FIFA-Boss Gianni Infantino (r.) kroch US-Präsidenten mit einem extra erfundenen Friedenspreis in den Allerwertesten. Ähnliches steht auch zur WM zu befürchten.

FIFA-Boss Gianni Infantino (r.) kroch US-Präsidenten mit einem extra erfundenen Friedenspreis in den Allerwertesten. Ähnliches steht auch zur WM zu befürchten. Foto: picture alliance/dpa/AP | Chris Carlson

Boykott der WM? Ja, denn Fußball ist nie unpolitisch!

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In Anbetracht der jüngsten Ereignisse in Minneapolis und anderen US-Städten wird der Ruf nach einem Boykott der Fußball-WM in den USA in diesem Sommer immer lauter. So unterschiedliche Figuren wie der umstrittene ehemalige FIFA-Pate Joseph Blatter und St. Pauli-Boss Oke Göttlich empfehlen inzwischen einen solchen Schritt. Doch vermutlich fehlt dem Deutschen Fußball Bund (DFB) mal wieder der Mut – dabei wäre ein Boykott durchaus zu rechtfertigen. Denn ein solches Turnier ist nie unpolitisch.

Ursprünglich war die WM als Signal der Völkerverständigung gedacht: Mexiko, Kanada und die USA tragen diese Weltmeisterschaft gemeinsam aus – und die Fans feiern in den Stadien friedlich die Werte des Fußballs wie Gemeinschaft, Inklusion und Unbeschwertheit. Doch US-Präsident Donald Trump hat diese Idealvorstellung ad absurdum geführt: Mexiko hat er den Wirtschaftskrieg erklärt und Kanada sähe er – zum großen Zorn der meisten Kanadier – gerne als 51. Bundesstaat der USA.

ICE wütet und die Fans im Stadion feiern friedlich?

Gleichzeitig zeigt die Ermordung von zwei Demonstranten im Zusammenhang mit Razzien der Einwanderungsbehörde ICE, dass Trump die eigene Gesellschaft militarisiert und gezielt Angst und Schrecken verbreitet, um seine autoritären Ideen durchzusetzen. Ist es wirklich vorstellbar, dass europäische Fans friedlich in den US-Stadien feiern, während auf den US-Straßen Zuwanderer, Menschen, die keinen Ausweis bei sich tragen, oder auch kleine Kinder von vermummten Polizisten zeitweise oder dauerhaft verschleppt werden?

Eigentlich nicht. Denn eine „ganz normale“ WM würde doch eine Form von Zustimmung zu dem düsteren Weg bedeuten, auf dem sich die USA gerade befinden. Und Donald Trump kann es kaum erwarten, sich auf dieser großen internationalen Bühne als jovialer, demokratischer Staatsmann zu inszenieren – der er nicht ist! Der US-Präsident hat bereits angekündigt, dass er den WM-Pokal persönlich übergeben will.

Die FIFA wird Trumps Selbstinszenierung nicht behindern

Trump versteht solche Auftritte bei Sportveranstaltungen als Machtdemonstration. Es steht zu befürchten, dass FIFA-Chef Gianni Infantino dem US-Präsidenten jede Gelegenheit zur Selbstinszenierung während der Weltmeisterschaft gewähren wird. Immerhin hat der oberste Chef des Weltfußballs vor wenigen Monaten sogar einen eigenen „FIFA-Friedenspreis“ gebastelt, nur um Trumps Eitelkeit zu schmeicheln und ihn über den zu Recht nicht an ihn verliehenen Friedensnobelpreis hinwegzutrösten.

Eine kritische Distanz der FIFA zu Trump ist also nicht zu erwarten. Pikant: Selbst die amerikanische NFL schafft es, Distanz zwischen sich und Trump zu bringen. Dem diesjährigen Super Bowl bleibt der US-Präsident fern. Er begründet dies mit einem langen Flug von Washington nach Santa Clara. Der wahre Grund dürfte woanders liegen: Zur Halbzeit-Show treten nur Künstler wie „Bad Bunny“ oder „Green Day“ auf, die als extrem Trump-kritisch gelten. Zudem war Trump bei seinem letzten Stadionbesuch vor heimischem Publikum ausgebuht worden.

Offenbar sind die Geldprämien der FIFA dem DFB heilig

Es gäbe also Gründe für die bei Trump verhassten Europäer, diese WM zu boykottieren. Kanada und wohl auch Mexiko hätten dafür sicher Verständnis. Doch wie bereits die Fußball-Weltmeisterschaften in Katar und Russland gezeigt hatten, ist der DFB als größter Verband der europäischen Fußball-Vereinigung UEFA nicht willens, ernste Konsequenzen aus ernsten Vorgängen zu ziehen. In Katar wollte man für Frauen- und Minderheitenrechte werben – die deutsche Elf sollte mit Regenbogen-Binde auflaufen. Doch selbst dabei knickte der DFB ein. Heraus kam eine „Mund zu“-Aktion der Mannschaft, die eher peinlich wirkte.

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Und auch heute ist DFB-Chef Bernd Neuendorf kurz angebunden, wenn er auf einen möglichen Boykott angesprochen wird. DFB-Kapitän Joschua Kimmich erklärt sogar, er wolle sich gar nicht mehr politisch äußern – auch nicht zur Boykott-Diskussion. Offenbar sind die Geldprämien der FIFA bei einem WM-Auftritt doch wichtiger als Glaubwürdigkeit. Wenn DFB und UEFA schon keinen Boykott hinbekommen, verschonen sie uns hoffentlich künftig wenigstens mit gut gemeinten Aufforderungen, die Werte des Sports hochzuhalten. Als Zuschauer hat man im Sommer die Möglichkeit, sein Missfallen mit der Situation auszudrücken: indem man die Spiele einfach nicht anschaut. Vergleichsweise niedrige Einschaltquoten dürften auch die ignorantesten Funktionäre irgendwann zum Umdenken bringen.

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