Ein vertrautes Bild am Hamburger Hauptbahnhof: Volle Bahnsteige, verspätete Züge.

Volle Bahnsteige, verspätete Züge am Hamburger Hauptbahnhof (Symbolbild) Foto: picture alliance/dpa | Marcus Brandt

Marode Schienen? Darum ist die Bahn wirklich so unpünktlich

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Nur jeder zweite Fernzug kommt pünktlich an, im Güterverkehr warten Züge teils tagelang. Die Deutsche Bahn ist so unzuverlässig wie seit Jahren nicht und das liegt längst nicht nur an maroden Schienen. Ein Experte erklärt, welche Faktoren das System wirklich ausbremsen.

„Weichenstörung”, „verspätete Bereitstellung des Zuges”, „Warten auf Personal eines verspäteten Zuges”: Wer Bahn fährt, hört immer wieder unterschiedliche Gründe für Verspätungen. Aber warum sind wirklich so viele Züge unpünktlich? Christian Böttger ist Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin) und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Bahn. 

Christian Böttger beschäftigt sich seit Jahren mit der Deutschen Bahn. picture alliance / teutopress
Christian Böttger beschäftigt sich seit Jahren mit der Deutschen Bahn.
Christian Böttger beschäftigt sich seit Jahren mit der Deutschen Bahn.

1. Management-Probleme bei der Bahn

Für Böttger ist die Organisation der Bahn ein zentraler Bremsklotz. Viele Entscheidungen liegen heute in der Zentrale, während vor Ort kaum noch Verantwortlichkeiten bestehen. Früher war ein regionales Betriebswerk dafür verantwortlich, dass ein Zug fahrbereit ist: Er wurde gereinigt, repariert, die Toiletten wurden gewartet und das Personal eingeteilt.

Heute dagegen läuft jeder dieser Schritte über eine eigene zentrale Einheit, die weit weg von den Problemen vor Ort agiert. Das mache Abläufe schwerfällig und verzögere selbst einfache Prozesse. Früher konnte etwa gereinigt werden, während noch repariert wurde. Heute verhindern unterschiedliche Vorgaben solche pragmatischen Lösungen.

Hinzu kommt der massive Personalmangel bei der Bahn. Lokführer fehlen, Mitarbeiter für die Instandhaltung fehlen. Schichtdienste wollen immer weniger übernehmen. „Alle Verkehrsunternehmen stehen vor Problemen“, sagt Böttger. „Aber die DB tut sich durch ihre Managementschwächen besonders schwer damit, darauf zu reagieren.“

2. Infrastruktur – wichtig, aber nicht allein schuld

Zwar ist der Zustand des Schienennetzes ein zentraler Faktor für Verspätungen, aber nicht der wichtigste. „Dass die schlechte Infrastruktur an allem schuld sei, ist Quatsch“, sagt Böttger. Laut dem aktuellen Infrastrukturzustandsbericht gehen rund elf Prozent der Verspätungsminuten direkt auf Infrastrukturmängel zurück.

Die Bahn habe lange beschönigt, wie schlecht das Netz tatsächlich ist. „Die DB hat über Jahre gesagt: Alles gut, Ziele erreicht“, kritisiert er. „Der Bund hat weggeschaut.“ Erst vor rund zweieinhalb Jahren sei ein Wandel erfolgt – mit neuem Vorstand und einer neuen Erzählung: Die Infrastruktur sei marode und brauche dringend mehr Geld vom Bund.

Aktuell laufen große Korridorsanierungen wie auf der Riedbahn oder der Strecke Hamburg–Berlin. Sie sollen das Netz langfristig stabilisieren, sorgen aber kurzfristig für mehr Verspätungen, Umleitungen und Ausfälle.

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3. Eingriffe von außen machen die Bahn unpünktlich – vor allem das Verhalten der Fahrgäste

Das Verhalten der Fahrgäste beeinflusst die Pünktlichkeit. Türen-Aufhalten, überfüllte Züge oder Fahrräder, die trotz Platzmangel mitgenommen werden – all das kostet wertvolle Minuten.

„Diese Faktoren sind nicht die Hauptursache, aber ein reales und wachsendes Problem“, sagt Böttger. Die Rücksichtnahme im öffentlichen Raum habe abgenommen.

4. Regulierungen, die Abläufe verlangsamen

Auch überbordende Regulierung bremst die Bahn. Böttger nennt mehrere Beispiele: Bei Personenschäden darf die Bahn erst weiterarbeiten, wenn die Staatsanwaltschaft freigibt – das kann Stunden dauern. Auf der Straße geht das oft schneller.

Dieser Artikel erschien zuerst auf NOZ.de.

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