Der Sex-Verbrecher und die Politik: Das Epstein-Beben
Mehr als drei Millionen Seiten, 2000 Videos und etwa 180.000 Bilder: Durch ein Gesetz des US-Kongresses sind die Akten des 2019 verstorbenen Sex-Verbrechers Jeffrey Epstein öffentlich zugänglich. Allerdings mit erheblichen Schwärzungen an wichtigen Stellen. Zudem sind wohl drei Millionen weitere Dokumente noch unbekannt. Trotzdem erschüttern die Enthüllungen gleich mehrere Länder – und nähren den Verdacht einer russischen Geheimdienstoperation.
In den Akten wimmelt es nur so von Hinweisen auf schwere Sexualverbrechen. Und trotzdem sitzt bisher nur eine Person hinter Gittern: Ghislaine Maxwell (64), Langzeit-Freundin von Epstein und eine Art „Puffmutter“ in seinem Netzwerk mit jungen und auch minderjährigen Frauen. Die reichen und mächtigen Männer, mit denen sich der verstorbene Investmentbanker geschäftlich und privat umgab, stehen nun zwar am Pranger, werden bisher aber nicht juristisch verfolgt. Wenn jemand in den Epstein-Files auftaucht, beweist dies nicht automatisch auch Fehlverhalten. Eine wirkliche Aufklärung der Affäre würde also Jahre in Anspruch nehmen – sofern sie gewünscht ist.
Epstein-Akten: Trump will schnell das Thema wechseln
Donald Trump hat deutlich gemacht, dass er daran kein Interesse hat. Er selbst sieht sich durch die Veröffentlichung entlastet und empfiehlt, die Nation möge sich „wichtigeren Themen“ zuwenden. Reporter, die ihn nach Epstein – seinem langjährigen besten Freund – fragen, werden von ihm angeschnauzt. Trump und seine Frau Melania werden allerdings mehr als 38.000-mal in den bekannten Akten erwähnt. Mutmaßliche Opfer, teilweise damals minderjährig, berichteten von sexuellen Übergriffen, an denen auch der heutige US-Präsident beteiligt gewesen sein soll. Was über Trump hinter den (üppig) geschwärzten Stellen der Akten zu lesen ist, lässt sich nur mutmaßen.
Ein (grober) Überblick über erste Erkenntnisse und Folgen:
USA
Auch die Tech-Milliardäre Elon Musk und Bill Gates dominieren gerade die Schlagzeilen. Musk bettelte Epstein an, auf „wildeste Partys“ auf seine Sex-Insel in der Karibik eingeladen zu werden. Gates soll sich bei einer Russin eine Geschlechtskrankheit eingefangen haben und seiner Ehefrau später heimlich Antibiotika ins Essen gemischt haben.
Ex-Präsident Bill Clinton ist auf vielen Fotos zu sehen, seine Frau Hillary findet ebenfalls hundertfache Erwähnung. Nachdem sich die Clintons zunächst geweigert hatten, vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses auszusagen, haben sie nun ihr Kommen zugesagt. Nicht ausgeschlossen, dass ihr Auftritt auch neue Erkenntnisse über die Rolle Trumps in Epsteins Netzwerk bringen wird. Sie bestehen auf eine öffentliche Anhörung.
Russland
Wladimir Putin taucht 1056-mal namentlich in den Akten auf. Russland wird mehr als 9600-mal erwähnt. Epstein rühmt sich in vielen E-Mail-Wechseln seiner guten Kontakte nach Moskau. Geheimdienstexperten halten es inzwischen für wahrscheinlich, dass das Epstein-Netzwerk Teil einer russischen „Honig-Falle“ war: Epstein hat mächtigen Männern in den USA und in Europa junge Frauen und Minderjährige zugeführt – um sie später mit heimlich gesammeltem Material zu erpressen oder das Material nach Moskau zu verkaufen.
Endgültige Beweise dafür fehlen, auch wenn sich Epstein schon lange in der Welt der Geheimdienste bewegte – eingeführt wurde er wohl noch durch Robert Maxwell, den Vater seiner langjährigen Lebensgefährtin, der bereits engste Kontakte in die Sowjetunion pflegte. Indizien für die Russland-Connection Epsteins gibt es aber zuhauf: So liegen beispielsweise Dutzende E-Mails zwischen Epstein und Sergei Belyakow vor. Der gelernte FSB-Agent leitet bis heute das St. Petersburger Wirtschaftsforum.
Epstein half, Gäste für das Forum zu finden, Belyakow soll Epstein junge Russinnen für seinen Sex-Ring vermittelt haben. Auch Maria Drokova wird mehr als 1600-mal in den Akten erwähnt. Sie war eine frühere Aktivistin für die Putin-Jugend „Naschi“, lebt heute in den USA. Sie war Epsteins PR-Beraterin und vermittelte für einen Epstein-Fonds wohl russische Oligarchen. Polens Premier Donald Tusk hat inzwischen – zum Ärger des Kremls – eine genauere Untersuchung von Epsteins Verbindungen nach Moskau angekündigt.
