Sensation im Norden: Das ist über die fledermausjagenden Ratten bekannt
Diese Tiere „haben das Potenzial zum Raubtier“: Forschende filmen mit einer Infrarotkamera, wie Wanderratten Fledermäuse im Flug jagen. Dies ist nicht etwa ein Zufall – „die Ratten haben konkret Jagd auf die Fledermäuse gemacht“, so der Experte Florian Gloza-Rausch. Die Kalkberge sind eines der wichtigsten Fledermaus-Winterquartiere Norddeutschlands, für bis zu 36.000 Tiere jährlich. Ein derartiges neues Verhalten der Ratten könnte die Population der ohnehin schon streng geschützten Flughunde bedrohen. Auch für Menschen könnte dieses neue Phänomen potenzielle Risiken bergen.
Verweste Kadaver liegen in dunklen Gängen, in denen ein lautloser Jäger im Verborgenen lauert, plötzlich zuschnappt – und mit einem gezielten Biss tötet. Was wie der Plot eines Horrorfilms klingt, ist eine wissenschaftliche Sensation: Forschende des Museums für Naturkunde Berlin entdecken, dass Wanderratten an den Kalkbergen von Bad Segeberg und Lüneburg eine neue Jagdstrategie entwickeln. Ihr Ziel? Die streng geschützten Fledermäuse, die dort in riesiger Zahl überwintern.
So jagen Ratten Fledermäuse am Kalkberg
Bildaufnahmen von Infrarotkameras zeigen dabei das Unglaubliche: Die Ratten fangen die Tiere direkt im Flug. Diese Beobachtung ruft auch die internationale Presse und Wissenschaft auf den Plan. Das Telefon von Florian Gloza-Rausch aus Flintbek, Hauptautor der Studie und Fledermausexperte, steht nicht mehr still, sein Mailpostfach läuft über. „Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet“, sagt er.
Zwar wurden die Aufnahmen bereits vor fünf Jahren gemacht, die Studie aber erst jetzt veröffentlicht. Gloza-Rausch und sein Team haben beobachtet, dass die Ratten bei ihrer Fledermausjagd sehr geschickt sind und sie sogar zwei unterschiedliche Jagdstrategien haben. Entweder fangen sie die Fledermäuse direkt in der Luft, wenn diese vorbeifliegen. „Dabei stellen sich die Ratten auf die Hinterbeine, balancieren mit dem Schwanz und greifen mit den Vorderpfoten nach vorbeifliegenden Tieren. Wenn der Fang klappt, töten sie die Fledermäuse sofort mit einem Biss und schleppen sie weg“, sagt Florian Gloza-Rausch.
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Diese Angriffe finden in völliger Dunkelheit statt. Die Ratten orientieren sich wohl an den Luftbewegungen der Flügel oder ihren Tasthaaren. Oder die Ratten lauern Tieren auf, die im Durchflugschlitz kurz landen. Sie schnellen vor, packen die Fledermäuse mit den Vorderpfoten und töten sie ebenfalls mit einem kräftigen Biss.
Wie Ratten gezielt Fledermäuse jagen
Kann das nicht auch nur Zufall sein? „Nein, die Ratten haben konkret Jagd auf die Fledermäuse gemacht“, so Gloza-Rausch. Sie haben „das Potenzial zum Raubtier. Bietet sich die Gelegenheit, dann wird diese genutzt”, so der Forscher.
Als Gloza-Rausch und sein Team zuerst die Fledermauskadaver in Bad Segeberg entdeckten, ahnten sie davon jedoch noch nichts. Anfangs gehen sie noch von einer „lokalen Kuriosität“ aus. Als etwas später dann auch am Lüneburger Kalkberg Funde auftauchen, steht fest: Das ist ein neues, weitreichendes Phänomen an den wichtigsten Fledermaus-Winterquartieren Norddeutschlands.
„Unsere Beobachtungen zeigen zum einen, wie anpassungsfähig und geschickt sich Wanderratten in städtischen Ökosystemen Nahrungsquellen erschließen, und weisen gleichzeitig auch auf ein Artenschutzproblem durch invasive Tierarten hin. Unseres Wissens ist derartiges Verhalten von Wanderratten noch nicht wissenschaftlich dokumentiert worden“, so Gloza-Rausch.
Dabei treffe diese neue Bedrohung die Fledermäuse, die die größten Säugetieransammlungen pro Fläche in ganz Deutschland bilden, besonders hart, sagt er weiter. Die Kalkberge dienen den Fledermäusen – von denen in Bad Segeberg zu Spitzenzeiten bis zu 36.000 Tiere überwintern – als lebenswichtiger Ort für Paarung und so auch dem Genaustausch. Regelmäßige Beutezüge durch Wanderratten können laut Studie auch die Fledermauspopulation bedrohen. Die hätten ohnehin schon große Probleme, ihre Quartiere zu erreichen, da sie durch Lichtverschmutzung und Infrastrukturprojekte wie Autobahnen im Umfeld der Kalkberge gefährdet seien, so Gloza-Rausch.
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Auf die Frage, ob er sich Sorgen mache, antwortet er: „Grundsätzlich ja. Bei Rattenbefall sollte im Sinne des Artenschutzes sofort gehandelt werden.“
Rattenbekämpfung muss Priorität haben
Hinzu komme ein mögliches Gesundheitsrisiko. Wie Co-Autorin Mirjam Knörnschild schreibt, sind Fledermäuse und Ratten Träger verschiedener Viren, zum Beispiel von Coronaviren. Die Jagd schaffe einen Kontaktpunkt, an dem ein Erregertausch grundsätzlich möglich sei, so Knörnschild.
Eine akute Krankheitsgefahr bestehe aber nicht, ein gezieltes Rattenmanagement sei aber dennoch nötig. „Eine gezielte Bekämpfung von Wanderratten an wichtigen Fledermaus-Winterquartieren würde sowohl gefährdete Fledermauspopulationen schützen, als auch potenzielle Risiken für die öffentliche Gesundheit verringern“, so Knörnschild.