Ivona (29): Ich bereue es, eine Mutter zu sein

„Meine Bedürfnisse sind ciao“, sagt Ivona Noetzel über das Muttersein.
„Meine Bedürfnisse sind ciao“, sagt Ivona Noetzel über das Muttersein.

„Ich würde mich nicht noch mal für Kinder entscheiden.“ Das sagt Ivona Noetzel. Die 29-Jährige hat Mutterschaft im Vorfeld romantisiert – und bereut sie heute immer wieder. Ein Besuch bei ihr zu Hause.

Ivona und Nicolas Noetzel leben in Mönchengladbach in einer Gegend, in der die Häuser groß sind, die Autos teuer und die Gärten gepflegt. Ihre Wohnung ist modern und hell. Kunst an den Wänden, Siebträgermaschine in der Küche, im Garten ein Trampolin für die Kinder. Von außen sieht dieses Leben aus wie eines, das gelungen ist. Doch Ivona fühlt etwas, das nicht in dieses Bild passt.

Sie bereut ihre Mutterschaft.

Nicht, dass sie ihre Kinder nicht liebt. Sondern dass sie sich mit dem Wissen von heute nicht noch einmal für sie entscheiden würde. Für die Endgültigkeit. Für das ständige Gebrauchtwerden. Für das Fremdbestimmtsein. „Meine Bedürfnisse sind ciao“, wird sie später sagen.

Regretting Motherhood: Eine gesellschaftliche Debatte

Für dieses Gefühl gibt es einen Begriff: Regretting Motherhood. Frauen, die ihre Kinder lieben und trotzdem bereuen, Mutter geworden zu sein. Ein Thema, über das öffentlich lange nicht gesprochen wurde, weil es sofort wie ein Tabubruch klingt. Nicht für Ivona.

Seit 2020 sind Ivona und Nicolas ein Paar, seit 2022 verheiratet. Zwei Kinder. Nika ist drei Jahre alt, Karlo ein Jahr. Nicolas ist 36, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg. Ivona ist 29, hat als Vertrieblerin für einen Juwelier gearbeitet. Seit der Geburt von Nika ist sie in Elternzeit.

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Ein Donnerstagmittag im April. Nika ist im Kindergarten, Karlo bei der Tagesmutter. Seit ein paar Tagen ist Frühling. Die Sonne fällt auf die weißen Fliesen der Terrasse, die Tür zum Garten steht weit offen. Nicolas steht in der Küche und macht Cappuccino. Er hat Urlaub. Ivona trägt Geschirr und Bananenbrot nach draußen. „Nicht selbst gebacken“, sagt sie und lacht. Dann spannt sie den Sonnenschirm auf.

Das nicht selbst gebackene Bananenbrot.
Das nicht selbst gebackene Bananenbrot.

Ivona trägt eine lockere Stoffhose mit buntem Blumenmuster. Wenn sie lacht, entstehen kleine Grübchen um ihren Mund. Nicolas trägt Jeans, Tennissocken und Adiletten. Die beiden wirken vertraut miteinander. Sie lachen viel, unterbrechen sich, beenden die Sätze des anderen. Bei ihnen sei vieles klassisch verteilt, sagen sie. Nicolas ist Hauptverdiener. Ivona kümmert sich viel um Kinder, Haushalt und Organisation.

Wie er es findet, dass Ivona auf Instagram darüber spricht, ihre Mutterschaft zu bereuen? „Extrem mutig“, sagt Nicolas. „Ich glaube, sie spricht Sachen aus, die viele denken, aber für sich behalten.“ Auch er denke manchmal darüber nach, wie das Leben ohne Kinder wäre. Trotzdem gebe es Momente, in denen ihm Ivonas Art zu hart sei.

Ivona: „Ich bin so asi zu denen“

In einem Video spricht Ivona Folgendes in die Kamera: „Ich habe die Kinder gerade ins Bett gebracht und ich pack’s nicht. Ich bin so asi zu denen. Wir liegen auf 90 Zentimetern und Karlo klettert die ganze Zeit auf mich drauf und provoziert mich. Ich werde einfach wütend.“

„Dein Ton ist manchmal nicht der, den ich wählen würde“, sagt Nicolas.

