kommt, … dann denke ich erst einmal drüber nach, wie ich reagieren soll.

Zum Abschalten … höre ich Musik.

Als Kind … mochte ich gerne in der Natur herumschweifen.

Meine Eltern … haben viel dafür getan, dass ich mich entwickeln konnte.

Vom Typ her bin ich … spontan und zurückhaltend gleichzeitig.

Lächelnd steht der Mann in schwarzen Turnschuhen, Jeans und Sakko auf der mit rotem Samt bezogenen Drehscheibe. Normalerweise rekeln sich hier verführerisch die Damen. Eigentlich kein Ort, an dem Männer etwas zu suchen haben. Doch bei Frank Hoffmann (56) ist das was anderes. Der darf. Er ist Kiez-Pastor und die Bühne in „Susis Show Bar“ seine „Kanzel“. Regelmäßig feiert der Pastor in dem Stripclub Gottesdienste. Und nicht nur dort. Mit seiner mobilen Kiez-Kirche verbreitet er den Glauben auf St. Pauli. Egal bei wem, egal in welchem Etablissement.