Ärger um Elektro-Boliden: Warum mich der neue Ferrari so sehr aufregt

Ferraris Zeitenwende: Mit dem Luce präsentiert Ferrari sein erstes rein elektrisches Modell.
Ferraris Zeitenwende: Mit dem Luce präsentiert Ferrari sein erstes rein elektrisches Modell – und polarisiert wie nie zuvor.

„Was hältst du vom neuen Ferrari Luce?“ Solche Nachrichten häufen sich in meinem Handy diese Tage. Ich dachte erst an einen schlechten KI-Fake. Das soll ein Ferrari sein? Kein brüllender Zwölfzylinder, keine klassische Sportwagenlinie, stattdessen irgendwo zwischen iPhone, Raumschiff und Edel-Toaster. Geschniegelt, glatt und ohne Seele. Warum das so schwer zu begreifen ist.

Erste Reaktion – Schock. Innerer Kurzschluss. Dieses Ding löst etwas aus, gerade weil es nicht das ist, was man erwartet. In der Psychologie gibt es einen Begriff dafür: den Semmelweis-Effekt. Er beschreibt die instinktive Ablehnung radikaler Innovationen, wenn sie nicht ins bestehende Weltbild passen – hier also das klassische Ferrari-Image, mit dem wirklich jeder in Italien aufgewachsen ist und das die internationale Sportwagen-Community seit fast einem Jahrhundert prägt.

Wie sagte Enzo Ferrari damals so schön? „Ich verkaufe keine Autos. Ich verkaufe Motoren. Die Autos gebe ich kostenlos dazu, weil man ja schließlich etwas braucht, um die Motoren einzubauen.“ Ein beinahe Totschlagargument – auch für den Luce.

Als Italiener trifft mich das noch einmal auf einer ganz anderen Ebene. Geprägt von Ferraris wie dem F40, dem Enzo oder dem LaFerrari, die ich als Kind und Jugendlicher an der Straße erlebt habe – jedes Mal Gänsehaut pur –, vom nationalen Stolz und von einer Scuderia, die Motorsportgeschichte geschrieben hat. Unbeschreiblich.

Eine Revolution: Der Ferrari für „Nicht-Ferrari-Kunden“

Ferrari selbst und renommierte Medien kommen zu einem eindeutigen Fazit: Der Luce ist vor allem für die „Nicht-Ferrari-Kunden“ gedacht. Maranello will neue Märkte erschließen und ein radikal neues Konzept schaffen, ohne die klassische Modellpalette anzutasten – und offenbar auch ohne Rücksicht auf Verluste. Der Luce ist so gesehen eher ein Experiment – eine extrem teure Erkundung des Unbekannten. Und genau dieses Unbekannte sorgt für Irritation, besonders wenn es einen so heiligen Markenkern trifft. Das bekommt Ferrari derzeit auch an der Börse zu spüren und damit wurde vermutlich sogar gerechnet.

Auch das Interieur wirft Fragen auf. Soll es noch ein Ferrari oder ein Apple Car sein?
Auch das Interieur wirft Fragen auf. Soll es noch ein Ferrari oder ein Apple Car sein?

Viele im Netz fragen sich deshalb: Warum kein eigenes Sub-Brand für so ein Projekt, wie es andere Hersteller bei der E-Mobilität machen? Die Antwort aus Maranello ist klar: Bei Ferrari ist Identität alles. Man will den Wandel nicht auslagern, sondern selbst definieren – auch wenn das polarisiert.

Ferrari Luce: Ein teures Technik-Wunder

Ein freies Kunstprojekt ist der Luce trotzdem nicht, im Gegenteil. Ferrari hat die technischen Vorgaben extrem streng gesetzt. Dahinter steckt eine völlig neue Architektur – und rund 60 neue Patente.

Ferrari hat nicht einfach eine bestehende Plattform elektrifiziert, sondern die gesamte Antriebslogik neu gedacht: Der Luce hat vier Elektromotoren (einen pro Rad, insgesamt mehr als 1000 PS), die von einem Torque-Vectoring-System und aktiven Fahrwerkskomponenten gesteuert werden, die von der F80 abgeleitet sind und synchron arbeiten. Der Wagen schickt also die Kraft dorthin, wo sie gerade am meisten bringt.

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Noch ein paar Eckdaten zum 2300-Kilo-Boliden: bis zu 310 km/h, 0 auf 100 in 2,5 Sekunden. Hört sich viel an, geht im E-Supercar-Segment aber noch schneller – und hübscher – und günstiger. Apropos Preis: Der Luce kostet rund 550.000 Euro.

Das muss erst einmal verdaut werden

Und das Thema Sound? Ferrari setzt auf ein System, das reale Vibrationen mechanisch erfasst und in den Innenraum überträgt – ähnlich wie ein Pickup bei einer E-Gitarre. Der Klang entsteht also aus der Technik selbst und reagiert auf die Fahrweise. Immerhin: keine künstlichen Lautsprecher-Illusionen wie beim neuen Mercedes AMG GT 4, der zurzeit ebenfalls für reichlich kritische Schlagzeilen sorgt.

Emotionen löst dieses Technik-Wunder bei mir trotzdem nicht. Vielleicht verstehe ich es aber eben einfach noch nicht. Am Ende bleibt es eine halbe-Million-Euro-Wette, die die Spielregeln neu schreibt. Und ob der Luce damit Geschichte schreibt oder scheitert, wird sich zeigen. Eins ist sicher: Das wird nicht nur in Italien erst einmal verdaut werden müssen.