„Wie ist der denn?“, fragt Ivona.

Nicolas überlegt kurz. „Vulgär ist falsch“, sagt er. „Vielleicht eher forsch. Aggressiv.“

„Aggressiv?“, fragt Ivona. „Hat dich mal was verletzt?“

„Nö“, sagt Nicolas. Dann fällt ihm doch etwas ein. Ein Video, in dem Karlo weint. „Das hat mir leidgetan“, sagt er leise. „Ich wollte nicht, dass du das hochlädst.“

Ivona schaut ihn an.

„Habe ich auch nicht.“

Nicolas nickt. „Deine Klappe ist ein bisschen kleiner geworden.“

Ihre Beziehung hätte keine Kinder gebraucht, sagen Ivona und Nicolas.
Ihre Beziehung hätte keine Kinder gebraucht, sagen Ivona und Nicolas.

Die Kinder hätten ihre Beziehung verändert, sagen beide. Früher sei vieles leidenschaftlicher gewesen, spontaner, leichter. Heute seien sie oft müde. Abends fehle oft die Kraft für Nähe.

Dann steht Nicolas auf, um die Kinder abzuholen. Ivona sitzt allein im Garten. Sie sagt, sie habe sich früher vorgestellt, Muttersein würde sie erfüllen. Ihre Eltern kommen aus Serbien, Familie habe dort einen hohen Stellenwert.

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Damals habe sie sich in einer Identitätskrise befunden. Sei unglücklich im Job gewesen. Irgendwann sei der Gedanke gekommen: Vielleicht bin ich dafür gemacht, Mama zu sein. Kinder seien süß. Gehörten dazu.

Wie sie sich Mutterschaft vorgestellt habe? Ivona lacht. „Total naiv.“ Das Kind komme zur Welt, schlafe im Kinderbett und später im Kinderwagen. Alles ruhig. Alles machbar. Sie habe sich nicht vorgestellt, dass ein Kind stundenlang schreit. Dass man es nicht ablegen kann. Dass plötzlich jemand anderes bestimmt, wann man schläft, isst oder einfach nur fünf Minuten Ruhe hat. „Ich habe das romantisiert“, sagt sie.

Das erste Mal gespürt, dass sich Mutterschaft für sie anders anfühlt als erwartet, habe sie direkt nach der Geburt ihrer Tochter. „Sie kam raus und hat einfach nur geschrien.“ Sie habe sie nicht beruhigen können. „Ich habe zu Nico gesagt: Scheiße, was haben wir getan.“ Nika ist zu dem Zeitpunkt erst ein paar Stunden alt.

Heute beginnt ihr Tag um sechs Uhr morgens. Die Kinder bekommen einen Teller mit Obst und Keksen und dürfen zwanzig Minuten fernsehen. In der Zeit trinken Ivona und Nicolas ihren Kaffee. Zwischen neun und 15 Uhr sind beide Kinder betreut. Dann heiße es: Haushalt, einkaufen, Wäsche, Instagram. „Ich chille hier nicht“, sagt sie. Sie habe den Anspruch, dass alles erledigt sei, wenn die Kinder zurückkommen. Damit sie dann voll für sie da sein könne.

„Die meiste Zeit vom Tag mag ich, dass die da sind“

Das Schlimmste am Muttersein? „Dieses ständige Etwas-von-mir-Wollen“, sagt Ivona. Es gehe um Selbstbestimmung. Um den Raum, den sie nicht mehr habe. „Meine Bedürfnisse sind ciao.“ Besonders schlimm seien die Momente, in denen beide Kinder gleichzeitig etwas wollen. Beide weinen. Beide getragen werden wollen.

