Die Welt ist in Gefahr (Symbolbild). Foto: picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihmayer

Klimaschutz: Ignoranz oder Schwarzmalerei? Beides falsch!

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Weltweite Kriege, Sorgen um die Wirtschaft und Belastungen durch steigende Preise dominieren derzeit die Schlagzeilen und Umfragen. Dabei bestimmt eine „stille Krise“ maßgeblich die Zukunft der Menschheit: der Klimawandel. Die Politik reagiert auf das Problem bis heute teils mit Alarmismus, teils mit Verdrängung und Nichtstun. Beides ist falsch.

Zu denen, die nicht genug tun, gehört offensichtlich die Bundesregierung. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest der unabhängige Expertenrat für Klimafragen. Laut dem von der Regierung eingesetzten Gremium wird Deutschland seine Ziele bei der Senkung von Treibhausgasen bis 2030 deutlich verfehlen. Das im März beschlossene Klimaschutzprogramm reiche auf dem Weg zum selbst gesteckten Endziel „Klimaneutralität“ nicht aus, so die Experten, die Nachbesserungen fordern. Vor allem der Verkehrs- und Energiebereich sowie der Gebäudesektor bereiten Sorgen.

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) sieht hingegen lediglich eine „überschaubare Lücke“ zwischen dem eigenen Anspruch und den in der Praxis beschlossenen Maßnahmen. Das soll wohl heißen: Die Wissenschaftler sind ein bisschen zu aufgeregt, und wir werden keine radikalen Maßnahmen ergreifen, die die Bürger weiter verunsichern könnten. Man darf gespannt sein, ob der Kanzler und seine Minister ähnlich defensiv reagieren werden, wenn der Expertenrat demnächst eine Rentenreform vorschlägt, nach der die Menschen bis 70 arbeiten sollen. Vermutlich nicht.

Klimawandel: Experten kassieren ihr düsterstes Szenario

Gegner von mehr Klimaschutzmaßnahmen glauben, gerade Oberwasser zu haben. Forscher des „World Climate Research Programme“, die auch die UN-Klimaberichte verfassen, haben sich nun offiziell von ihrem düstersten Szenario verabschiedet: einer Erhitzung der Erde um bis zu fünf Grad bis zum Jahr 2100. Dieses Szenario werde nicht eintreten, unter anderem weil erneuerbare Energien weltweit massiv ausgebaut werden. Stärker als erwartet.


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Wer daraus jedoch Schlüsse wie US-Präsident Donald Trump zieht („Das ist der Beweis, dass sie schon immer gelogen haben“), liegt natürlich falsch: Die Forscher halten auch ihr optimistischstes Szenario einer Erwärmung um 1,5 Grad bis Ende des Jahrhunderts für kaum mehr erreichbar. Selbst eine Erwärmung von beispielsweise „nur“ drei Grad gilt bereits als dramatisch und existenzbedrohend.

Merkel mahnt, Klimaschutz nicht aufzuweichen

Es besteht also nach wie vor Handlungsdruck. Ausgerechnet Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) gibt nun die Vorkämpferin. Sie fordert, den Klimaschutz nicht zugunsten vermeintlicher Vorteile für die Wirtschaft aufzuweichen. Stattdessen müsse Kurs gehalten werden.

Auch bei der Einführung des Katalysators oder neuer Abgasnormen habe es im Vorfeld immer düstere Prophezeiungen gegeben. Am Ende habe es die Industrie aber immer geschafft und sei teilweise mit den Neuerungen auch an der Weltspitze gewesen. Das Thema Klimawandel werde jedenfalls nicht verschwinden: „Wir nähern uns eher den Kipppunkten, als dass es weniger relevant wird.“

Lauterbach will eine Notlage ausrufen

Deutlich radikaler ist Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) unterwegs. Er fordert von der Weltgesundheitsorganisation WHO, wegen der Erderwärmung eine „gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite“ auszurufen. Das ist zuletzt bei der Corona-Pandemie geschehen. Seine Begründung: Jährlich sorgten die Folgen der Verbrennung fossiler Brennstoffe in Europa (statistisch) für 600.000 Todesfälle, dazu kämen 60.000 Hitzetote. Es ergebe keinen Sinn, einfach weiter abzuwarten, so Lauterbach.

Ob derlei eher alarmistische Äußerungen wirklich hilfreich sind? Vermutlich nicht. Aber sie verdeutlichen das Dilemma, in dem sich Politiker befinden: Ein Teil der Bevölkerung wittert in jeder Klimaschutzmaßnahme teure Bevormundung und eine Einschränkung seiner Freiheit (beispielsweise beim Heizungsgesetz), während andere glauben, es wäre fatal, wenn Klimaziele auch nur minimal aufgeweicht oder ein paar Jahre aufgeschoben werden.

Klimawandel: Veränderungen, die die Gesellschaft stressen

Beide politischen Pole haben recht und unrecht zugleich: Der Klimawandel ist real, messbar und schon heute teuer – und er befeuert beispielsweise die weltweite Migration zusätzlich. Man kann diese Gefahr nicht einfach ignorieren. Das haben selbst Konservative inzwischen verstanden. Gleichzeitig ersetzt Angstmache („Notlage“, „wirtschaftlicher Abstieg“) keine funktionierende Politik und führt eher dazu, dass Menschen abschalten und unwillig werden.

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Die Herausforderung besteht also darin, einen Umgang mit dem Klimawandel zu finden, der die Demokratie und die Gesellschaft nicht spaltet. Der Veränderungen ermöglicht, ohne eine Mehrheit zu überfordern. Nach dem, was bisher zu beobachten war, gibt es leider gewisse Zweifel, ob wir dieser womöglich wichtigsten Herausforderung des 21. Jahrhunderts wirklich gewachsen sind.

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