Daniel Günther

Daniel Günther (CDU) führt in Schleswig-Holstein eine schwarz-grüne Koalition. Foto: picture alliance/dpa/Frank Molter

„Günther-Affäre“: Die fatale Lust auf die große Wut

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Nun hat das Jahr gerade erst begonnen und schon sind alle guten Vorsätze dahin. Wissen Sie noch? Wir dürfen uns nicht spalten lassen! Nicht in Kulturkämpfen aufreiben! Streiten? Ja. Aber fair und grundsätzlich wohlwollend. Und nicht um des Streitens willen, sondern für die bestmögliche Lösung.

Die heillos aufgeregte und konfuse Debatte um einen Talkshow-Auftritt des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) zeigt: Ach, das wird wohl schwer ​…

Was war passiert? Günther war bei Lanz im ZDF zu Gast und hatte dort über die Gefahren von Manipulation in sozialen Medien gesprochen. Und News-Portale wie das von Ex-„Bild“-Chef Julian Reichelt kritisiert, das mit allerhand hart auf Krawall gebürsteten Meldungen Menschen, die Ausländer und Grüne doof finden, für sich zu gewinnen versucht.

Was Günther sagte, war nicht sonderlich brisant

Günther redete so vor sich hin, und was er sagte, war nicht sonderlich brisant und man hatte das schon alles mal gehört. Vorher hatte er sich erneut für eine Prüfung eines AfD-Verbots ausgesprochen. Hatte geklagt über den Einfluss amerikanischer Tech-Konzerne, „die es nicht gut mit unserer Demokratie meinen“. Und für eine Jugendschutzregelung zu Social Media nach australischem Vorbild geworben: also ein Verbot für unter 16-Jährige.


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An einer Stelle, etwa 70 Minuten lief die Sendung da, hakt Lanz ein und sagt: „Was Sie jetzt im Grunde sagen, ist: Wir müssen das regulieren, wir müssen das notfalls zensieren und im Extremfall sogar verbieten.“

Günther stutzt. Und sagt dann: „Ja.“ Es folgt eine Pause. Dann sagt er weiter: „Social Media darf unter 16-Jährigen nicht mehr zugänglich gemacht werden.“

Das Reichelt-Portal und die Springer-Blätter „Bild“ und „Welt“ hantieren seit der Sendung mit schweren Vorwürfen gegen Günther, sogar Rücktrittsforderungen stehen im Raum. Weil dieser regierungskritische Medien abschaffen wolle. Nur: Das hat Günther nie gesagt und das danach auch sehr deutlich klargestellt.

Es geht immer mehr in Richtung amerikanischer Verhältnisse

Das Ganze ist so typisch wie verheerend: In einem Moment der Unklarheit wird die Aussage des Absenders zugespitzt, maximal negativ ausgelegt und dann rotiert sie in Social Media, verkürzt und verdreht, bis keiner mehr weiß, wie es war und was es sollte. Und dass es mit Günther einen liberalen Vertreter der CDU trifft, ist dabei vermutlich kein Zufall.

Als vor ein paar Monaten eine Verfassungsrichterin gewählt werden sollte, lief es ähnlich. Das Ergebnis war ein Scherbenhaufen aus Halbwahrheiten. Im Ergebnis rücken wir mit jedem dieser Vorgänge Zentimeter für Zentimeter mehr in Richtung amerikanischer Verhältnisse.

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Beim ZDF gibt es die Sendung übrigens in der Mediathek. Und das scheint der einzige Weg gegen die permanente Empörungsspirale zu sein, der auch dem einen oder anderen Profi-Kommentator gutgetan hätte: sich einfach mal selbst ein Bild machen.

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