Deutschland
In den Akten sind auch mehrere Unions- und AfD-Politiker erwähnt. Vor allem im Zusammenhang mit Trumps ehemaligem rechtsextremem Chefberater Steve Bannon. Der tauschte sich mit einer unbekannten Person (Angaben geschwärzt) über die Tauglichkeit der Politiker für eine Zusammenarbeit aus.
Über Björn Höcke urteilte er, dieser spreche zwar viele Menschen an, verschrecke mit seiner Radikalität aber womöglich viele Unentschlossene. Zudem prahlte Bannon 2018 damit, die AfD könne mit anderen rechtspopulistischen Parteien im Europaparlament die Regulierung von Kryptowährungen verhindern.
Die AfD bestreitet, dass Bannon für sie als Berater tätig war – gegen die Krypto-Regulierung im EU-Parlament stimmte sie trotzdem. Auch über den deutsch-amerikanischen Investor Peter Thiel und die Deutsche Bank finden sich Informationen in den Unterlagen. Thiel, einer der „Trump-Flüsterer“ im Silicon Valley, war eng geschäftlich mit Epstein verbandelt. Epstein investierte 40 Millionen Dollar in Thiels Fonds „Valar Ventures“. Bei der Deutschen Bank soll Epstein mehr als 40 Konten gehabt haben – die Finanzierung seines Missbrauchs-Netzwerks lief wohl zum Teil über Frankfurt. Die Bank hat im Zusammenhang mit Epstein 2020 Strafen in den USA gezahlt. Und auch der deutsche KI-Spezialist Joscha Bach taucht in den Akten auf. Epstein bezeichnete ihn als „mein Mann für KI“. Offenbar ließ er ihm etwa eine Million Dollar zukommen – allerdings sei das Geld nie an Bedingungen geknüpft gewesen, sagt Bach.
Großbritannien
Das Königshaus ist durch die Affäre schwer erschüttert. Schon seit Monaten kommen neue Enthüllungen über den Bruder des Königs, Andrew Mountbatten-Windsor – ehemals Prinz Andrew – ans Licht. Bizarr: Seine Frau „Fergie“ nahm einen Kredit von Epstein und forderte ihn in einer Mail auf, sie zu heiraten. Briten-Premier Keir Starmer verlangt inzwischen vom Königsbruder, dieser solle in die USA reisen und sich vor dem Kongress erklären und entschuldigen. Mit dem ehemaligen EU-Handelskommissar und britischen US-Botschafter Peter Mandelson ist bereits ein prominenter Politiker wegen Epstein zurückgetreten – von seinem Amt im britischen Oberhaus. Viel fürchten, Mendelson könnte Staatsgeheimnisse verraten haben.
Norwegen
Norwegen ist in Aufruhr, weil nun herausgekommen ist, dass Kronprinzessin Mette-Marit lange Zeit in engerem Kontakt mit Epstein stand. E-Mails zeigen, dass das ehemalige „Partygirl“ sich mit ihm unter anderem über erotische Fragen austauschte. In einer Erklärung sprach sie von einer „Peinlichkeit“ und ihrem „schlechten Urteilsvermögen“. Zudem wurde die norwegische Spitzendiplomatin Mona Juul suspendiert. Laut Medienberichten sind ihre beiden Kinder in Epsteins Testament als Erben von insgesamt zehn Millionen Dollar eingesetzt. Juul will nur sproradischen Kontakt gehabt haben, ihr Mann soll geschäftlich mit Epstein verbunden gewesen sein. Ebenfalls im Fokus: Der ehemalige norwegische Premierminister Thorbjørn Jagland, der von 2009 bis 2019 auch Generalsekretär des Europarates war. Er soll ein weiterer wichtiger Kontaktmann Epsteins zu Putin gewesen sein.
Fazit:
Mit der Veröffentlichung eines Teils der Epstein-Akten steht die Aufklärung erst am Anfang. Klar scheint schon jetzt, dass sich dort ein Netzwerk von mächtigen Menschen jenseits des Gesetzes wähnte – und sich oft erpressbar gemacht hat. Ob die Verantwortlichen für ihre strafrechtlich relevanten Handlungen jemals zur Rechenschaft gezogen werden, ist aber fraglich.
Und: Hat überhaupt jemand die Opfer im Blick? Das zuständige US-Justizministerium hatte zunächst mit dem großen Schwung an Akten auch Namen, Adressen, Telefonnummern und sogar Nacktfotos von mehr als 20 Opfern veröffentlicht, die das ausdrücklich nicht wollten. Das wirkt nicht so, als würden die Frauen die Trump-Regierung kümmern. Ganz im Gegenteil.
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