Homöopathie & Co. bei Krankenkassen: Schluss mit der teuren Eigen-PR!
Die fast 100 Krankenkassen in Deutschland haben ein großes Problem: ihre Finanzen. Sie sind chronisch unterfinanziert, alleine im kommenden Jahr droht ein Defizit von zwölf Milliarden Euro. Die Politik sucht nach Finanzierungs- und Sparmöglichkeiten. Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, schlägt nun vor, die sogenannten Zusatzleistungen der Kassen abzuschaffen. Das ist mehr als überfällig!
An neuen Brillen beteiligen sich Krankenkassen nur in Ausnahmefällen. Eine homöopathische Behandlung, ein neuer Fitness-Tracker oder die Impfung für die nächste Reise in die Tropen – das übernehmen manche Kassen aber ohne große Klagen. Die sogenannten freiwilligen Leistungen sind einst von der Politik ermöglicht worden, um den Wettbewerb unter den Kassen anzufachen. Oder anders ausgedrückt: Mit den freiwilligen Angeboten machen die verschiedenen Kassen Werbung für sich selbst – auf Kosten ihrer Mitglieder. Der medizinische Nutzen ist oft umstritten oder nicht zu erkennen.
Diskussion über Pflichtleistungen der Krankenkassen
„Wenn nicht genug Geld für den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung da ist und gespart werden muss, sind ‚Nice to have‘-Leistungen als Erstes zu streichen“, sagte Gassen nun dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Hintergrund: Neben höheren Beiträgen und Einsparungen bei Ärzten und Kliniken wird auch über Kürzungen von Pflichtleistungen der Kassen diskutiert. Die (vorerst gescheiterte) Forderung des CDU-Wirtschaftsrats vor einigen Wochen, Zahnarzt-Besuche sollen künftig aus eigener Tasche bezahlt werden, fällt in letztere Kategorie.
Gassen beziffert das Einsparpotenzial bei den freiwilligen Leistungen auf eine Milliarde Euro im Jahr. Laut Bundesgesundheitsministerium belaufen sich diese Leistungen inzwischen sogar auf 1,5 Milliarden Euro. Laut einer Kleinen Anfrage der Linkspartei haben sich die Leistungen seit 2012 fast verdoppelt. Damals wurden für Homöopathie, Anthroposophie, Phytotherapie oder ähnlich umstrittene Leistungen „nur“ 780 Millionen Euro ausgegeben.
Gassens Idee könnte Signalwirkung haben
Auch wenn etwa eine Milliarde Euro im Vergleich zu einem Defizit von zwölf Milliarden Euro wie ein Tropfen auf den heißen Stein wirkt – die Forderung Gassens ist richtig. Es ist im Interesse der Beitragszahler, alle unnötigen Kosten zu reduzieren, bevor mehr Beiträge fällig werden oder Leistungen wegfallen. Das sollte in der aktuellen Situation eine ähnliche Selbstverständlichkeit sein, wie schlanke Organisations-Strukturen bei den Krankenkassen selbst – die bis heute aber eher die Ausnahme sind.
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Sollte sich Gassens Idee durchsetzen, könnte das Signalwirkung haben. Denn die Krankenkassen sind keineswegs das einzige Sozialsystem, das neben der alternden Gesellschaft das Problem hat, dass „fachfremde“ Leistungen erbracht werden, die eigentlich nicht vorgesehen bzw. durchfinanziert sind. Neben dem Pflegesystem gilt dies im besonderen Maße für die Rente. Das prominenteste, aber keineswegs einzige Beispiel ist die „Mütterrente“, die aus dem laufenden Umlagesystem finanziert wird. Eingezahlt hat dafür aber nie jemand, was das System in eine zusätzliche Schieflage bringt. Wer also echte Reformen will, muss zuerst mit dem Wildwuchs in den Sozialsystemen aufräumen, der bestenfalls sehr wenigen Menschen und nicht der Allgemeinheit zugutekommt.
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