Wie China mit allen Mitteln versucht, Olympia durchzuziehen – trotz Omikron
285 Neuinfektionen binnen 24 Stunden – bei gut 1,4 Milliarden Menschen klingt das fast lächerlich wenig. Wenn man aber, wie China, eine „ZeroCovid“-Strategie fährt, ist jeder Fall einer zu viel. Hinzukommt: In wenigen Wochen richtet das Land die Olympischen Winterspiele aus – und lässt sich durch nichts von diesem Plan abbringen. Auch von Omikron nicht.
„Wir sind wie Gefangene“: Tom Zhao ist einer von gut vier Millionen Menschen in der chinesischen Großstadt Xi’An, die bis Anfang dieser Woche in einem strikten Lockdown waren. Dabei bedeutet „Lockdown“ in China etwas ganz anderes als das, was wir in Deutschland zu Zeiten eines „Lockdowns“ erlebt haben. In Xi’An durften die Bürger seit 22. Dezember kaum noch vor die Tür. Die komplette Stadt wurde abgeriegelt, die Behörden kannten keine Gnade.
Der „New York Times“ gelang es, Kontakt zu Eingeschlossenen wie Zhao aufzunehmen. Sie berichteten Erschütterndes: So sollen hungrige Bewohner in Xi’an verzweifelt versucht haben, Kaffee gegen Eier und Zigaretten gegen Instantnudeln einzutauschen. Ein achtjähriger Leukämie-kranker Junge flehte demnach um medizinische Versorgung – vergeblich. Eine Schwangere verlor im achten Monat ihr Baby, nachdem sie stundenlang in einer Klinik warten musste, weil sie nicht beweisen konnte, dass sie kein Covid-19 hatte. Die Sicherheitsbeamten des Distrikts seien „wie Gefängniswärter“, so Zhao.
China verfolgt die Strategie des „ZeroCovid“
Dabei haben die Menschen in Xi’An überhaupt nichts verbrochen. Aber: In ihrer Stadt gab es Mitte Dezember einen kleineren Corona-Ausbruch, damals noch mit Delta. Und China reagierte, wie es seit Anbeginn der Pandemie immer reagierte: mit kompromissloser Härte. Um jegliche Infektionsketten sofort zu stoppen, wurden sowohl das öffentliche als auch das Privatleben auf Null zurückgefahren. Das Ganze folgt der Strategie des „ZeroCovid“, also des gänzlichen Ausrottens von Corona.
Aber kann das angesichts der Omikron-Variante überhaupt noch funktionieren? Experten haben daran mittlerweile große Zweifel. Denn: Obwohl China rigoros wie sonst kaum ein Staat in Sachen Corona-Eindämmung vorgeht und das Land seit Pandemie-Beginn weitgehend abgeschottet ist, breitet sich Omikron auch dort aus. Die erste Ansteckung wurde am 9. Dezember bei einem Auslandsrückkehrer in Tianjin, einer Nachbarstadt Pekings, festgestellt. Seitdem haben weitere Städte und Provinzen Omikron-Fälle gemeldet, sowohl importierte als auch lokal übertragene.
Bald starten in China die Olympischen Winterspiele
Das ist auch deshalb ein Riesenproblem für China, weil in dem Land in gut zwei Wochen die Olympischen Winterspiele starten. Und an denen wollen sowohl die Regierung als auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) festhalten – koste es, was es wolle. Vergangene Woche sagte IOC-Präsident Thomas Bach zur „Welt am Sonntag“, die Wettkämpfe vom 4. bis 20. Februar in Peking würden „definitiv“ stattfinden. Seine Zuversicht begründete er mit der Corona-Politik Chinas, die „sehr, sehr strikt und streng“ sei. Zuvor hatte bereits Staatspräsident Xi Jinping in seiner Neujahrsansprache eine Absage ausgeschlossen: „Wir werden der Welt von ganzem Herzen die Olympischen Spiele präsentieren. Die Winterspiele sollen kommen, China ist bereit.“
Tatsächlich hat die Regierung alles unternommen, sämtliche Omikron-Herde sofort auszulöschen und so den Eindruck von „sicheren Spielen“ zu erwecken. Epidemiologen sprachen in Staatsmedien von einer „echten Schlacht“. Es wurden Hunderte Flüge abgesagt, der öffentliche Nahverkehr in betroffenen Städten gestoppt, Auto-Verbote erlassen, Millionen Menschen unter Quarantäne und Hausarrest gestellt, es gab Massentests, Ausgangssperren, Checkpoints und skurril klingende Anweisungen der Regierung.
