Japanische Rentner

Japanische Rentner Foto: picture alliance / Everett Kennedy Brown/EPA/dpa

Boomer und Rente: Wie schafft es das alternde Japan, sein System am Laufen zu halten?

kommentar icon
arrow down

Die Boomer gehen in den Ruhestand, die Rente wackelt: Mit dem, was Deutschland Kopfzerbrechen bereitet, muss Japan schon lange umgehen. Wie sorgt man für eine funktionierende Alterssicherung in einer Gesellschaft, die immer älter wird? 

Tagtäglich schrillen die Alarmglocken: Weil immer weniger Beitragszahler immer mehr Rentner schultern müssen und jetzt auch noch die Boomer-Jahrgänge in den Ruhestand gehen, gilt das deutsche Rentensystem als kaum mehr finanzierbar. Ein Problem, das Japan schon seit Langem kennt, und zwar in noch brisanterem Ausmaß. 

In der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt sind die Geburtenraten seit Jahrzehnten äußerst niedrig, die Lebenserwartung dagegen ist sehr hoch. Eine Zuwanderung junger Arbeitskräfte findet nur in verschwindend geringem Maße statt. Mittlerweile ist mehr als jeder zehnte Japaner älter als 80 Jahre. Wie funktioniert es da mit der Rente – und kann Deutschland sich womöglich etwas abschauen?

Eine Grundrente für alle

Die staatliche Rentenversicherung in Japan basiert auf zwei Säulen. Zum einen gibt es die „Volksrente“, eine Art Grundsicherung. Jeder, der seinen Wohnsitz in dem Land hat und zwischen 20 und 59 Jahren alt ist, zahlt dafür einen fixen monatlichen Beitrag, der zurzeit auf 17.510 Yen festgelegt ist, umgerechnet rund 97 Euro. Geringverdiener können eine teilweise oder auch komplette Befreiung von diesem Beitrag beantragen. 

Das offizielle Renteneintrittsalter in Japan liegt bei 65 Jahren; ein Renteneintritt ist auch schon mit 60 möglich, allerdings mit Abschlägen. Unterm Strich bekommen Rentner aus dem Volksrenten-Topf bis zu 831.700 Yen im Jahr, was nach aktuellem Wechselkurs 4605,95 Euro entspricht, also knapp 384 Euro im Monat. Diesen Höchstbetrag bezieht allerdings nur, wer über die kompletten 40 Jahre eingezahlt hat.

Rente in Japan: Alle zahlen ins selbe System ein

Dazu kommt als zweite Säule die Arbeitnehmer-Rentenversicherung, die 18,3 Prozent vom Bruttogehalt beträgt und die sich, ähnlich wie in Deutschland, Arbeitgeber und -nehmer teilen. Im Unterschied zu Deutschland zahlen in Japan seit 2015 auch alle Beschäftigten im Öffentlichen Dienst in diese Versicherung ein, die allerdings nur für Betriebe mit mindestens fünf Mitarbeitern verpflichtend ist. Auch für Teilzeitstellen oder Jobs mit sehr geringen Löhnen gibt es Ausnahmen. 

Beide Säulen der gesetzlichen Rentenversicherung machen im Schnitt rund 70 Prozent des Einkommens japanischer Rentner aus, dazu kommen gegebenenfalls Einkünfte aus privater Vorsorge oder Betriebsrente. Unterm Strich fällt die Rente nicht besonders üppig aus; auch weil die Löhne in Japan im Vergleich zu anderen Industrieländern eher niedrig sind. 

Auch liegt die sogenannte Nettoersatzrate, die das Verhältnis der Rente zum letzten Gehalt bemisst, in Japan deutlich unterhalb des Durchschnitts der OECD-Staaten. 2022 betrug sie gerade einmal 38 Prozent; in Deutschland waren es 59, in Portugal sogar 99 Prozent. Gemessen am Durchschnittsgehalt des gesamten Erwerbslebens liegt das Rentenniveau in Japan sogar bei nur 32,4 Prozent.

Es geht nicht nur um Fleiß und Arbeitsmoral

2023 lag die Durchschnittsrente bei rund 830 Euro. Für viele Menschen reicht es nicht zum Leben – mehr als die Hälfte aller Anträge auf Sozialhilfe werden in Japan von Senioren gestellt, und jeder fünfte Japaner über 65 Jahren gilt offiziell als arm. Die Bereitschaft vieler älterer Menschen, über das offizielle Rentenalter hinaus zu arbeiten, ist daher nicht bloß eine Frage der Mentalität, sondern schlicht der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Daher ist jeder vierte Rentner in Japan noch erwerbstätig, von den Unter-70-Jährigen sogar jeder zweite. 

Um dies zu fördern, hat die Tokioter Regierung während der Corona-Pandemie Anreize für Unternehmen geschaffen, Menschen bis zum Alter von 70 Jahren zu beschäftigen – im Grunde ähnlich wie die von der Bundesregierung geplante Aktivrente. Kritiker weisen aber darauf hin, dass japanische Unternehmen diese älteren Arbeitnehmer – auch dann, wenn es sich um langjährige Mitarbeiter handelt – oft mit neuen und weit schlechteren Arbeitsverträgen ausstatten. Nicht selten verzichten sie auf bis zu 60 Prozent Lohn. 

Ohne Steuermittel funktioniert es auch in Japan nicht

Gemessen an der Wirtschaftsleistung gibt Japan ähnlich viel Geld für die Rente aus wie Deutschland, nämlich insgesamt rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ohne staatliche Zuschüsse kommt auch das japanische Rentensystem nicht aus: Etwa ein Fünftel der Ausgaben der Rentenkassen werden durch Haushaltsgelder abgedeckt. Jährlich fließen umgerechnet rund 55 Milliarden Euro aus Steuermitteln in das System, das zusätzlich durch den 1,5 Billionen Euro schweren staatlichen Pensionsfonds – der weltweit zweitgrößte seiner Art– gestützt wird.

Das japanische Rentensystem steht also nicht unmittelbar vor dem Kollaps, ist aber auch nicht auf allzu großen Wohlstand im Alter ausgelegt. Und weil sich die „Überalterung“ der japanischen Bevölkerung künftig eher noch beschleunigen wird, wächst auch der Reformdruck massiv. 2020 wurde ein Rentenpaket verabschiedet, das die Möglichkeit schafft, bis 75 zu arbeiten und somit auch höhere Rentenansprüche zu erwerben. Zudem sollen auch Ausnahmen bei der Beitragspflicht entfallen. 

Um das System wirklich zukunftsfähig zu machen, halten Studien aber eine Verschiebung des Renteneintrittsalters oder eine weitere Absenkung des Rentenniveaus für kaum vermeidbar. Davon nehmen die Regierungen in Tokio bislang allerdings noch Abstand. Auch in Japan, das seit 1955 fast ausschließlich von derselben Partei (Liberaldemokraten) regiert wird, lassen sich Wahlen mit solchen Schritten vermutlich nur schwer gewinnen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf NOZ.de.

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
test