Mehr Geld, mehr Zeit: Feuert die Reiselust der Boomer-Rentner den Klimawandel an?
Die Boomer gehen in Rente – und dann vermutlich häufiger auf Reisen als vorherige Generationen. Forscher halten es für möglich, dass dies den CO₂-Ausstoß in die Höhe treiben könnte. Dabei ist der Tourismussektor bereits jetzt ein Sorgenkind beim Klimaschutz.
Endlich Zeit für lange Reisen: Darauf freuen sich nicht wenige angehende Ruheständler. Nun steht der Renteneintritt von Millionen Boomern an. Wird ihre Reiselust spürbar negative Auswirkungen auf den CO₂-Ausstoß haben? Dieser Frage ist ein internationales Forscherteam nachgegangen. Das Ergebnis ihrer Studie: möglicherweise ja. Vielleicht aber auch nicht – es hängt von vielen Faktoren ab.
Ältere unternehmen häufiger Reisen als noch vor 30 Jahren
Längst sind ältere Jahrgänge eine bedeutende und wachsende Größe im Tourismussektor. In Deutschland nahm bei Menschen zwischen 55 und 75 Jahren die Zahl der Reisen mit einer Dauer von fünf Tagen und mehr seit 1992 deutlich zu: bei den noch Erwerbstätigen um bis zu 36,5 Prozent und bei den Rentnern um 18,4 Prozent, schreiben die Autoren im Fachjournal „Current Issues in Tourism“. Rund jeder Vierte, der für mehrere Tage auf Reisen geht, ist zwischen 60 und 74 Jahre alt.
Und damit auch ein entsprechender Teil der durch den Tourismus entstehenden Emissionen. 8,8 Prozent des weltweiten Ausstoßes an CO₂-Äquivalenten entfallen auf diesen Sektor, mehr als die Hälfte davon auf den Flugverkehr. In Deutschland ist der Tourismus der einzige größere Bereich, in dem bislang keine nennenswerte Reduktion der Schadstoffemissionen gelungen ist.
Rentner verursachen weniger Emissionen – zumindest bislang
Bislang haben Reisende im Rentenalter diesbezüglich eine weißere Weste als Jüngere, denn sie steigen seltener ins Flugzeug. Zwar unternehmen sie tatsächlich häufiger Kreuzfahrten und besitzen auch öfter ein Wohnmobil – auf die Ergebnisse ihrer Untersuchung hatte das aber keinen statistisch relevanten Effekt, schreiben die Autoren. Unterm Strich verursachen Rentner demnach mit 267 Kilogramm CO₂ pro Reise deutlich weniger Emissionen als Nicht-Ruheständler (400 Kilogramm).
Je älter also der Reisewillige, desto besser fürs Klima? Jein – es hängt davon ab, ob und wie sich das Reiseverhalten von Senioren in näherer Zukunft ändert. Bleibe es dabei, dass Rentner insgesamt seltener fliegen und ihre Reisetätigkeit im Schnitt mit Mitte 75 weitgehend einstellen, könnte sich die CO₂-Bilanz im deutschen Tourismussektor trotz der Zunahme der Rentnerzahl sogar verbessern, heißt es in der Studie.
Allerdings gilt die Babyboomer-Generation, die nun in den Ruhestand geht, als besonders fit und wohlhabend. Der jährliche „Globale Reichtumsbericht“ der Allianz-Versicherung etwa spricht von der „reichsten Generation, die je gelebt hat“. Deutsche Boomer haben demnach im Schnitt 614 Prozent ihres verfügbaren Einkommens auf der hohen Kante. Und deshalb könnte sich durchaus etwas ändern im Reiseverhalten der Älteren.

Viele planen Fernreisen im Ruhestand
Beispielsweise könnten künftige Rentner öfter das Flugzeug nutzen. Laut der Studie äußerte jeder dritte heute noch Erwerbstätige die Erwartung, im Ruhestand mehr zu reisen. Auf die Frage nach den beliebtesten Zielen für die ersten Reisen als Ruheständler wurden mit Australien, den USA, Kanada, der Karibik und Neuseeland ausschließlich Fernreiseziele genannt – „was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Emissionen pro Reise mit dem Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand steigen werden“, heißt es.
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„Dies könnte bedeuten, dass die Babyboomer nicht mit der heutigen Rentnergeneration vergleichbar sind, da sich ihre Reisegewohnheiten im Ruhestand grundlegend unterscheiden werden“, schreiben die Autoren weiter. Sie halten daher auch ein anderes Szenario für möglich – eines, in dem Ruheständler den CO₂-Ausstoß im Tourismussektor nach oben schrauben, weil sie mehr und länger reisen, während den Erwerbstätigen weniger verfügbares Einkommen für Reisezwecke bleibt. Auch, weil etwa die Belastungen durch die Finanzierung des Rentensystems steigen.
Nicht nur eine Klimaschutz-, sondern auch eine Gerechtigkeitsfrage
Welches der beiden Szenarien das wahrscheinlichere ist, sei schwer abzuschätzen, sagt Studien-Mitautor Andreas Humpe von der Hochschule München. Zumal sich die Untersuchung zunächst auf die Reisewege und Verkehrsmittel konzentriert, nicht auf die Gegebenheiten am Urlaubsort: „Für die CO₂-Bilanz einer Urlaubsreise macht es natürlich einen Riesenunterschied, ob Sie im 5-Sterne-Hotel absteigen oder in einer Frühstückspension“, sagt der Professor für Wirtschaftsmathematik. Es seien daher weitere Forschungen nötig, „um die Prognosen zu überprüfen und ein tieferes Verständnis über die betreffenden Personengruppen und ihre Reisemotive zu gewinnen“. Beispielsweise dazu, ob die Boomer ihrer in Umfragen geäußerten Fernziel-Sehnsucht auch tatsächlich nachgeben.
„Der Tourismus könnte somit zu einem Wachstumssektor für Emissionen werden und den Bemühungen zur Emissionsreduzierung gemäß dem deutschen Klimagesetz – einem ohnehin schon anspruchsvollen Ziel – direkt entgegenwirken“, heißt es in der Studie. Daher müsse auch die Politik das Thema im Auge behalten, sagt Humpe. Es gehe auch nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um das Gerechtigkeitsempfinden. Denn die Hälfte der gesamten Reisestrecke, die über 65-Jährige zurücklegen, entfalle auf nur 6 Prozent dieser Altersgruppe. Heißt: Es sind insbesondere die wohlhabenden Rentner, die besonders viel oder weit reisen – der größere Anteil wird sich das eher nicht leisten können.
Dieser Artikel erschien zuerst auf NOZ.de.
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