Künstlicher V8, virtuelle Gänge: Hat Mercedes die Essenz des Sportwagens verloren?
1169 PS, künstlicher V8-Sound, virtuelle Gangwechsel und Formel-1-Technik: Der neue elektrische Mercedes-AMG GT 4-Türer sollte die Zukunft des Sportwagens zeigen. Im Netz erntet er stattdessen Spott und Häme. Negiert Mercedes damit die Essenz des Sportwagens endgültig?
Für die Weltpremiere fuhr Mercedes-AMG ganz groß auf. Die 6th Street Bridge in Los Angeles wurde zur Autobahn umgebaut, unter LED-Wänden und Schildern ohne Tempolimit sprinteten drei GT 4-Türer Richtung Sonnenuntergang, später stiegen Brad Pitt und George Russell aus, Blink-182 spielten zum Finale. Der neue elektrische Mercedes-AMG GT 4-Türer soll zeigen, wie der Sportwagen der Zukunft klingt, fährt und sich anfühlt. Ein Auto als Event, als Spektakel, als Hollywood-Erlebnis – und mit einem Preis von schätzungsweise knapp 200.000 Euro auch ein Statement.
Generierte Motorensounds bei Mercedes: Der Sportwagen als Rollenspiel
Doch kaum war die Show vorbei, folgte im Netz die Gegenbewegung. Auf Instagram, YouTube und Reddit sammelten sich Spott, Memes und „Kotz“-Emojis. Manche Nutzer schreiben, der Wagen sehe aus „wie ein chinesisches E-Auto von vor zehn Jahren“. Wie viele der hämischen Nutzer tatsächlich potenzielle Käufer sind, bleibt offen. Trotzdem zeigen die Reaktionen ein Problem, das größer ist als ein einzelnes Auto: Viele Fans haben das Gefühl, dass ausgerechnet Mercedes-AMG nicht mehr weiß, was einen Sportwagen eigentlich ausmacht. Denn ausgerechnet das Auto der Zukunft verbringt erstaunlich viel Energie damit, Vergangenheit zu simulieren.
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Der neue GT spielt V8-Sounds über Lautsprecher ein – basierend auf Aufnahmen eines AMG GT R mit Verbrenner –, imitiert Schaltvorgänge, erzeugt künstliche Zugkraftunterbrechungen und lässt den Fahrer (ohne technische Notwendigkeit) virtuelle Gänge wechseln. Alles, damit sich Elektropower wieder nach Verbrenner anfühlt. Mercedes versucht damit ein Kernproblem der E-Autos zu beheben: emotionale Distanz. Doch ausgerechnet das modernste AMG-Modell wirkt dabei erstaunlich nostalgisch. Statt die Eigenheiten des Elektroantriebs auszuspielen, simuliert Mercedes die Welt des Verbrenners. In den Augen der Enthusiasten wird der Sportwagen so zum Rollenspiel. Was früher mechanisch war, wird nun softwareseitig reproduziert. Der Fahrer wird Nutzer eines inszenierten Erlebnisses.
Der Sportwagen: Ein Marktsegment abseits der Rationalität?
Dabei ist der Sportwagen die letzte Reinform des Automobils. Der Fahrer als Pilot, das Auto als Ausdruck von Freiheit, Individualität und Kontrolle. Der Sportwagen war nie bloß funktionales Transportmittel, sondern immer auch Kulturobjekt und Gegenentwurf zur reinen Logik von Funktion und Effizienz. Genau diesen letzten Fluchtpunkt digitalisiert Mercedes jetzt. Währenddessen schlagen die Konkurrenten andere Wege ein.
BMW belebt im neuesten „Concept Car“ die Marke Alpina wieder und zeigt ein über fünf Meter langes V8-Coupé nach alter Schule. Unter der langen Haube arbeitet ein großvolumiger Achtzylinder, die Silhouette orientiert sich an klassischen Reisecoupés. Brabus geht mit dem rund 1 Mio. Euro teuren „Bodo“ noch weiter: V12-Biturbo, 1000 PS, lange Haube und klassische Reisecoupé-Proportionen. Beide Autos eint etwas Entscheidendes: Sie behandeln den Sportwagen als kulturelles Sehnsuchtsobjekt.
Die Haute Cuisine des Automobilbaus
Die deutsche Autoindustrie muss sich verändern. Elektroautos funktionieren hervorragend dort, wo Vernunft zählt: im Stadtverkehr, bei Lieferdiensten oder auf langen Pendelstrecken. Dort entscheiden Effizienz, Reichweite und Betriebskosten. Der Sportwagen aber war nie rational. Niemand braucht 1000 PS, aggressive Proportionen oder ein Auto, das in wenigen Sekunden auf Tempo 100 schießt. Der Sportwagen definierte sich immer über Stil, Dramatik und jene Irrationalität, die Begehrlichkeit erzeugt.
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Oder anders: Damit im Supermarkt zur Tiefkühlpfanne gegriffen wird, muss vor allem die Nährwerttabelle glänzen. Wenn ein Sternekoch sein Menü nach denselben Maßstäben entwickelt, ist er bald pleite – weil Haute Cuisine vom Herzen lebt. Der Sportwagen ist die Haute Cuisine des Automobilbaus. Mercedes will mit dem neuen AMG für Feinschmecker servieren – optimiert das Menü aber nach den Maßstäben der Systemgastronomie. Und am Ende vergeht selbst dem letzten Gourmet der Appetit.