Peinliche Stille: Wenn Irans Freiheitskampf nicht ins linke Weltbild passt
Stell dir vor, es ist Revolution – und keiner sieht hin. Stell dir vor, Frauen riskieren ihr Leben, weil sie ihr Haar zeigen – und niemand steht neben ihnen. Stell dir vor, ein Volk kämpft für Freiheit, Würde und Selbstbestimmung – und ausgerechnet jene, die sonst so schnell Solidarität einfordern, bleiben still.
Hunderttausende protestieren, über 18.000 Menschen wurden verhaftet, Menschenrechtsorganisationen sprechen von mehr als 2500 Toten – und inzwischen drohen die ersten Hinrichtungen von Demonstrierenden. Seit Ende Dezember wankt die Islamische Republik Iran.
Hunderte für den Iran, Zehntausende für Gaza
Was als wirtschaftlicher Protest begann, ist ein offener Aufstand gegen religiösen Zwang und staatlichen Terror. Es geht um genau jene Werte, auf die sich progressive Milieus hierzulande sonst berufen.
Und doch: In Hamburg kamen am vergangenen Sonntag gerade einmal wenige Hundert Menschen zu einer Solidaritätskundgebung. Auf den Social-Media-Kanälen der Linken findet sich kaum mehr als höfliches Pflichtprogramm. Promis aus dem linken Milieu, die sonst so gerne für Demokratie und Menschenrechte einstehen, sind still, während Künstler und Studenten im Iran ihr Leben riskieren für ein bisschen Freiheit. Kein Aufschrei, keine Mobilisierung, kein Momentum.

Der Kontrast zu Gaza ist frappierend. Dort reichten Stunden, um Massen zu bewegen, Camps zu errichten, Profile umzufärben – und zwar nach dem Angriff der Hamas auf Israel, bei dem gezielt Zivilisten ermordet, massakriert, vergewaltigt und entführt wurden.
Auf der Moorweide stand monatelang ein Protestcamp, getragen von antiimperialistischen Gruppen. Begleitet wurden die Proteste nicht selten von Parolen wie „From the river to the sea“, die Israels Existenzrecht negierten. Solidarität wurde laut, moralisch, kompromisslos inszeniert. Für den Iran hingegen bleibt sie verhalten, fast schamhaft.
Der Feind meines Feindes: ein Freund?
Diese Asymmetrie ist kein Zufall. Sie folgt einem alten Reflex: Entscheidend ist nicht, wie ein Regime mit seinen Menschen umgeht, sondern gegen wen es steht. Ist es antiwestlich, antiamerikanisch oder antiisraelisch, wird es aus postkolonialen Denkmustern milder beurteilt. Dass im Iran Frauen entrechtet, Homosexuelle hingerichtet und Oppositionelle gefoltert werden (wie übrigens auch in Gaza unter der Hamas), passt nicht ins ideologische Raster. Also schweigt man lieber, als das eigene Weltbild zu irritieren.

Diese Blindheit hat Tradition. Schon 1979 verklärten westliche Intellektuelle Ayatollah Khomeini als spirituellen Befreier gegen „Imperialismus“ und „Verwestlichung“, als moralische Alternative zum liberalen Westen. Dass daraus eine brutale Theokratie entstand, wurde verdrängt.
Dieses Denken wirkt bis heute fort – nur leiser, verklausulierter, moralisch verkleidet. Wer den politischen Islam kritisiert, gilt schnell als „islamfeindlich“. Wer iranische Freiheitsbewegungen unterstützt, stört das antiimperialistische Narrativ.
Trump, Pahlavi und die Angst vor der falschen Seite
Unbequem wird es zusätzlich, weil die Realität nicht sauber ist. Donald Trump fordert den Sturz der Mullahs. Israel würde mit am meisten von einem Fall des Regimes in Teheran profitieren. Reza Pahlavi, Sohn des 1979 von Khomeini gestürzten Schahs, gilt Teilen der Protestbewegung als Hoffnungsträger. Für viele Linke ist das toxisch: Trump, Israel, Monarchie. Doch Demokratisierung verläuft nie sauber. Sie beginnt oft im Chaos, mit widersprüchlichen Hoffnungen, inmitten eines Machtvakuums, das konterrevolutionär gefährdet ist. Deshalb suchen Gesellschaften in Umbruchphasen nach Symbolfiguren.
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Wer darauf wartet, dass eine Freiheitsbewegung perfekt ins eigene Weltbild passt, unterstützt am Ende gar keine. Wer bei Gaza brüllt, aber beim Iran schweigt, zeigt: Seine Empörung ist nicht universell, sondern selektiv. Fortschritt beginnt dort, wo man den eigenen Maßstab ernst nimmt – auch dann, wenn er unbequem wird.
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