Das beste Dschungelcamp aller Zeiten!
„Lasst die Dödel Dödel essen“ – so der Titel eines mal wieder herrlich amüsanten Textes meiner Kollegin Stephanie Lamprecht von vor zwei Wochen. Es war eine Abrechnung. Mit dem „Dschungelcamp“. Von dem sie mal Fan war, das ihr aber mittlerweile so belanglos erscheint, dass sie es dieses Jahr nicht mal mehr gucken wollte. Ein schwerer Fehler, liebe Kollegin! Kann ich als jemand sagen, der auch dieses Jahr wieder reingeschaut hat. Denn: Es war das wohl beste Dschungelcamp aller Zeiten. Weil es wie selten zuvor ein echtes Zeitdokument war. Am Wochenende ist Finale, und ich freu‘ mich drauf. Bekenntnisse eines Dödels, der immer noch gerne Dödeln dabei zusieht, wie sie Dödel essen.
Und was meint er nun damit, der Dödel? Mit dem echten Zeitdokument? Nun, es fing alles extremst harmonisch an. Alle waren achtsam miteinander bis zum Gehtnichtmehr. Wie aus der Esoterik-Podcast-Hölle entsprungen packten alle die herzzerreißendsten Geschichten aus. Und alle, wirklich alle nahmen Anteil. Sagten die richtigen Dinge zur richtigen Zeit. Psychologische Halbprofis. Fast als hätten die Macher die Devise ausgegeben: Macht mal Harmonie, die Welt ist Scheiße genug zur Zeit! Hätte mich zu anderen Zeiten vielleicht genervt, hier fand ich es einfach nur wohltuend und schön.
Und dann – wie schon immer eigentlich, wenn der Hunger dank verbockter Prüfungen größer wird, schlich sich der Streit ein. Erst langsam sickernd, dann immer heftiger darnieder prasselnd. Und ich fand das immer noch toll! Warum? Weil hier ständig große gesellschaftspolitische Fragen unserer Zeit verhandelt wurden. Trump, Wokeness, Rassismus, Sexismus, Schwulenfeindlichkeit, „Cancel Culture.“ Was am grandiosen Casting liegen dürfte. Wie gesagt: Ein Zeitdokument.
Jörg Dahlmanns Rolle im Camp: Alter weißer Mann, der sich gecancelled fühlt und sich wundert, dass man ja nix mehr sagen darf. Eine Haltung, die mir persönlich schrecklich unsympathisch ist, aber der ehemalige Fußball-Kommentator tat der Dynamik im Sinne des Drehbuchs dermaßen gut – schade, dass er seit Mittwochabend raus ist! Dass er seinen Job verlor, weil er im TV erst gesagt hatte, dass er gerne mit Sophia Thomalla kuscheln würde (fand das Anti-Woke-Glamour-Girl super, wie er vermutlich wahrheitsgetreu beteuerte) und dann noch eine eher missverständliche halbrassistische Sache über Japan sagte (meinte er mit „Sushis“ nun das Essen oder die Menschen?), hätte man noch abtun können als Verkettung unglücklicher Fettnäpfchen. Auch wenn man da schon ahnte, dass das keine zufällige Kettenreaktion war.
Als er dann aber mit glasigen Augen den angeschossenen Donald Trump zitierte, der voller Kampfgeist „Fight, fight, fight!“ brüllte, da wurde es nicht nur der Übermutter und Hamburger Schauspielerin Nina Bott zu bunt. Auch wenn Jörg das alles nicht so gemeint haben wollte natürlich.
Die grundsympathische Möchtegern-Aldi-Verkäuferin
Alessia Herren ist nicht nur ein Reality-Sternchen und eine Kölsche Frohnatur. Sie ist auch die Tochter des Schauspielers und verstorbenen Ex-Dschungelstars Willi Herren und will trotz alledem am liebsten nach dem Camp an der Kasse arbeiten, wie sie mit ihrem rheinischen Singsang und „Sch“ verkündete („Isch will bei Aldi arbeiten als Verkäuferin“). Muss man einfach mögen, die Frau. Hohe Siegchancen.
Pierre: „Ich bin schwul, Schwarz, Ossi“
Pierre Sanoussi-Bliss („Der Alte“) ist mein persönlicher Favorit. Weil er wie kein zweiter die Regeln der Reality-Dschungellogik durchbricht mit seinem trockenen Humor. Vielleicht verstehen den nicht alle – auf und vor dem Bildschirm. Aber wie er es schafft, mit Bestimmtheit etwa schwulenfeindliche Klischees von Mitcamperin Edith oder Jörg („Ich liebe Schwule! Aber ihr mögt schon alle Schlager, oder?“) mit ziemlich fiesen Spitzen zu kontern, um dann sofort wieder die Ruhe selbst zu sein, und auch keinen Groll zu hegen, das bringt ihm zumindest auf Social Media viel Liebe ein („Ich bin Team Pierre!“).
Die Becker-Ex, der Harburger, das Schlagersternchen, die Krawall-Köchin und die „ungebildete“ Miezekatze
Außerdem vor der Sendung am Donnerstagabend noch an Bord: Becker-Ex Lilly, die mit holländischem Akzent und ihrer zupackenden Art auch gute Chancen auf den Sieg hat, auch wenn sie sich in ihrer Gnadenlosigkeit gegenüber dem mittlerweile leider rausgeflogenen Prüfungsversager Sam Sympathien verspielt haben dürfte.
Eher wenig Chancen sehe ich für den Harburger Timur Ülker, der vor allem dank seines immer wiederkehrenden und komplett unnötigen Streits mit Mitcamper Maurice überhaupt noch Sendezeit bekommt. Letzterer wiederum nennt sich zwar Löwe, wurde von Pierre aber wegen seiner Spinnensensibilität in Miezekätzchen umgetauft. Wie ihn allerdings Zehnkämpfer Jürgen Hingsen (recht früh rausgeflogen) mit peinlichen Pseudo-Bildungsfragen bloßstellte („Westfälischer Frieden, schonmal gehört?“), war wirklich unnötig.
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Auch für die eher farblose Schlagersängerin Anna-Carina dürfte es eng werden, zumal sie zuletzt mehrfach bei Prüfungen vor Beginn versagte und abbrach. Und auch sonst zu den heißen Diskussionen um Wokeness & Co. wenig beizutragen hatte. Krawallnudel Edith glänzte anfangs noch mit Frauenpower-Sprüchen. Mittlerweile scheinen Zuschauende und Mitcamper nur noch genervt von ihren Kochbelehrungen und ihrem viel zu rohen Fleisch („Das muss so sein“).
Nochmal zurück zum Zeitdokument: Dass der Trump-Fan, die beiden Schwulen, die mehr und weniger Gebildeten, die alten Ex- und jungen Semi-Stars sich immer wieder zusammenrauften und in ihren Gesprächen erstaunlich oft doch zu Erkenntnissen kamen und sich gerade, wenn es politisch wurde, meist geduldig zuhörten und ausreden ließen, das ist die eigentliche Leistung dieser Staffel. So mancher könnte sich davon eine Scheibe abschneiden.
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