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Peloton in Deutschland: Vom Corona-Hype zur Dauerbeziehung?

Peloton war in der Pandemie plötzlich überall: schicke Bikes, Trainer*innen auf dem Bildschirm, Fitness im Wohnzimmer statt im Studio. Viele sprachen vom Hype. Martin Richter, Deutschlandchef von Peloton, mag das Wort nicht besonders und versucht inzwischen, aus dem Boom ein stabiles Geschäft zu machen.

Seit sechs Jahren ist er dabei, von Tag 1 im deutschsprachigen Markt. Im Gespräch mit dem Podcast „Zweite Luft“ erzählt Richter, wie sich Peloton verändert hat – und warum ausgerechnet Schlager für viele Mitglieder eine wichtige Rolle spielt.

Mehr als nur ein Bike im Wohnzimmer

Gestartet ist Peloton als klassische Cardio-Firma: Bike, später Laufband, das war das Setup. Heute beschreibt Richter das Unternehmen eher als Wellness-Marke. Neben den bekannten Radeinheiten gibt es mittlerweile Krafttraining, Yoga, Mobility, Meditation.

„Strength ist inzwischen die zweipopulärste Disziplin“, sagt Richter. Viele Nutzer*innen wollten nicht nur schwitzen, sondern insgesamt gesünder leben. Auf Unternehmensseite hat sich der Fokus ebenfalls verschoben: Weg von „Wachstum um jeden Preis“, hin zu einem Modell, das langfristig funktionieren soll.

Erst Corona-Boom, dann Dämpfer

Peloton war schon vor Corona auf dem Markt. Der Start in Deutschland fiel dann jedoch genau in die Phase, in der Fitnessstudios schließen mussten. Wer sportlich bleiben wollte, brauchte Alternativen. „Das war ein perfekter Product-Market-Fit“, sagt Richter rückblickend.

Wie in der gesamten Fitness- und Fahrradbranche folgte auf den Höhenflug aber auch ein klar spürbarer Dip. Heute trainieren viele Kund*innen wieder im Studio oder draußen und zusätzlich zu Hause. Für Peloton hieß das: Angebote breiter aufstellen, das Training flexibler machen und genau hinsehen, was die Community wirklich nutzt.

KI soll das Training verbessern, nicht die Trainer ersetzen

Mit „Peloton IQ“ ist Künstliche Intelligenz auf der Plattform angekommen. Die Idee: Trainingspläne und Workouts sollen individueller werden. Aus Daten der eigenen Workouts und aus Fitness-Trackern entstehen Empfehlungen, wie sich das Training verbessern lässt.

Ersetzen soll KI die echten Menschen auf dem Screen aber nicht. „Unsere Trainerinnen und Trainer haben Persönlichkeit. Das ist durch KI nicht nachzubauen“, betont Richter. KI komme vor allem dann ins Spiel, wenn es um Auswertung geht, etwa bei der neuen Cross-Training-Serie.

Im neuen Bike+ steckt eine Kamera, die Körperpositionen erfasst und in Echtzeit Feedback geben kann: Haltung korrigieren, Gewichte anpassen, Überlastungen vermeiden. So eine Art digitaler Hinweis im Hintergrund – die Ansprache vorne übernimmt weiterhin ein Mensch.

Cross-Training statt „nur Radeln“

Warum der Abschied vom reinen Bike-Fokus? Die Antwort kommt aus der Nutzung: Viele Mitglieder wollten mehr Krafttraining, mehr Übungen vor dem Screen, mehr Abwechslung. Diese Wünsche sind in die neue Cross-Training-Serie eingeflossen.

Das Bike bleibt der Kern, der Screen wird zur Bühne für alles andere: Kraft, Stretching, Functional Training. „Wir sind als Bike-Company gestartet, aber unsere Nutzer haben uns gezeigt, dass sie mehr wollen“, sagt Richter.

Was in Deutschland anders ist als in den USA

Peloton ist eine US-Firma, der deutsche Markt tickt aber anders. Der wohl größte Unterschied: Sprache. „Die meisten wollen deutsche Inhalte mit deutschen Trainerinnen und Trainern“, sagt Richter. Die seien oft etwas sachlicher, dafür sehr nahbar.

Die Kernzielgruppe sind Menschen etwa zwischen 35 und 50 Jahren, mitten im Leben, wenig Zeit, viel Organisation. Genau da setzt Peloton an: Wer nur 20 Minuten Luft hat, soll in diesen 20 Minuten trainieren können, ohne Anfahrt, ohne Parkplatzsuche.

Und dann ist da noch die Sache mit der Musik. Richter musste selbst schmunzeln, als er die Zahlen sah: Schlager ist in Deutschland eine der beliebtesten Musikrichtungen auf der Plattform. Neben Pop, Rock und allem anderen. „Es gibt großartige Schlager-Kurse“, sagt er – und gibt zu, dass er selbst regelmäßig mitfährt.

Die Community als Antrieb

Peloton lebt von seiner Community. Viele Kundinnen sind seit Jahren dabei, organisieren sich in Untergruppen, motivieren sich gegenseitig. „German Ladies“ ist so eine Gruppe, andere hängen an bestimmten Trainerinnen.

Peloton versucht, dieses Verhalten zurück auf die eigene Plattform zu holen – mit Funktionen wie „Peloton Teams“ oder Club-Formaten, in denen sich Nutzer*innen verabreden, Challenges starten oder Tipps austauschen. Richter selbst liest nach eigenen Angaben täglich mit, was in den Gruppen passiert – und beantwortet auch Mails von Mitgliedern.

Neue Vertriebsstrategie: Partner statt alles aus einer Hand

Früher setzte Peloton in Deutschland vor allem auf Direktvertrieb. Inzwischen verkauft das Unternehmen über Partner: Fitshop, Amazon, MediaMarktSaturn.

Bei Fitshop können Interessierte die Geräte vor Ort testen. Amazon bedient die Kund*innen, die grundsätzlich alles über den US-Riesen bestellen. MediaMarktSaturn ist als Marktplatz und mit ausgewählten Märkten im Boot. Dort können je nach Saison und Region zusätzliche Flächen bespielt werden.

Für Peloton bedeutet das: weniger eigene Läden, dafür starke Partner, die die Marke in die Breite tragen.

Wie es weitergeht

Zu künftigen Produkten darf Richter nichts Konkretes sagen, aber klar ist: Die Entwicklung geht weiter. KI-Features sollen stärker lokalisiert werden, neue Formate und Serien sind in Arbeit, Events mit Trainer*innen vor Ort sollen ausgebaut werden.

Ob Peloton in Deutschland am Ende als kurzer Hype oder als dauerhafter Teil des Fitness-Alltags in Erinnerung bleibt, entscheiden am Ende die Nutzer*innen selbst, auf dem Bike, auf dem Laufband oder mit Hantel vor dem Screen.

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