Nicht die Studenten sind das Problem – das System ist es
„Es sind auch viele an der Uni, die da gar nicht so viel verloren haben“, sagt Generationenforscher Rüdiger Maas. Die Debatte über arbeitslose Akademiker mündet inzwischen immer weiter in genau eine Richtung: Studenten-Bashing. Dabei trifft sie ausgerechnet jene Gruppe, die ohnehin kaum eine Lobby hat.
Der Hintergrund der Debatte: Immer mehr junge Akademiker finden nach ihrem Abschluss keinen Job. Die Zahl der unter 30-Jährigen mit Hochschulabschluss ohne Beschäftigung hat sich zwischen 2022 und 2025 nahezu verdoppelt. Gleichzeitig stellen viele Unternehmen weniger ein – wegen schwacher Konjunktur, technologischer Umbrüche etwa durch künstliche Intelligenz und wegen eines Arbeitsmarkts, der sich schneller verändert als viele Studiengänge.
Überfüllte Hörsäle, marode Gebäude und Bürokratie
Wer heute studiert, landet selten im akademischen Elfenbeinturm. Stattdessen auf der Tagesordnung: überfüllte Hörsäle, chronisch unterfinanzierte Institute und eine Bürokratie, die mehr Energie frisst als jedes Seminar. Gerade Erstakademiker, also Menschen, die als erste aus ihrer Familie studieren, kämpfen sich durch ein System, das hohe Erwartungen stellt, aber wenig Orientierung bietet. Parallel müssen viele Studierende arbeiten, um steigende Lebenshaltungskosten zu stemmen.
Die Kritik richtet sich trotzdem fast ausschließlich gegen die Studenten. Dabei liegt ein Teil des Problems im System selbst. Hochschulen und Förderer belohnen gute Forschung, nicht gute Lehre. Viele Dozenten und Professoren sind brillante Wissenschaftler – aber nie dafür ausgebildet worden, zu unterrichten. Und wenn immer häufiger behauptet wird, viele Studierende hätten an der Universität nichts verloren, hört man unter Studenten inzwischen eine bittere Gegenfrage: Ob nicht auch einige Dozenten dort sitzen, die dort eher fehl am Platz sind.
Bildungsgerechtigkeit oder „Black Box“ für Privilegierte?
Das Studium gilt weiterhin als Aufstiegsversprechen. In der Realität profitieren jedoch oft jene, die ohnehin über Netzwerke verfügen. Stipendienprogramme, eigentlich gedacht als Instrument sozialer Durchlässigkeit, wirken nicht selten wie Rekrutierungsräume für bereits privilegierte Milieus. Wer dagegen ohne akademischen Hintergrund an die Universität kommt, kämpft statt um Bestnoten um die eigene Existenz.
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Universitäten wurden jahrzehntelang politisch auf Wachstum getrimmt – bei gleichzeitig schrumpfender Finanzierung. Das Ergebnis ist ein System, das Masse produziert, Verantwortung aber nach unten delegiert. Und kaum wird das Geld knapp, verschwindet ausgerechnet dort der Gedanke sozialer Durchlässigkeit, der das Studium einst legitimierte. Wenn die Politik verhindern will, dass Studieren zum Selbstzweck wird, muss sie an mehreren Stellen ansetzen: Studiengänge stärker mit praktischer Anwendung verzahnen, Lehrkompetenz zum festen Bestandteil akademischer Laufbahnen machen und Studierenden durch angepasste BAföG-Sätze ermöglichen, sich wirklich auf ihr Studium zu konzentrieren.
Wer den Hochschulzugang als Aufstiegsversprechen propagiert, muss auch die Bedingungen dafür sichern – sonst bleibt von der viel beschworenen Bildungsgerechtigkeit am Ende nur ein Schlagwort.
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