Der Zar ist nackt! Warum Putins Schröder-Vorschlag eine Chance bietet

Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) bezeichnet Wladimir Putin als „Freund”. Kann er ihn zu einem Frieden bewegen?
Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) bezeichnet Wladimir Putin als „Freund”. Kann er ihn zu einem Frieden bewegen?

In Russland und im Ausland lebt Wladimir Putin vom Image des „starken Mannes”. Doch spätestens die jüngste „Siegesparade” zum 9. Mai hat gezeigt: In Wahrheit ist der Zar im Kreml nackt! Er hat seine einstige militärische und politische Macht fast vollständig eingebüßt. Die Anzeichen mehren sich, dass Putin eigentlich Frieden machen will oder sogar muss. Jede Chance auf Gespräche sollte genutzt werden.

Relativ überraschend hat Putin nun angedeutet, dass die russische „Spezialoperation” in der Ukraine bald enden könnte. Die Situation auf dem Schlachtfeld und der Zustand der russischen Wirtschaft zwingen ihn wohl langsam zum Umdenken. Mindestens genauso überraschend: Er will mit den Europäern ins Gespräch kommen, die bisher bei Verhandlungen kaum eine Rolle gespielt haben und deren Regierungschef Putin gerne als „kleine Schweinchen” bezeichnet. Der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) soll nun also den „Vermittler” spielen. Donald Trump ist dies augenscheinlich nicht mal im Ansatz gelungen.

Misstrauen gegen Putin bleibt berechtigt

Es gibt sicher viele Gründe, Putin zu misstrauen. Er hat sein Wort und internationale Verträge schon zahllose Male gebrochen. Auf der Siegesparade in Moskau glorifizierte er erneut auf widerwärtige Art den Soldaten-Tod. Und statt in nebulösen Nebensätzen über einen möglichen Frieden zu reden, könnte der militärische Aggressor Taten sprechen lassen und beispielsweise mit der Bombardierung ukrainischer Zivilisten aufhören. Weil diese deeskalierenden Taten und Töne bisher fehlen, hat die Bundesregierung dem Vorschlag einer Vermittlung durch Schröder bereits eine Absage erteilt. Vor allem Teile der SPD nehmen die Idee allerdings begeistert auf.

Dabei ist nicht unbedingt entscheidend, was man in Berlin von dem Vorschlag hält. Wichtiger ist, wie man in Kiew denkt. Zwar hat die dortige Regierung ein Interesse an einem gerechten Frieden. Allerdings dürften ein persönlicher Freund Putins, der jahrelang üppig bei russischen Staatskonzernen kassiert hat, wohl kaum als „ehrlicher Makler” wahrgenommen werden.

Eine kollektive russische Psychose

Und trotz allem: Europa sollte sich die „Option Schröder” offen halten. Es geht vor allem darum, Putin in Gesprächen klar zu machen, dass seine fixe Idee, Russland wieder zu einem großen Imperium wie die Sowjetunion zu machen, gescheitert ist und von vorne herein eine absurde Vorstellung war (die Hunderttausende Menschenleben gekostet hat). Ähnlich wie im 20. Jahrhundert bei Großbritannien und Frankreich hat der Zerfall des russischen Imperiums bei Putin politische „Phantomschmerzen” ausgelöst. Statt diese auszuhalten, hat der gelernte Geheimdienst-Agent versucht, sie durch die Eroberung der Ukraine zu heilen.

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Diese kollektive russische Psychose vom „Imperium” ist nun militärisch erkennbar an ein Ende gekommen. Erst wenn Putin – oder ein Nachfolger – dies wirklich akzeptiert, besteht eine Chance, dass Russland einen Frieden mit der Ukraine eingeht, der auch die Interessen des Angegriffenen berücksichtigt. Um es mit der Abwandlung eines berühmt‑berüchtigten Zitats des deutschen Philosophen Richard David Precht zur Ukraine von 2022 zu sagen: Russland kann diesen Krieg nicht gewinnen. Putin hat die Pflicht zur Klugheit, einzusehen, wann man aufhören muss.

Einen Versuch ist es allemal wert!

Gespräche der Europäer mit Putin könnten diesen Erkenntnisprozess beschleunigen. Einen Versuch ist es allemal wert!