Laut einer Studie ziehen sich die Deutschen nach drei kräftezehrenden Corona-Jahren mehr ins Private zurück (Symbolfoto).

Laut einer Studie ziehen sich die Deutschen nach drei kräftezehrenden Corona-Jahren mehr ins Private zurück (Symbolfoto). Foto: dpa

Corona, Krieg, Inflation, Klimawandel: „Deutschland ist erschöpft“

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Deutschland bräuchte mal Urlaub. Mit viel Erholung und ohne Stress. Aber der ist nicht in Sicht: Forscher sehen die Nation derzeit in einem Zustand akuter Erschöpfung. „Wir erkennen jetzt erst im vollen Umfang, wie ungeheuer kräftezehrend die drei Corona-Jahre gewesen sind”, sagt der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann. Er diagnostiziert dem ganzen Land eine Belastungsstörung. Und sagt auch, wer davon gerade sehr profitiert …

Kaum war die Pandemie halbwegs überstanden, begannn der brutale Krieg Russlands gegen die Ukraine, dadurch folgten Inflation und starke Fluchtbewegungen. „Dadurch flammt das Ohnmachtsgefühl der Corona-Krise wieder auf”, sagt Hurrelmann. Der beherrschende Eindruck ist: Immer wieder kommt etwas dazwischen, das man selbst nicht beeinflussen kann. „Dadurch leidet die ganze Gesellschaft an einer posttraumatischen Belastungsstörung”, so der renommierte Experte.

Sozialforscher bescheinigt Deutschen „posttraumatische Belastungsstörung“ 

Ähnlich sieht es der Psychologe Winfried Rief von der Uni Marburg. „Ich habe so etwas in meinem ganzen Leben – und ich bin jetzt 64 – noch nicht mitgemacht”, sagt er. „Was es so schwierig macht, ist, dass wir auf der psychologischen Ressourcenseite mittlerweile extrem schwach sind. Wir haben in den letzten Jahren mit Corona eine lebensgefährliche Bedrohung mitgemacht und uns davon eigentlich nicht mehr erholt. Die Themen haben sich geändert, aber der Bedrohungszustand ist geblieben.”

Klaus Hurrelmann (79) ist Sozialforscher. picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Klaus Hurrelmann
Klaus Hurrelmann (79) ist Sozialforscher.

Die Deutschen ziehen sich ins Private zurück

Laut einer Studie des Rheingold-Instituts ziehen sich die Deutschen deshalb mehr ins Private zurück – mit einem „diffusen Grundgefühl der Bedrohung und Endzeitstimmung”. Um sich selbst zu schützen, verengen die Menschen ihren Fokus auf die persönliche Lebenswelt.

Und auch Angela Merkel hat etwas mit der aktuellen Stimmung im Land zu tun. Wie das? Ganz einfach: Ihre Botschaft war 16 Jahre lang; „Lehnt euch zurück, ich mach das für euch!” So fing sie viele Ängste auf. Ihr Abgang hat ein Vakuum hinterlassen, analysiert Hurrelmann. Die Ampel versuche, die großen Herausforderungen rational anzugehen, aber: „Dadurch, dass sich SPD, FDP und Grüne oft zu blockieren scheinen, wird die Regierung als planlos und machtlos wahrgenommen – was die Ohnmachtsgefühle vieler Bürger noch steigert.”

Die AfD profitiert von der Erschöpfung der Menschen

Und genau da kommt die AfD ins Spiel. „Sie greift die Krisenstimmung auf und verbreitet die Botschaft: ,Jetzt reicht’s aber mal!’” so Hurrelmann. Die Partei biete Scheinlösungen für Krisen an, indem sie deren Existenz leugne: „Corona? War in Wahrheit halb so schlimm. Der Klimawandel? Muss man mit leben. Der Krieg? Einfach mal mit Putin reden.” Diese angenehm einfachen Antworten entsprächen genau der Gefühlslage einer erschöpften und verunsicherten Gesellschaft, weil sie emotional entlastend wirkten, glaubt Hurrelmann.

Und was nun? Die Leute fragen! Hurrelmann betont, dass die Regierung zum Beispiel bei der Umsetzung des Klimaschutz mehr Spielraum lassen müsse. Anstatt bis ins Detail vorzuschreiben, wie die Energiewende umzusetzen ist, sollte die Ampel kreative Energien in der Bevölkerung freisetzen.

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Um nach der Sommerpause eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen, regt Hurrelmann eine Volksbefragung zu Klimaschutz und Heizungsgesetz an. Als positives Signal. Denn sonst, so befürchtet der Sozialforscher, wird sich die ungute Stimmung verfestigen: „In den nächsten drei Monaten muss die Regierung auf jeden Fall etwas machen – sonst rutscht das weg.” (dpa/mp)

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