Ein Motiv vom Kölner Karneval: Während Wladimir Putin momentan viele Demütigungen hinnehmen muss, läuft es für Wolodomyr Selenksyj umso besser.

Ein Motiv vom Kölner Karneval: Während Wladimir Putin momentan viele Demütigungen hinnehmen muss, läuft es für Wolodomyr Selenksyj umso besser. Foto: picture alliance/dpa | Christoph Reichwein

Putin unten durch, Selenskyj oben auf: Europa sortiert sich neu

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Im Schatten des Iran-Konflikts läuft fast unbemerkt auch der Krieg in der Ukraine weiter. Dort ändern sich die Rollen der Konfliktparteien aber immer stärker: Während die Ukraine weltweit neue Freunde sammelt, erwarten Wladimir Putin höchst ungemütliche Zeiten. Europa steht währenddessen erstaunlich stabil da. Eine neue Ordnung für den alten Kontinent zeichnet sich ab. Es könnte schlechter laufen.

In Russland brennt der Baum. Selbst Putin hat nun öffentlich eingestanden, dass es der Wirtschaft schlecht geht. Minus 2,1 Prozent alleine im Januar (die meisten offiziellen Kennzahlen gelten als geschönt). Es stellt sich heraus, dass es doch kein so nachhaltiges Geschäftsmodell ist, jahrelang vor allem Kriegsgüter zu produzieren, die dann in der Ukraine zerstört werden. Da es auch militärisch schlecht läuft – eine „Frühlingsoffensive“ ist gerade verpufft –, ist die Unzufriedenheit in Russland groß.

Über Nacht zur einflussreichen Polit-Influencerin

Das ist an sich nicht neu. Neu ist allerdings, dass Kritik inzwischen offen geäußert wird – von Figuren, die sich bisher vor allem durch Systemtreue ausgezeichnet haben. In den Kriegsforen und Propaganda-Shows herrschen Wut und Verzweiflung. Aber nicht nur dort. Sogar die bisher völlig unpolitische, aber populäre TV-Größe und Influencerin Viktoria Bonja nahm sich Putin kürzlich zur Brust. „Sie machen den Menschen Angst“, sagte sie unter anderem in einem Video, an den russischen Präsidenten gerichtet. Bonja wurde damit über Nacht zur wohl einflussreichsten politischen Kommentatorin des Landes. Denn trotz gedrosselten Internets in Russland wurden ihre Worte millionenfach weiterverbreitet und diskutiert.


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Ähnlich viel Zuspruch fand kürzlich der Anwalt und Blogger Ilja Remeslo. Dieser war einst persönlich juristisch gegen den Oppositionellen Alexander Nawalny vorgegangen. Nun nennt er Putin in Posts einen „Kriegsverbrecher“ und „Dieb“, der Russland in einen „Sackgassenkrieg“ geführt habe. Remeslo wurde daraufhin – ganz in Sowjet-Manier – in eine psychiatrische Anstalt gebracht. Inzwischen ist er wieder frei und kritisiert nun die Zustände in diesen Anstalten. Was diese Entwicklungen für Putin so gravierend macht: Anders als seinen Kritikern hören die Russen den treuen Kreml-Propagandisten immer weniger zu. Beispielsweise schafft es der bekannte Kreml-Schmeichler Wladimir Solowjow mit fast täglichen Abendsendungen im Staats-TV bestenfalls noch mit seiner Sonntagsausgabe in die Top 100 der am meisten gesehenen Sendung des Landes.

Putins Lügen-Imperium zerfällt langsam

Während Putins Lügen-Imperium also langsam zerfällt, gelingt es seinem ukrainischen Gegenspieler Wolodymyr Selenskyj, wertvolle Punkte zu sammeln. Nach der Abwahl von Viktor Orbán in Ungarn erhält die Ukraine nun von der EU ein 90-Milliarden-Euro-Darlehen. Gleichzeitig ist Selenskyj in diesen Wochen weltweit als Handlungsreisender unterwegs, um strategische Partnerschaften und Geschäfte am Golf, in Europa oder im eigentlich russlandnahen Aserbaidschan einzufädeln. Er hat etwas anzubieten, was weltweit gefragt ist: Spitzen-Know-how bei der Drohnenabwehr und -entwicklung.

Wahrscheinlich ist es dieser „Joker“, der es der Ukraine momentan ermöglicht, nicht nur durchzuhalten, sondern ihre Position sogar zu verbessern. Vor dem Hintergrund, dass die Trump-USA ihre Unterstützung (womöglich bis auf bestimmte Geheimdienstinformationen) für die Ukraine inzwischen komplett eingestellt haben, ist dies ein erstaunlicher Befund, der Mut für die Zukunft machen sollte.

Europa macht militärisch langsam ernst

Dass die Ukraine – und damit auch der Rest des Kontinents – so stabil dasteht, ist auch ein Verdienst der EU. Sie hat die von den USA hinterlassene Lücke bestmöglich geschlossen und schreitet zwar langsam, aber stetig Richtung mehr Unabhängigkeit voran. Laut den jüngsten Zahlen des Friedensforschungsinstituts Sipri sind die Rüstungsausgaben in Europa 2025 um 14 Prozent gestiegen. Mehr als anderswo. Deutschland rüstet besonders stark auf. Aber nicht nur das. Auch an den Strukturen wird gearbeitet. Kürzlich berichtete das „Wall Street Journal“, dass die Europäer nun einen Notfallplan erarbeiten, für das Szenario, dass Trump amerikanische Soldaten aus Europa in einem Konfliktfall abzieht. Wer organisiert die Luft- und Raketenabwehr, wenn US-Offiziere plötzlich fehlen? Wer organisiert die Logistik? Wer hat das Oberkommando?

Der deutsche Kanzler hatte solche Überlegungen lange blockiert. Friedrich Merz (CDU) war bisher der Ansicht, man dürfe die Abschreckungswirkung der NATO nicht mindern, indem man öffentlich daran zweifelt, dass die Trump-USA vertragstreu sind. Inzwischen hat Merz offenbar umgedacht. Man ahnt wohl auch im Kanzleramt, was man anderswo in Europa bereits für sicher hält: Trump schmeißt Europa wie die Ukraine sofort „unter den Bus“, wenn es ihm nutzt. Darauf muss man vorbereitet sein.

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Dass Europa nun endlich zur weitgehenden Ent- und Geschlossenheit findet, ist ein gutes Zeichen. Denn nur so lässt sich unsere Sicherheit weiter garantieren, in einer Weltordnung, in der Russland aggressiv, die USA unzuverlässig und China wirtschaftlich skrupellos bleiben werden. Die gute Nachricht: Wir können auf unseren eigenen Beinen stehen. Und wir werden es in nicht allzu ferner Zukunft auch tun!

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