Wende im Ukraine-Krieg: Putins „Endspiel” hat begonnen
Wladimir Putin herrscht seit mehr als einem Vierteljahrhundert im Kreml. Doch ausgerechnet in dem Moment, in dem der US-Präsident versucht, ihm den Weg zur militärischen Vorherrschaft über Europa zu ebnen, gerät seine Macht im Inneren ins Wanken. Putins politischer Überlebenskampf hat begonnen.
Vier Jahre nach der Vollinvasion in die Ukraine steht Putins Herrschaftssystem erkennbar an einem Scheideweg. Selbst bei staatlich kontrollierten Umfrage-Instituten wie Viziom halten nur noch 31 Prozent ihren Präsidenten für „vertrauenswürdig”. Vor vier Jahren waren es noch 44 Prozent. Die „militärische Spezialoperation” im Nachbarland hat den mutmaßlich reichsten Oligarchen Russlands also viel Vertrauen gekostet – aller Propaganda zum Trotz.
Drohnenangriffe bis tief in den Ural
Und das Vertrauen dürfte noch weiter schwinden. Denn der Krieg ist inzwischen voll in Russland angekommen. Im März hat die Ukraine erstmals mehr Raketen und Drohnen nach Russland geschickt als umgekehrt. Getroffen wurden vor allem Rüstungsfabriken sowie Öl- und Gas-Infrastruktur bis tief in den Ural. Die Erdöl-Raffinerie in der Hafenstadt Tuapse am Schwarzen Meer wurde gleich mehrfach getroffen, dort fiel schwarzer Regen vom Himmel.
Russland ist zu groß, als dass es sich lückenlos gegen Langstrecken-Drohnen schützen ließe. Und böse Zungen behaupten, die meisten noch funktionierenden Flugabwehr-Anlagen würden dazu gebraucht, um die Residenzen Putins im ganzen Land zu schützen. Moskau gilt zwar als gut geschützt, aber auch die dortige Luftabwehr lässt sich überlisten, wie ein Drohneneinschlag in einer Moskauer Luxusresidenz im Zentrum der Stadt jüngst zeigte.
Die Parade zum 9. Mai wird „kastriert”
Die Situation wird vom Kreml wohl als so gefährlich eingeschätzt, dass die Siegesparade über Nazi-Deutschland zum 9. Mai radikal abgespeckt wird. Panzer und Raketen sollen diesmal gar nicht zu sehen sein, prominente Besucher wie sonst üblich werden nicht erwartet. Das ist ein überraschendes Eingeständnis der Schwäche. Immerhin hat Putin die Parade immer genutzt, um den Patriotismus zu schüren und (ungerechtfertigte) Parallelen zwischen dem Zweiten Weltkrieg und seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine zu ziehen.
Aber nicht nur das. Putin sah sich gezwungen, für den 8. und 9. Mai einen einseitigen Waffenstillstand auszurufen – in der Hoffnung, dass die Parade ohne peinliche Zwischenfälle ablaufen kam. Die Ukraine reagierte geschickt: Präsident Wolodomyr Selenskyj rief eine einseitige Waffenruhe für den 6. und 7. Mai aus. Sollte sich Russland daran halten, werde man den Waffenstillstand auch bis zum 9. Mai verlängern, so Selenskyj. Könnte eine solche Waffenruhe der Beginn ernsthafter Verhandlungen sein? Viele Experten zweifeln daran – und erste Meldungen deuteten darauf hin, dass die Waffen an der Front bisher nicht wirklich schweigen.
Putin verkriecht sich die meiste Zeit in Bunkern
Doch die demütigenden Umstände der diesjährigen Siegesparade sind wohl gar nicht Putins größtes Problem. Wie US-Medien unter Berufung auf europäische Geheimdienste berichten, fürchtet Putin um sein eigenes Leben. Er soll sich inzwischen 70 Prozent seiner Zeit in gut geschützten Bunkern aufhalten. Er fürchte sich offenbar vor ukrainischen Angriffen – immerhin hatte Kiew in den vergangenen Jahren immer wieder hohe russische Militärs mit Anschlägen ausgeschaltet.
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Die noch größere Angst scheint Putin aber vor einem Angriff von innen zu haben. Deshalb wurden nun in den Privaträumen von engen Mitarbeitern Überwachungsanlagen installiert. Putins Köche, Fotografen und Leibwächter dürfen keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen. Besucher des Kremlherrschers werden zweimal durchsucht. Wer nahe bei Putin arbeitet, darf keine Telefone mit Internetzugang benutzen. Für einen möglichen Putsch wird ausgerechnet der Name des ehemaligen Verteidigungsministers Sergei Schoigu genannt. Dieser gilt als gut vernetzt mit den Moskauer Eliten und mit dem Militär. Aber es gibt sicher auch noch andere Kandidaten, hinter der sich die russische Elite versammeln könnte.
Putin bleiben kaum noch Optionen
Putins Vorsicht erscheint also durchaus angebracht. Aus dieser Situation kann er sich nur noch schlecht befreien. Dazu müsste er wohl den Krieg in der Ukraine schnell gewinnen – was völlig ausgeschlossen ist – oder einem Nachfolger das Amt übergeben, der für seinen künftigen Schutz sorgt. In jedem anderen Fall scheinen die Tage des international gesuchten Kriegsverbrechers gezählt. Die Welt dürfte ein bisschen besserer Ort sein, wenn Putin eines Tages nicht mehr im Kreml sitzt.