Die ARD huldigt Boateng – und missachtet die Realität häuslicher Gewalt
Die ARD setzt Jérôme Boateng zum Karriereende ein Denkmal. Eine dreiteilige Dokumentation, die seinen Aufstieg und seine sportlichen Erfolge feiert – während die schwerwiegenden Vorwürfe der Gewalt gegen Frauen nur am Rand, spät und erschreckend einseitig vorkommen. Dass diese filmische Rehabilitierung eines mehrfach verurteilten Täters ausgerechnet von unseren Rundfunkgebühren finanziert wird, macht fassungslos.
Denn Boateng ist kein tragisch verkanntes Opfer der Öffentlichkeit, sondern ein Mann, der sich vor Gericht verantworten musste. Das Landgericht München hat ihn 2024 erneut wegen vorsätzlicher Körperverletzung
verurteilt. Das Urteil: eine Verwarnung mit Strafvorbehalt. 200.000 Euro Geldstrafe, die nur dann fällig werden, wenn er binnen eines Jahres erneut straffällig wird.
Ein Signal? Ja – ein fatales. Einmal mehr entsteht der Eindruck, häusliche Gewalt sei ein Kavaliersdelikt. Ein Missverständnis. Eine „Rangelei“.
Pro Stunde werden 15 Frauen Opfer von Partnerschaftsgewalt
Das neue Bundeslagebild macht die Dimension dieses Problems schmerzhaft sichtbar: Pro Stunde werden 15 Frauen Opfer von Partnerschaftsgewalt. 80 Prozent der Täter sind Männer. Seit 2020 ist häusliche Gewalt um 17 Prozent gestiegen. Das ist keine Privatsache – es ist ein massives Problem der inneren Sicherheit. Und es ist die Quittung für jahrzehntelanges Politikversagen.

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Dass die ARD eine Dokumentation sendet, die Boateng zum geläuterten Helden stilisiert, ist mehr als nur unglücklich. Die Regisseurin preist ihren Film gar als „Beitrag zur Diskussion über häusliche Gewalt“. Doch diskutiert wird hier nicht wirklich. Vielmehr erhält Boateng eine Bühne für Selbstinszenierung – ohne echte Einordnung, ohne kritische Distanz, ohne die Stimmen derer, die seine Gewalt erlebt haben.
Resozialisierung braucht Strafe und Reue
Resozialisierung braucht zwei Dinge: eine Strafe und Reue. Eine Strafe gab es nicht wirklich – und Reue
hat er nur oberflächlich gezeigt, als der gesellschaftliche Druck zu hoch wurde.
Der Anwalt der Familie Lenhardt, Markus Hennig, sagte, man habe seine Mandantin um Stellungnahme gebeten. „Dieses Angebot wurde abgelehnt, verbunden mit der eindeutigen Bitte, das Thema Kasia Lenhardt nicht aufzugreifen und nicht einmal den Namen zu verwenden.“
Meinung zu Boateng-Doku: Wegducken vor der Wahrheit
Die Familie wollte, dass der Name der Verstorbenen außen vor bleibt. Doch so, wie die ARD diesen Wunsch
„berücksichtigt“, wirkt es eher wie ein Wegducken vor der Wahrheit. Im Februar 2021 nahm sich Kasia Lenhardt in Berlin das Leben. Kurz zuvor hatte Jérôme Boateng in einem umstrittenen Interview mit „Bild“ das Ende ihrer Beziehung öffentlich gemacht und schwere Vorwürfe gegen sie erhoben. Die Folge war eine massive Welle an Anfeindungen. Wenige Tage später starb Lenhardt.
Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass Kasia Lenhardt kurz vor ihrem Tod erwogen hat, wegen Körperverletzung Anzeige zu erstatten. Tatsächlich hat sie selbst jedoch niemals eine Anzeige gegen Jérôme Boateng gestellt. Die Staatsanwaltschaft München leitete lediglich aufgrund der Anzeige einer dritten Person ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung ein. Dieses Verfahren wurde im Jahr 2025 eingestellt.
Boateng spricht nicht über ungleiche Machtverhältnisse
Boateng spricht in der Doku von Liebe – nicht aber über die ungleichen Machtverhältnisse, die die Beziehung geprägt haben, die Rolle der Medien, die juristischen Konflikte, die Ermittlungen. Der Film übernimmt seine Sicht, statt sie zu hinterfragen.
Wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender eine Lobeshymne auf einen Mann sendet, der wegen Gewalt gegen Frauen verurteilt wurde, sendet er eine Botschaft – und zwar, dass solche Taten keine wirklichen Konsequenzen haben. Dass sportliche Erfolge menschliches Versagen überwiegen. Und dass Frauen, die Gewalt erleben, im Zweifel unsichtbar bleiben.
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Wir müssen häusliche Gewalt ernst nehmen, nicht verharmlosen. Wir müssen Ressourcen bereitstellen, Prävention stärken, Gleichstellung fördern, Machtmissbrauch klar benennen. Und vor allem: Wir müssen sicherstellen, dass diejenigen, die Gewalt ausüben, nicht unkritisch in der Primetime gefeiert werden.
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