Social Media-Verbot bis 16? Das digitale Zeitalter braucht Leitplanken!
Waren Sie heute schon bei Facebook, Instagram oder TikTok unterwegs? Nein? Ihre Kinder, Enkel, Neffen oder Nichten vermutlich schon. Eine Stunde, 41 Minuten verbringen die Deutschen im Schnitt pro Tag in den digitalen Netzwerken – die jüngeren Generationen deutlich mehr. Tendenz steigend. Zu viel, sagt nun sogar der Bundeskanzler und zeigt „Sympathie“ für ein Social-Media-Verbot bis 16 Jahre. Die Idee ist richtig. Ein solcher Schritt sollte auf dem Weg zur digitalen Souveränität aber nur der Anfang sein.
Warum überhaupt Heranwachsende von den sozialen Medien ausschließen? Dort findet doch ein Teil ihres Soziallebens statt, Scrollen macht Spaß – und gehört es heutzutage nicht auch zur Selbstverwirklichung, sich dort auszudrücken? Kann man so sehen. Dagegen stehen allerdings Befunde wie die dramatische Zunahme bei Angststörungen, Depressionen und Schlafstörungen, die durch den Konsum dieser Medien verstärkt oder ausgelöst werden können – nicht nur, aber vor allem bei Jugendlichen. Nicht nur Lehrer berichten von abnehmender Konzentrationsfähigkeit und mangelnder Sozialkompetenz bei Heranwachsenden. Über die Auswirkungen von Gewaltdarstellungen und Pornografie auf heranwachsende Gehirne ist da noch gar nichts gesagt.
Die Spielregeln von Social Media sind undurchsichtig
Das Problem liegt in der Funktionsweise der Plattformen: Sie sind allesamt darauf ausgelegt, ihre Nutzer möglichst lange bei der Stange zu halten. Dies geschieht über automatisch startende (meist kurze) Videos, polarisierende Inhalte und andere psychologische Tricks. Hintergrund: Je länger Nutzer verweilen, desto mehr Werbung bekommen sie angezeigt und desto mehr Geld verdienen die Tech-Giganten. Nach welchen Kriterien dies bei Instagram, TikTok & Co. genau passiert, ist nicht klar. Der dahinterstehende Algorithmus der meist amerikanischen Unternehmen ist großteils geheim. Und eine Selbstkontrolle bei Gewaltdarstellungen und Extremismus funktioniert bestenfalls unbefriedigend. Es zählt der Kick. Anders ausgedrückt: Den Betreibern der sozialen Medien ist egal, was ihr Produkt womöglich in jungen Köpfen anrichtet – sie interessieren sich vor allem für ihre Profite.

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Könnte man die sozialen Medien nicht zwingen, schädliche, süchtig machende Praktiken abzustellen, statt gleich Verbote zu verhängen? Facebook muss sich genau deshalb gerade vor einem US-Gericht verantworten. Leider funktioniert eine Regulierung der sozialen Medien auf EU-Ebene bis heute nicht besonders gut. Zum einen liegen die Hoheit und das Wissen über die Social-Media-„Spielregeln“ bei den Plattformen in den USA, zum anderen droht die Regierung von Donald Trump immer wieder mit Konsequenzen, sollte Europa die digitalen Netze zu stark regulieren.
Suche nach neuen Wegen im Jugendschutz
Die deutsche Politik denkt deshalb schon länger über Wege nach, wie sie dem Jugendschutz besser Geltung verschafft. Schleswig-Holsteins CDU-Ministerpräsident Daniel Günther will ein komplettes Verbot bis 16 Jahre. Vorbild ist Australien, wo kürzlich Millionen Accounts von unter 16-Jährigen stillgelegt wurden.
Kanzler Friedrich Merz (CDU) signalisierte nun auch seine Zustimmung für ein entsprechendes Verbot, nachdem er sich lange darauf berufen hatte, „kein Freund von Verboten“ zu sein. Die SPD hatte das Thema da schon besetzt. Sie schlägt u.a. eine Art Light-Version der Plattformen für 14- und 15-Jährige vor: Für ihre Eltern soll es die Möglichkeit geben, selbst über die angezeigten Inhalte mitzubestimmen. Im Prinzip eine gute Idee.
Verbot würde Eltern neue Argumente an die Hand geben
Es sieht also so aus, als könnten sich die Regierungsparteien relativ schnell einigen. Aber würde ein Verbot auch die Probleme lösen? Wie jedes Verbot könnte auch dieses umgangen werden. In Australien tricksen Jugendliche die Gesichtserkennung mit Schminke und Grimassen aus. Trotzdem: Ein Verbot würde Eltern ein weiteres Argument an die Hand geben, warum das Handy beim Abendbrot nichts zu suchen hat. Und es würde ein Bewusstsein dafür schaffen, dass soziale Medien – wie andere Rauschmittel – eigentlich mit Vorsicht zu genießen sind.
Natürlich würden viele Jugendliche die Regelung erst mal als Zumutung begreifen. Sie werden bis 16 dann andere Wege finden (müssen), ihren Blick auf die Welt, ihre Wünsche und Ängste auszudrücken, als auf Social Media. Die Gesellschaft könnte aber davon profitieren, wenn wieder mehr miteinander gesprochen oder gespielt würde.
Wir brauchen unsere eigene digitale Infrastruktur
Es wird in jedem Fall höchste Zeit, dass wir digitale Leitplanken für das 21. Jahrhundert einziehen. Jugendschutz und das Vermitteln von Medienkompetenz können da aber nur der Anfang sein. Auch radikalere Maßnahmen sollten zumindest diskutiert werden. In Anbetracht der rechten Propaganda-Kloake, die beispielsweise Elon Musk aus X – ehemals Twitter – gemacht hat, muss doch darüber gesprochen werden, ob Europa weiter von ausländischen Plattformen abhängig bleiben will. China hat – wenn auch aus falschen, autoritären Motiven heraus – die US-Plattformen einfach nachgebaut und die amerikanischen verboten. Die chinesischen Apps funktionieren nun nach chinesischen Regeln. Und auch die USA wissen, dass die staatliche Souveränität heute damit beginnt, dass keine feindlich gesinnten Akteure den entscheidenden Zugriff auf die öffentlichen Kommunikationsräume haben. Trump hat das chinesische TikTok-Mutterunternehmen (auch) deshalb gezwungen, seinen US-Ableger an ein amerikanisches Unternehmen zu verkaufen.
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Warum sollte Europa die Dinge bei dem Thema also nicht auch selbst regeln? Zumal die Frage auch mit der Zukunft der Demokratie, einer freien Gesellschaft und damit wohl auch dem Wohlstand verknüpft ist. Ein Social-Media-Verbot bis 16 könnte also ein erster Schritt hin zu mehr Reife und Umsicht im Umgang mit den Plattformen sein.
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