Und trotzdem gibt es diese anderen Momente. Wenn ihre Tochter zum ersten Mal sagt: „Hab dich lieb, Mama.“ Wenn die Kinder zusammen lachen. Kuscheln. Spaß haben. „Die meiste Zeit vom Tag mag ich, dass die da sind“, sagt Ivona.

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Vielleicht ist genau das das Schwerste an allem: Dass beides gleichzeitig da ist. Die Liebe zu den Kindern. Und die Sehnsucht nach dem Leben davor. Ivona sagt, sie würde sich nicht noch einmal für Kinder entscheiden.

Sie steht auf und geht in die Küche, um sich einen zweiten Kaffee zu machen. Auf Instagram bekommt Ivona viel Kritik. Sie greift zum Handy und liest Kommentare vor:

„Wie kannst du dich überhaupt Mutter nennen.“

„Kann mal einer das Jugendamt rufen.“

„Ich will nicht auf mein Leben zurückschauen und nur für meine Kinder gelebt haben“

Verletzen würden sie diese Kommentare nicht, sagt Ivona. Sie wisse, dass sie eine gute Mutter sei. Und sie wolle, dass ihre Kinder später einmal sehen: Ihre Mutter hat ehrlich gesagt, was sie fühlt. „Ich will nicht auf mein Leben zurückschauen und nur für meine Kinder gelebt haben.“

Warum sie überhaupt öffentlich darüber spricht? „Es hilft mir. Andernfalls würde ich platzen.“ Instagram sei eine Art Ventil für ihre Emotionen.

Kinder hätten nicht die Aufgabe, ihre Eltern glücklich zu machen, findet Ivona. Sie habe trotzdem gehofft, dass Mutterschaft ihr etwas geben würde, das ihr vorher gefehlt habe. Heute glaube sie, dass sie damals vor sich selbst davongelaufen sei. Es sei ihr leichter erschienen, Mutter zu werden, als sich beruflich noch einmal neu zu orientieren.

Was sie aus ihrem alten Leben vermisst? Ausschlafen. Spontanität. Einfachheit. Zeit mit Nicolas allein. Viele sagten: Eure Zeit kommt wieder. „Nein, Mann“, sagt Ivona. „Es wird nie wieder so wie vor den Kindern.“ Ihre Beziehung hätte keine Kinder gebraucht. Das weiß sie heute.

Ob sie ohne Kinder glücklicher wäre? Ivona überlegt kurz. „Wahrscheinlich nicht“, sagt sie dann. „Vielleicht hätte es auch schon geholfen, später Mutter zu werden.“

Dann ist es kurz still. „Ich glaube, Kinderkriegen ist egoistisch“, sagt Ivona schließlich. Man entscheide sich dafür, weil man selbst etwas wolle. Weil man glaube, Kinder würden etwas ausfüllen.

Ivona mit ihren Kindern Nika und Karlo auf dem Arm.
Ivona mit ihren Kindern Nika und Karlo auf dem Arm.

Als Nicolas mit den Kindern zurückkommt, verändert sich die Stimmung im Garten. Gerade war Ivona noch einfach nur Ivona. Jetzt ist sie wieder Mutter. Nika und Karlo wirken müde, wollen aber trotzdem noch raus. Fahrrad fahren. Ein Eis essen.

Ivona steht auf. „Hallo, meine Süßen“, sagt sie. „Wie war es denn heute?“ Nika will aufs Klo. Ivona nimmt ihre Tochter an die Hand. Kaum sind die beiden ein paar Schritte gegangen, beginnt Karlo zu weinen. Ivona dreht sich sofort um, nimmt ihn auf den Arm und küsst ihn auf die Wange. „Alles gut, Karli“, sagt sie leise. Dann geht sie mit beiden Kindern Richtung Bad. (Dieser Artikel erschien zuerst auf SHZ.de)

„Ich würde mich nicht noch mal für Kinder entscheiden.“ Das sagt Ivona Noetzel. Die 29-Jährige hat Mutterschaft im Vorfeld romantisiert – und bereut sie heute immer wieder. Ein Besuch bei ihr zu Hause.