So warnte etwa das Staatsfernsehen am Montag offiziell vor Post und Einkäufen aus dem Ausland. „Minimieren Sie den Kauf von Überseewaren aus Ländern mit einer hohen Inzidenz“, schrieb der Sender CCTV in einem Ratgeber auf seiner Website. Sollten doch Pakete aus dem Ausland empfangen werden, wurden das Tragen von Einweghandschuhen und einer Schutzmaske empfohlen. Zudem sollten Pakete bestenfalls im Freien geöffnet und desinfiziert werden. Für Aufsehen sorgte auch die Pekinger Verkehrsbehörde: Sie forderte jüngst alle Bewohner der Hauptstadt dazu auf, sich von den Spezialfahrzeugen fernzuhalten, mit denen bereits jetzt Athleten von A nach B transportiert werden. Da gelte insbesondere für die Zeit der Spiele – und auch, wenn die Fahrzeuge etwa in einen Unfall verwickelt seien.
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Am Montag verkündete das Organisationskomitee zudem, dass entgegen erster Pläne die Eintrittskarten für die Spiele doch nicht an die allgemeine Öffentlichkeit verkauft, sondern nur über die Behörden organisiert verteilt werden. Als Begründung gab man die „ernste und komplizierte Lage“ durch die Pandemie an. Ausländische Zuschauer sind ohnehin nicht zugelassen.
Olympia 2022 in Peking: Alle Beteiligten müssen in einer geschlossenen Blase bleiben
Kommen werden dagegen rund 3000 Sportlerinnen und Sportler sowie Medienleute aus aller Welt. Jeder und jede muss von der Landung in China bis zur Ausreise in der sogenannten „geschlossenen Blase“ bleiben. Rein darf nur, wer vollständig geimpft ist oder nach der Landung eine 21-tägige Quarantäne über sich ergehen lässt. Außerdem müssen alle jeden Tag zum PCR-Test.
So soll sichergestellt werden, dass das Virus weder in die Blase eingeschleppt noch darin weitergegeben werden kann, erklärten die Verantwortlichen, die sehr an dieses Konzept glauben. „Wir haben keine Sorge, dass Omikron die Spiele beeinflussen könnte“, sagte Pierre Ducrey, beim IOC zuständig für die organisatorischen Abläufe bei den Spielen, in der vergangenen Woche. Man sei „sehr gut geschützt innerhalb der Blase“. Es werde keinerlei Kontakt zwischen den Menschen innerhalb des geschlossenen Olympia-Zirkels und anderen in China geben, so Ducrey.
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Ein blauäugiges Versprechen, finden viele. Warum werden die Wettkämpfe angesichts der Omikron-Zuspitzung nicht abgesagt oder zumindest verschoben? Kritiker sagen: Olympische Spiele sind schlicht zu lukrativ. Das IOC hat nach offiziellen Angaben etwa mit den Sommerspielen in Rio de Janeiro 2016 rund 5,3 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das meiste Geld wurde dabei nicht etwa mit Eintrittskarten oder TV-Lizenzen verdient – sondern über lokales Sponsoring.
Daher scheint es nicht verwunderlich, dass die Verantwortlichen so an Peking 2022 festhalten. Bloß: Macht Omikron da auch mit? Vergangenen Sonntag meldete der Austragungsort die erste Ansteckung mit der Mutante – allen Eindämmungsversuchen zum Trotz.