• Foto: MOPO/Eva Jost

Ich bin 17, trotzdem „Ossi“: MOPO-Reporterin: Wie lang bleibt die Mauer in den Köpfen?

Mecklenburg-Vorpommern –

Ein Ossi, der noch nie in der DDR gewesen ist: Das bin ich. Ich kenne die DDR-Geschichten meiner Familie und esse gerne Soljanka – aber wachse heute in einer westdeutsch geprägten Gesellschaft auf. Wie es ist, in einem geteilten Land zu leben, weiß ich nicht. Ich versuche zu verstehen, warum viele Deutsche immer noch in zwei Kategorien denken – und „Ossi“ und „Wessi“ immer noch alltägliche Begriffe sind.

Vor einiger Zeit stellte eine Freundin meiner Eltern ihren neuen Partner vor. Sympathischer Typ, aber: Er wohnt und arbeitet in Hamburg, im Westen also. Dass dies überhaupt thematisiert wurde, konnte ich ebenso wenig verstehen wie die Erleichterung über die Tatsache, dass er in Brandenburg geboren und aufgewachsen ist. „Ahh, ein Ossi!“, freute sich der Freundeskreis meiner Eltern.

Tag der deutschen Einheit: Ist die Mauer immer noch da?

„Ossi“, „Wessi“ – die Begriffe kenne ich natürlich. Aber ihre Bedeutung ist mir fremd. Als ich geboren wurde, war Deutschland bereits seit zwölf Jahren wiedervereinigt, die Mauer seit dreizehn Jahren gefallen. Die in Berlin zumindest – aber gerade in den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass in den Köpfen vieler Deutscher noch Bollwerke stehen, Sinnbilder scheinbar unvereinbarer Gegensätze.

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Das Karl-Marx-Plakat im Hintergrund: Die Mutter von MOPO-Reporterin Pauline Reibe mit ihren Klassenkameraden auf einer Zeugnisübergabe.

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Reibe

Gerade am Wochenende saßen meine Familie und ich wieder zusammen im Garten in meiner schönen Heimatstadt in Mecklenburg-Vorpommern und feierten den Geburtstag meiner Mutter. Ich liebe diese Nachmittage mit den Verwandten, Kuchen, Kaffee und Gemütlichkeit. Ein Zusammensein, das meine Oma mütterlicherseits an Ostzeiten erinnert. Und so kommt schneller, als ich es vermutet hätte, das Thema DDR auf.

Pauline Reibe: Ich bin ein Ossi, der noch nie in der DDR gewesen ist

Ich kenne dieses Thema vor allem aus meiner Zeit in der Oberstufe und denke sofort an Schlagwörter wie Stasi, eingeschränkte Reisefreiheit, kaum Produktvielfalt und das Gefühl, eingesperrt zu sein. Das komplette Gegenteil von dem, an was meine Oma denkt. Denn das alles war normal für sie und hat sie nicht gestört, sie kannte es ja nicht anders. Stattdessen berichtet sie von einer unbeschwerten Zeit:„Wir hatten ja alles – essen, trinken, eine schöne Wohnung, niedrige Mieten.“ Sie habe die flächendeckende medizinische Versorgung geschätzt, sie sei besser gewesen als heute, so meine Oma.

In den 1980er Jahren durfte Oma ihre Tante in Oldenburg besuchen. Die Auswahl in den Geschäften erschlug sie förmlich. „Das konnte man gar nicht alles überblicken.“ Mit dem Begrüßungsgeld für Ostbürger habe sie sich „nur Quatsch“ gekauft. „Schokoladen- und Kaugummizigaretten und so was. Alles, was man bei uns nicht kriegen konnte.“

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Typisch DDR: Ein Wartburg.

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Reibe

Meine Großeltern, meine Eltern und ihre besten Freunde erzählen, wie sie voller Spannung Westpakete geöffnet haben, schwärmen von vierwöchigen Sommerurlauben in Tschechien und Ungarn, von einem innigen Familienleben mit viel Geborgenheit. „Aber eine Kittelschürze und ein Kopftuch habe ich nie getragen und das werde ich auch nicht“, lacht meine Oma.

Sommerurlaub, Familienleben, spannende Westpakete: Ostzeiten wecken positive Erinnerungen

Mit Kittelschürze und Kopftuch – stellen die „Wessis“ sich so die Ostdeutschen vor? Meine Omas sind sich jedenfalls einig, dass es noch immer Vorurteile gibt – die Ossis seien nicht gut genug ausgebildet, hätten nicht genügend gearbeitet und ihre Kinder in Kindergärten abgeschoben – Einrichtungen, die es im Westen selten bis gar nicht gab. „In meinem Betrieb hat jemand aus Westdeutschland einmal gesagt: Die Ossis erkennt man an ihrer gebückten Haltung und daran, dass sie in Hotels immer das Buffet aufräumen“, erzählt meine Oma väterlicherseits.

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„Es hat uns an nichts gefehlt“: Pauline Reibes Mutter beschreibt ihre Kindheit in der DDR als glücklich und unbeschwert.

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Reibe

So richtig zusammengewachsen sei Deutschland noch nicht, aber es sei auf einem guten Weg. „In deiner Generation ist die Teilung ja kaum noch ein Thema“, sagt Oma. Aber gewisse ostdeutsche Verhaltensweisen seien ihrer Meinung nach geblieben. „Das Fragen zum Beispiel. Beim Bäcker fragen wir: „Haben Sie vielleicht…?“ anstatt zu sagen: „Ein Brötchen bitte.“ Wir gehen eben nicht davon aus, dass alles immer verfügbar ist.“

DDR und BRD: Deutschland wächst nur langsam zusammen

Zudem seien auch Sparsamkeit und Einfallsreichtum bei vielen Menschen noch tief verwurzelt. Oma erinnert sich gern an Ostzeiten, die DDR zurück wünscht sie sich trotzdem nicht. „Die Freiheit, die man jetzt kennengelernt hat, möchte man natürlich nicht mehr missen.“

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Und ich höre immer wieder gerne die DDR-Geschichten meiner Familie und verstehe nun zumindest ein bisschen, warum die Teilung Deutschlands noch immer so ein großes Thema ist in unserer Gesellschaft und es sie immer noch gibt, die ostdeutsche Identität. Zum Abschluss frage ich noch meinen besten Kumpel, ob er sich denn als „Ossi“ bezeichnen würde. Doch er schaut mich nur verwirrt an und fragt: „Wieso, die Mauer ist doch längst gefallen?“

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