Die Parteichefs Alice Weidel (l.) und Tino Chrupalla schauen dem korrupten Treiben ihrer Funktionäre offenbar tatenlos zu.

Die Parteichefs Alice Weidel (l.) und Tino Chrupalla schauen dem korrupten Treiben ihrer Funktionäre offenbar tatenlos zu. Foto: picture alliance / dts-Agentur

Vetternwirtschaft & Co.: Die AfD tut genau das, was sie vorgibt zu bekämpfen

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Die AfD ist sich sicher: Nichts und niemand wird uns aufhalten, irgendwann werden wir regieren! Doch ausgerechnet zum Auftakt des „Superwahljahrs“ 2026 mit fünf Landtagswahlen verrutscht die scheinbar bürgerliche Maske der Partei ganz gewaltig. Sie macht mit Vetternwirtschaft, Machtkämpfen und himmelschreiender Dummheit auf sich aufmerksam. Das könnte noch Folgen haben.

Die „Altparteien“ machen keine Politik für die Bürger, sondern sind nur damit beschäftigt sich aus staatlichen Töpfen zu bereichern. Das ist eine der Haupt-Erzählungen der AfD, die sie bisher weit gebracht hat – auch wenn die AfD selbst auch schon durch dubiose Finanzgebaren aufgefallen ist. Umso peinlicher, dass die Partei nun selbst mit ausufernder Vetternwirtschaft zu kämpfen hat – in mehreren Landesverbänden und im Europaparlament. Am brisantesten ist der Fall in Sachsen-Anhalt, wo AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund offenbar ein Versorgungssystem aufgebaut hat, von dem führende Abgeordnete und Funktionäre profitieren.

„Familiennachzug“ auf AfD-Art

Das Prinzip ist dabei meistens eine Über-Kreuz-Anstellung: Wenn du meiner Mann in deinem Büro einen Job gibst, stelle ich im Gegenzug deine Schwägerin in meinem Büro an. Auf diese Weise soll Siegmunds Vater zu einem Job im Büro eines AfD-Bundestagsabgeordneten gekommen sein, der mit mehr als 7700 Euro im Monat dotiert ist. Der AfD-Politiker spielt die Sache herunter und äußert sich nicht weiter.

Doch in der Partei löst nicht nur dieser Fall Kopfschütteln aus. Co-Parteichef Tino Chrupalla musste bei „Miosga“ zugeben, dass die Sache in Sachsen-Anhalt ein „Geschmäckle“ hat. Der rechte Publizist und AfD-Vordenker Götz Kubitschek wird noch deutlicher: Es gebe nichts schönzureden, schrieb er. Der Schaden sei schon entstanden, die Glaubwürdigkeit der AfD habe Risse bekommen. „Tünche reicht nicht, aufräumen muss man“, befand er.

Die Hälfte der Bundestagsabgeordneten ist betroffen

Da gibt es allerdings einiges zu tun. Denn ähnliche Vorwürfe der Vetternwirtschaft gibt es auch in Brandenburg und Niedersachsen. Und im Bundestag. Wie n-tv berichtet, geht selbst der AfD-Fraktionsvorstand davon aus, dass etwa die Hälfte der 151 AfD-Abgeordneten in Berlin „direkt oder indirekt“ von diesen Über-Kreuz-Anstellungen betroffen sind. Im Fall von Niedersachsen besonders brisant: Die Anschuldigungen gegen den Landesvorstand kommen von den eigenen Mitgliedern. Die haben einen Brief an Parteichefin Alice Weidel geschrieben: sie möge bitte im Landesverband aufräumen. Weidel hat sich fürs Erste darauf hinausgeredet, sie könne sich noch kein abschließendes Bild machen. Das verstärkt den Eindruck, die Parteiführung schaue dem korrupten Treiben der eigenen Funktionäre tatenlos zu. Im Europaparlament ist (mal wieder) die Immunität des ehemaligen AfD-Spitzenkandidaten Petr Bystron aufgehoben worden. Der Vorwurf diesmal: Byston soll in seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter eine Putzkraft für seine Privatgemächer aus Steuergeldern bezahlt haben.

Als sei dies aus Sicht von AfD-Sympathisanten nicht alles schon ärgerlich genug, bröckelt langsam auch die politische Einigkeit. Beispielsweise in der Außenpolitik: Während Chrupalla ungeniert russische Propaganda-Märchen verbreitet und unverkennbar auf den Kreml als künftigen Partner setzt, ist bei Weidel weiterhin die große Nähe zu Donald Trump nicht zu übersehen.

Differenzen in der AfD über die Wehrpflicht

Noch krasser sind die Differenzen bei manchen innenpolitischen Themen. Beispielsweise bei der Wehrpflicht. Nun sollte man glauben, dass selbst ernannte Patrioten es in Ordnung finden, wenn das Land wehrbereit ist. Und der verteidigungspolitische Sprecher der AfD im Bundestag, Rüdiger Lucassen, sieht das auch so. Er kritisierte deshalb kürzlich eine Rede von Björn Höcke, der im Thüringer Landtag mit Blick auf die Wehrpflicht sinngemäß erklärt hat, dass es dieses Deutschland nicht wert sei, verteidigt zu werden. Doch die öffentliche Kritik Lucassens daran wollte Höcke nicht auf sich sitzen lassen, und erwirkte eine offizielle „Missbilligung“ durch den Parteivorstand. Der Konflikt steht wohl stellvertretend für einen Richtungskampf in der AfD – zwischen denen, die den bestehenden Staat an einigen Stellen in ihrem Sinne verändern wollen und denen, die das ganze System umstürzen wollen.

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Und dann hat die AfD auch noch Personen in ihren Reihen, die aus Geltungssucht und Ignoranz die Partei blamieren und fleißig Argumente für ein mögliches Verbotsverfahren liefern – wie den Bundestagsabgeordneten Matthias Moosdorf. Der schwadronierte kürzlich bei X darüber, dass man auch in Deutschland Richter verhaften könne und solle (siehe Tweet rechts oben). Als sei dies nicht schon schlimm genug, bezog es sich auch noch auf angebliche Verhaftungen in den USA. Zwar muss man Trump grundsätzlich alles zutrauen, aber in diesem Fall war Moosdorf eindeutig Fake News aufgesessen. Moosdorf löschte den Tweet nach einigen Stunden zwar wieder, der Verfassungsschutz wird es trotzdem interessiert zur Kenntnis genommen haben.

In den Umfragen stagnierte die AfD zuletzt

Die AfD ist also ausgerechnet zu Beginn des Jahres in schlechter Verfassung, in dem sie eigentlich mindestens nach einem Ministerpräsidenten-Posten greifen wollte. Auch in den Umfragen macht sich die Unruhe inzwischen bemerkbar: Die AfD stagniert seit einiger Zeit, die Union ist bereits seit Wochen wieder die stärkste Kraft im Land. Die AfD wäre nicht die erste rechte Bewegung, die mit großen Versprechen Erfolge erzielt – und dann durch eigene Dummheit und  Korruption alles wieder zunichtemacht.

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