Digitale Auszeit: Warum „Granny-Hobbys“ jetzt so beliebt sind

Eine Frau strickt.
Beim Stricken abschalten: Analoge Hobbys wie Handarbeiten helfen vielen Menschen dabei, dem digitalen Dauerstress zu entkommen.

Stricken, Backen, Gärtnern: Immer mehr Menschen sehnen sich nach einer Pause vom Dauer-Scrollen auf Handy und Tablet. Experten erklären, warum sogenannte „Granny-Hobbys“ entspannen – und sogar das Selbstwertgefühl stärken können.

Wer nur kurz auf die Uhr schauen will, landet oft direkt bei Instagram, Tiktok oder Youtube. Das Smartphone ist für viele zum ständigen Begleiter geworden. Doch gleichzeitig wächst der Wunsch nach digitalen Auszeiten.

„Die Möglichkeiten des Smartphones sind faszinierend“, sagt Zukunftswissenschaftler Prof. Ulrich Reinhardt. Unterhaltung, Informationen und Kontakt zu anderen seien jederzeit verfügbar. „Klar, dass viele ihre virtuelle Nabelschnur zum Handy nicht trennen wollen.“

Granny-Hobbys helfen gegen digitalen Stress

Doch genau das kann zum Problem werden. Laut der Münchner Therapeutin und Achtsamkeitstrainerin Johanna Bartels aktivieren soziale Medien und digitale Unterhaltungsangebote den sogenannten Sympathikus – also den Teil des Nervensystems, der uns wachsam und alarmiert hält.

„Durch überraschende Elemente, grelle Bilder und schnelle Bewegungen wird unsere Aufmerksamkeit ständig getriggert“, erklärt Bartels. Die Folge: dauerhafter Stressmodus.

Deshalb entdecken viele Menschen langsamere Beschäftigungen wieder für sich. Besonders seit der Corona-Pandemie boomen laut Reinhardt analoge Freizeitaktivitäten wie Zeichnen, Stricken, Nähen, Backen oder Gartenarbeit – oft auch als „Granny-Hobbys“ bezeichnet.

„Solche Tätigkeiten liefern weniger Reize und unser Nervensystem hat überhaupt erst wieder die Möglichkeit, in einen Entspannungsmodus zu kommen“, sagt Bartels.

Warum Granny-Hobbys dem Gehirn guttun

Analoge Hobbys sprechen oft mehrere Sinne gleichzeitig an: der Duft eines Kuchens, Erde an den Händen oder das Geräusch von Puzzleteilen. Das verankere Menschen stärker im Hier und Jetzt.

Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Wiederholende und vorhersehbare Tätigkeiten vermitteln Sicherheit. „Wir müssen dabei nicht in Habachtstellung sein“, sagt Bartels. Gerade in Krisenzeiten wachse die Sehnsucht nach Vertrautem und Überschaubarem.

Wer bei Google nach aktuellen Themen sucht, sieht neben den Suchergebnissen oft auch eine Box mit Schlagzeilen. Wenn Sie MOPO.de als bevorzugte Quelle hinterlegen, erscheinen unsere Inhalte häufiger in dieser Schlagzeilen-Box – verlässlicher Lokaljournalismus, aktuelle Nachrichten und wichtige Themen aus Hamburg direkt in Ihrem Überblick.

Hier MOPO.de als bevorzugte Quelle einstellen.

Dabei werde das parasympathische Nervensystem aktiviert – also der Entspannungsmodus des Körpers. Herzfrequenz und Atmung beruhigen sich. Und noch etwas spricht für die alten Hobbys: Sie stärken laut Bartels das Selbstwertgefühl. „Man kann mit dem eigenen Tun etwas bewirken und sich Freude verschaffen.“

Digitale Auszeit heißt nicht kompletter Verzicht

Trotzdem sieht Reinhardt keinen völligen Gegensatz zwischen analogen Hobbys und digitaler Welt. Viele Menschen informieren sich online über ihre Hobbys, tauschen sich mit anderen aus oder teilen ihre Ergebnisse im Netz. „Dieses Nebeneinander wird sich auch in Zukunft fortsetzen“, sagt der Wissenschaftler.

Das könnte Sie auch interessieren: Eisheilige abwarten: Diese Pflanzen dürfen jetzt noch nicht raus

So werden Granny-Hobbys nicht selbst zum Stress

Damit aus dem neuen Hobby kein Leistungsdruck entsteht, empfiehlt Reinhardt drei einfache Regeln:

  • Den eigenen Anspruch niedrig halten
  • Finanzielle Ausgaben begrenzen
  • Nicht alles ständig in sozialen Netzwerken posten

„Das Ziel muss bei Erholung, Neugier und Freude liegen, nicht bei Perfektion“, sagt er. Wer ein passendes Hobby sucht, sollte laut Bartels in die eigene Kindheit schauen: Was hat früher Spaß gemacht? Welche Farben, Materialien oder Gerüche lösen positive Gefühle aus? Oft entstünden daraus neue Ideen. Und dann gilt vor allem eins: einfach ausprobieren. (dpa/vd)