Der Bach-Detektiv: Wie Peter Wollny nach 300 Jahren „neue“ Bach-Werke fand
Vor 30 Jahren entdeckte Peter Wollny zwei unbekannte Musikstücke. Jetzt herrscht Gewissheit: Zwei anonyme Orgelwerke stammen tatsächlich von Johann Sebastian Bach. Ein Gespräch über eine jahrelange Spurensuche, die Entlarvung eines Schreibers und den Geniestreich eines Teenagers.
Für Musikfreunde war es eine Sensation: Kürzlich wurden in Leipzig zwei Orgelstücke aufgeführt, die von Johann Sebastian Bach stammen. Dass der berühmte Barock-Komponist der Urheber der zwei Kompositionen ist, konnte erst jetzt festgestellt werden.
Entdeckt hatte die zwei Stücke vor 30 Jahren der Musikwissenschaftler Peter Wollny – in der Königlichen Bibliothek in Brüssel. Er war es auch, der nachweisen konnte, dass die Stücke aus der Feder Bachs stammen. Wir haben mit ihm über seine fast schon kriminalistische Erkundung gesprochen – und darüber, wie er seinen Sensationsfund gefeiert hat.
Das Interview mit Bach-Forscher Peter Wollny
Sie haben nach 30 Jahren Forschungsarbeit zwei Orgelkompositionen eindeutig Johann Sebastian Bach zuordnen können. Wann dachten Sie das erste Mal: „Das könnte Bach sein”?
Vor zwei oder drei Jahren, aber ich habe den Gedanken sofort weggeschoben. Doch je mehr ich über die Handschriften herausfand, desto wahrscheinlicher wurde diese Möglichkeit. Irgendwann konnte ich es nicht mehr ignorieren. Mir war klar: Ja, das sind tatsächlich zwei Stücke von Bach.
Wann hatten Sie absolute Gewissheit?
Vor einigen Monaten. Als Wissenschaftler muss man vorsichtig sein. Bei solch schwerwiegenden Aussagen versuche ich, zwei völlig unabhängige Argumentationsstränge zu entwickeln. Der erste Strang war fast kriminalistisch: Ich wollte herausfinden, wer diese Handschriften überhaupt geschrieben hat –also gewissermaßen den Täter nach 300 Jahren ermitteln.
Und Sie hatten einen Verdächtigen?
Ja. Mir fiel ein Brief eines thüringischen Organisten aus dem Jahr 1727 in die Hände. Dieser Mann, Salomon Günther John, behauptete darin, er habe bei Bach in Arnstadt das Orgelspiel gelernt. Das wäre der allererste Bach-Schüler überhaupt. Die Handschrift ähnelte meinen Notenblättern, aber Handschriften verändern sich im Laufe eines Lebens. Das Schwierigste war also, eine Schriftprobe von John zu finden, die zeitlich nah an der Entstehung der Noten lag, also aus den frühen 1710er Jahren.
Und das ist Ihnen geglückt?
Vor ein paar Monaten, ja. Damit war eindeutig klar: John hat diese Noten geschrieben, als er in Arnstadt bei Bach lernte – also unter den Augen des Meisters. Das war das erste wichtige Argument.
Wie Peter Wollny die Bach-Urheberschaft klärte
Und der zweite Beweisstrang?
Der basierte auf der musikalischen Analyse. Es ist ähnlich wie in der Sprachwissenschaft: Es gibt Wörter oder Wendungen, die in einer Epoche Allgemeingut sind, und solche, die extrem selten vorkommen, vielleicht nur bei einem einzigen Autor. Gerade ein so experimentierfreudiger Komponist wie Bach hat oft entlegene musikalische Formulierungen gesucht. In den beiden Stücken kommen Dinge vor, die für das frühe 18. Jahrhundert eigentlich untypisch sind – außer eben für Bach.
Ein Beispiel?
Die beiden Stücke sind als „Chaconne“ bezeichnet. Das ist ein stilisierter Tanz, bei dem ein Bassthema aus wenigen Tönen immer wiederholt wird. Normalerweise variiert der Komponist nur die Oberstimmen. Aber in einem der Stücke nimmt der Komponist diese Bassfigur und verlegt sie plötzlich in die Oberstimme. Er konstruiert einen Kanon zwischen Bass und Oberstimme und nutzt die Basslinie schließlich sogar als Thema für eine vierstimmige Fuge. Diese Mischung der Gattungen und diese Raffinesse sind absolut untypisch für die Zeit, aber typisch für Bach. Er hat diese Tricks später in bekannten Werken wieder verwendet.
Wie muss man sich den Abend vorstellen, an dem Sie sagten: „Heureka, das ist es!“? Haben Sie eine Flasche Rotwein geöffnet?
Wahrscheinlich, ja (lacht). Aber der wichtigste Schritt war der Gang zu Kollegen und Freunden. Ich habe ihnen die Handschriften und meine Argumente präsentiert und gefragt: „Könnt ihr mir folgen oder ist das totaler Quatsch?“ Erst als ich dort Bestätigung erhielt, dass meine Herleitung plausibel ist, haben wir uns entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen.
Wo haben Sie die Werke überhaupt gefunden?
In der Königlichen Bibliothek in Brüssel. Ich hatte sie dort schon im Sommer 1992 als Student in der Hand. Aber damals fehlte mir noch das Wissen, um sie einzuordnen.
Wie ordnen sich diese Werke in Bachs Schaffen ein?
Es sind sehr frühe Stücke. Eines ist wohl um 1701/1702 entstanden, das andere um 1704/1705. Wir sprechen hier also von Werken eines Teenagers – Bach war zwischen 16 und 19 Jahre alt. Sie zeigen uns, wie rasant seine Entwicklung vom begabten jungen Musiker zum genialen Komponisten verlief.
Bach war schon als Teenager ein Genie?
Absolut. Was ihn von anderen unterscheidet, ist, dass er schon mit 15 oder 16 Jahren versuchte, etwas Eigenes, Neues zu schaffen. Er begnügte sich nicht damit, existierende Gattungen stilgerecht nachzuahmen. Selbst wenn er das Handwerk noch nicht zu 100 Prozent beherrschte, wollte er immer ausscheren und die Musik in neue Richtungen lenken.
Verändert dieser Fund unser Bild von Bach?
Das Bild wird ergänzt und konkreter. Wir müssen nicht alles neu schreiben, aber es bestätigt die Forschung der letzten Jahrzehnte, die den „jungen Bach“ erst richtig entdeckt hat.
Gibt es konkrete Hoffnung, dass das Bachwerke-Verzeichnis weiter wächst?
Konkret steht nichts vor der Tür. Aber dieser Wunsch, diese Vorstellung, irgendwann noch etwas Unbekanntes von Bach zu finden – das ist das, was jeden Bachforscher am Leben hält.
Dieses Interview erschien zunächst auf NOZ.de.
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