Ukrainer warnt junge Hamburger: „Regenbogen-Abzeichen werden keine Panzer stoppen“
Der ukrainische Journalist Stanislav Aseyev schreibt in der MOPO über die Demos gegen die Wehrpflicht in Deutschland und fragt sich, wie viele Deutsche überhaupt bereit wären, ihr Land zu verteidigen.
Während sich die öffentliche Aufmerksamkeit vor allem auf globale geopolitische Entwicklungen richtet, hat sich in Deutschland ein Ereignis von nicht minderer Bedeutung abgespielt: Schülerinnen, Schüler und Studierende protestierten gegen die geplante Wiedereinführung der Wehrpflicht für junge Männer.
Die Plakate, die junge Deutsche – unter anderem in Hamburg – trugen, offenbarten jedoch etwas Beunruhigendes: ein tiefes Unverständnis für den größten militärischen Konflikt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.
Zu lesen war unter anderem:
- „Nicht unser Krieg“
- „Ökologie statt Waffen“
- „Geld für Bildung, nicht für Waffen“
- „Ich will nicht sterben“
- „Siehst du nicht, wie dumm Gewalt ist?“
- „Make vodka, not war“
Und schließlich ein Satz, der mich besonders erschütterte: „Ich lebe lieber in Putins Deutschland, als in den Krieg zu ziehen.“
Der deutsche Verteidigungsminister nannte die Proteste „großartig“.
Doch an dieser Stelle drängt sich mir eine Frage auf: Wenn Deutschland sich über 200.000 Deserteure in der erschöpften ukrainischen Armee wundert – einer Armee, die in vier Jahren Invasion mehr als eine Million russische Infanteristen ausgeschaltet hat –, wie viele Deutsche würden überhaupt bereit sein, ihr eigenes Land zu verteidigen, noch bevor Russland den ersten Schuss abfeuern würde?
„Der Dienst in der Bundeswehr galt als belächelnswert“
Vielleicht hilft diese Debatte, die eindringlichen Worte des ehemaligen Schachweltmeisters und politischen Aktivisten Garri Kasparow beim internationalen Sicherheits-Forum im kanadischen Halifax besser zu verstehen: Sind die NATO-Truppen im Baltikum tatsächlich bereit, im Ernstfall zu töten und zu sterben?
Ältere Deutsche erklären mir häufig, dass diese Haltung der Jugend nicht plötzlich entstanden ist. Jahrzehntelang wurde in der Bundesrepublik vermittelt, die Armee sei ein Relikt vergangener Zeiten. Der Dienst in der Bundeswehr galt als belächelnswert, Deutschland sei ohnehin durch den nuklearen Schutzschirm der NATO abgesichert, und im Ernstfall würden die USA schon eingreifen. Das kollektive Trauma des Zweiten Weltkriegs ließ den Gedanken an eine mögliche erneute militärische Bedrohung kaum zu.
Heute steht ein großer Teil der jungen Generation politisch links und empfindet Putin nicht als persönliche Gefahr. Aber der Punkt ist: Sie werden auch nicht ihm, der staatsmännischen Figur im Maßanzug und mit diplomatischer Rhetorik, begegnen. Im Ernstfall stehen ihnen eher Vanya aus einem Dorf bei Nowgorod oder ein burjatischer Scharfschütze aus Sibirien gegenüber, die ihre bloße Existenz für inakzeptabel halten.
Weder Regenbogenabzeichen noch Che-Guevara-Drucke, Marx-Porträts, Greta-Thunberg-Sticker oder Palästinensertücher helfen, wenn einem russische Panzer gegenüberstehen. Niemand der Aggressoren wird die Angegriffenen nach persönlichen Haltungen fragen – das haben sie auch bei den Kindern nicht getan, die in Butscha in Massengräbern endeten. Je schwächer ihr auftretet, desto wahrscheinlicher wird so ein Szenario.
„Kann man einen Krieg dadurch beenden, dass man ihn verliert? Ja“
„Siehst du nicht, wie dumm Gewalt ist?“, stand auf einem der Hamburger Plakate. Ein ehrenwerter Gedanke – aber er hilft nicht gegen Akteure, deren einziges politisches Instrument Gewalt ist. Und er ist gegenüber Putin ebenso wirkungslos wie gegenüber jenen, die er in diesen Krieg schickt.
Ich sage das als ehemaliger Soldat: Auch ich wollte am 24. Februar 2022, als die russische Invasion begann, nicht kämpfen. Ich will es heute nicht, und ich werde es auch künftig nicht wollen. Wenn ich auf mehr westliche Waffen für die Ukraine dringe, tue ich das nicht aus Kampfeslust, sondern aus dem Wunsch heraus, nicht zu sterben – und nicht unterworfen zu werden.
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Kann man einen Krieg dadurch beenden, dass man ihn verliert? Ja. Polen 1939 hat das erfahren, Frankreich 1940 ebenfalls. Das heute so verbreitete „Nein zum Krieg“ ähnelt daher eher der Haltung Polens 1939 als der Vietnams 1969.
Ist das wirklich „großartig“, Herr Pistorius? Ich bezweifle es.